Schlagwort-Archive: Positivismus

Lessings Katharsis und das Subjekt in der Moderne

Als wesentliches Krisensymptom unserer Zeit bezeichnen Sozialpsychologen die mangelnde Ambiguitätstoleranz als Massenphänomen. Damit ist gemeint, nicht mit Unabwegbarkeiten und Ungeklärtheiten leben zu können. Oder anders herum, es geht um die nicht mehr vorhandene Fähigkeit, sein Leben zu leben, ohne es mit einfachen Wahrheiten absichern zu können. Vor der Moderne hätte man diesen Zustand zweifelsohne als mangelndes Gottvertrauen bezeichnen können und man hätte nicht falsch gelegen. Heute, wo Gott meistens in der Form eines modehaften Fetischs vorkommt, ist ihm die Fähigkeit verloren gegangen, Vertrauen zu generieren. Und die armen Seelen, die durch die rasende Komplexität der Moderne schlingern, finden kein Vertrauen mehr in sich selbst. Zumeist handelt es sich um entmündigte Objekte, die aus individuellem Erfolg keine Kraft mehr schöpfen können.

Der Positivismus als die vulgärste Form des zeitgenössischen Rationalismus hat es vor allem geschafft, den Glauben an mögliche Gewissheiten lächerlich zu machen. Und da die Verwissenschaftlichung unseres Daseins immer wieder als die große Errungenschaft des Zeitalters gepriesen wird, soll es wohl so sein, dass dennoch nicht alles in dem Tempo erklärt werden kann, wie es zum Vorschein kommt und es darf in der verkopften Ära nicht sein, Trost spenden zu wollen und zu können. So werden Menschen hinterlassen, die sich vieles nicht mehr erklären können, die über keinen inneren Kompass verfügen, um dennoch Orientierung zu finden und denen niemand mehr Trost spendet.

Gotthold Ephraim Lessing war es, der vielleicht als letzter versucht hat, das Zeitalter der Moderne bewusst zu betreten und etwas mit in es hineinzunehmen, das aus der Vergangenheit stammt und dennoch in die Zukunft weisen kann. Es ist, man lese seine Hamburger Dramaturgie, der Begriff der Katharsis. Die in der griechischen Antike formulierte Gewissheit über die Persönlichkeitsbildung durch das Mit-Leiden und Mit-Erleben. Wer jenseits der Rationalität an die emotionale Möglichkeit der Charakterformung denkt, so Lessing, seziert den Menschen nicht mit dem kalten Messer und lässt ihn liegen, sondern gibt seiner eigenen Komplexität den Segen.

Mit dem Kleinen Organon von Brecht war dann alles vorbei, er, der sonst alles wusste, liquidierte die Katharsis zugunsten der Alleinherrschaft der Vernunft. Diese enthüllte nahezu alles, sie erklärte vieles, aber sie schuf dennoch nicht das Vertrauen, dessen es bedarf, um eine immer komplexere Welt zu ertragen. Die Freiheit, die die Erkenntnis mit sich bringt, erzeugte die Unsicherheit, die aus dem verlorenen Vertrauen resultierte. Und die Aufgabe, die daraus resultiert, ist klar und deutlich zu formulieren: Wie kann die Herrschaft der Vernunft und des Verstandes gesichert werden, ohne das Vertrauen in die Grundalgen der Existenz zu zerstören?

Die eindeutige Beantwortung der Frage gliche einer Weltformel. Eine Annäherung an das Themenfeld sei jedoch erlaubt, und man verzeihe das Staccato: Die Vernunft muss sich ihrer Reinheit immer wieder vergewissern und sich nicht kontaminieren mit Methoden der Manipulation. Die Individuen müssen als Subjekte gelten und ihr Handeln als Subjekt muss als Forderung über allem stehen. Bei der Persönlichkeitsbildung müssen kathartische Episoden bewusst erlaubt sein. Das Streben nach Wahrheit muss die unterschiedlichen Anstrengungen vereinen.

Es fällt schwer an ein solches Projekt zu glauben. Aber genau das gehört zu jenem Vertrauen, das die Voraussetzung für Veränderungsprozesse ist. Wer sich nicht als handelndes Subjekt fühlt, verändert nichts. Unabhängig vom Erfolg!

Die Glatzen des Positivismus

Die Aufklärung bleibt ein Thema. Gerade jetzt. In dem Moment, in dem eine Vorahnung auf andere Zeiten auftauchen. Zeiten, in denen sich die Dunkelmänner der Weltgeschichte wieder auf den Weg zu machen scheinen, um sich an die Regiepulte des Geschehens zu setzen. Das geht nur, so die Warnungen, wenn sich die zumindest formal demokratischen Gesellschaften auf das besinnen, was ihnen zugrunde liegt. Nämlich das aufklärerische Denken. Und auch im großen Diskurs um die Rolle der Religion, der durch die Migration von Menschen mit islamischem Glauben in die Zentren des Christentums getragen wurde, hallt angesichts der teilweise an Irrsinn grenzenden Auseinandersetzungen die Mahnung an die Aufklärung durch den Raum. Zu Recht. Denn ohne Aufklärung, so kann allen auf Autonomie und Selbstverantwortung fokussierten Individuen versichert werden, ohne Aufklärung ist alles nichts.

Die Frage zum Beispiel, ob sich eine Religion wie der Islam für die Demokratie eigne, ist die falsche. Religion und Aufklärung per se stehen konträr zueinander. Das Christentum, seinerseits durch seine Fokussierung auf das Individuum bereits ein Vorbote späterer Denkweisen, robbte sich quasi durch die Inquisition, um in den modernen Klassenkämpfen erst als Partei der Monarchie und dann als Dependance des Sozialamtes zu enden. Mit intrinsisch angelegter Aufklärung hat das nichts gemein. Analog ist es mit dem Islam. Aber, und das stösst auf als ein Indiz, wieso beschäftigt sich eine vermeintlich aufgeklärte Gesellschaft mit den rückständigen Mystifikationen einer monotheistischen Religion, ohne ihr den Spiegel der eigenen, aufgeklärten Prinzipien vorzuhalten? Die Antwort ist einfach. Die Prinzipien sind im öffentlichen Bewusstsein nicht mehr präsent.

Gerade in dem Lager, aus dem das affirmative Verständnis für die bestehenden Verhältnisse so wortreich und nachhaltig unterstützt wird, kam und kommt immer der Applaus über die Dialektik der Aufklärung. Über die Möglichkeit, dass sie umschlägt in Unterdrückung und Obskurantismus. Selbst, und die Gefahr ist schlimmer für die Aufklärung als der Islam oder irgendwelche sozialdarwinistischen Theoreme, selbst kommt die Ideologie der Ent-Politisierung völlig unpolitisch daher und verkauft sich als reine Form des Pragmatismus. Aber es ist diese Bewegung, die die sich nun als gefährdet glaubenden Gesellschaften auf den Zustand hingetrieben haben, in dem sie sich befinden. Unfähig zum Kampf gegen die Dunkelheit, ohne die Substanz, auf die es ankommt.

Der Positivismus ist das Gift, das sich in Politik und Philosophie eingesaugt hat und den Austritt der Menschen aus ihrer selbst verschuldeten Unmündigkeit behindert. Denn der Positivismus verhindert das Interesse als eigenständige Kategorie aus dem politischen Diskurs. Das Interesse ist jedoch das Movens aller Veränderung. Und das zu verschleiern, ist das Werk einer fundamentalistischen Bewegung gegen die Grundfesten der Aufklärung. Und wenn Aufklärung die Basis der modernen Demokratie bedeutet, dann sind es die Glatzen des Positivismus, die die moderne Demokratie in eine existenzielle Krise gestürzt haben. Das zu verkennen, bedeutet sich auf das Falsche zu konzentrieren. Und um es deutlich zu sagen: Nur die Auseinandersetzung mit dem positivistischen Denken kann zu dem beitragen, was als Rettung der abendländischen Moderne erst einmal als Attraktion etabliert werden muss. Denn es geht, wenn von der Gefährdung des Abendlandes schwadroniert wird, zu definieren, was darunter verstanden wird. Das sollten einmal Abiturienten in Leipzig und Düsseldorf machen. Wir würden uns wundern, wie unaufgeklärt die Ergebnisse klängen.

EM: Blütezeit des Positivismus

Auch wenn diese EM für viele Beobachterinnen und Beobachter eine Enttäuschung zu sein scheint, so ist der Erkenntniswert, der von ihr ausgeht, extrem groß. Das aufmerksame Publikum konnte jenseits des Ballspiels sehen, wie sich vor allem britische und russische Hooligans in einem fremden Land aufgeführt haben. Das war gleichermaßen entsetzlich. Interpretiert und verurteil wurde es von offizieller Seite jedoch unterschiedlich und schon waren wir auf einer Plattform, die gut mit dem Terminus Double Standards bezeichnet werden kann. Ziehen wir doch einfach einmal einen logischen Schluss und erkennen, dass die Verrohungspotenziale in der britischen wie in der russischen Gesellschaft äquivalent sind. Und damit es richtig weh tut, seien die isländischen wie walisischen Fans betrachtet, die trotz der gewaltigen UEFA-Geld- und Propagandamaschine gezeigt haben, was Freude am Spiel an sich an positiven Schwingungen produzieren kann.

Aber die letztgenannten Resonanzen sind Nischenphänomene in einem Spektakel, das zu einem regelrechten Überlebenstest für die hoch bezahlten und hoch dekorierten Profis geworden ist. 70-Spiele-Plus ist das Pensum, welches die High Professionals in der zurückliegenden Saison hinter sich gebracht haben. Da ist es kein Wunder, wenn mehr über Achillessehnen, Patella, Muskelfaserriss, Muskelabriss, ramponierte Waden etc. gesprochen wird als über geglückte Fallrückzieher. Das Turnier, noch einmal wegen der Einnahme- und Vermarktungsmöglichkeiten aufgeblasen, ist zu einem regelrechten Humanmaterialtest geworden. Wer jetzt argumentiert, so sähe man auch Nationen wie Island oder Wales, der sollte sich die ungleichen Wettkampfbedingungen vor Augen führen, nämlich ausgelaugte, angeschlagene Profis gegen euphorisierte Amateure, denen die dampfende Wurst vor der Nase hängt, Geschichte schreiben zu können. So werden Illusionen erzeugt, die keiner Überprüfung standhalten.

Nein, die EM hat keine Neuigkeiten in fußballerischer Hinsicht parat. Es sei denn, man betrachtet die Systemvariabilität während eines laufenden Spieles als neuen, sich durchsetzenden Standard. Das ist hoch komplex und wird von vielen Enthusiasten nicht einmal verstanden, aber es ist ein wichtiger Hinweis, der dokumentiert, dass der Fußball wie immer mit den Produktions- und Arbeitsbedingungen korreliert. Natürlich geht es um Erfolg, und natürlich geht es um Geld. Den Fußball an sich gab es noch nie, seine Unschuld hatte bereits noch hinter den Halden der Kohlebergwerke verloren. Aber genau deshalb ist er so relevant, weil er sich zu einem Spiegelfeld der sich entwickelnden, realen gesellschaftlichen Verhältnisse hat etablieren können. Nirgendwo sonst ist die gesellschaftliche Relevanz so präsent wie bei ihm.

Das beste Beispiel für diese These ist die jüngste Auseinandersetzung zwischen dem EX-Profi und Fernsehkommentator Mehmet Scholl und dem DFB. Letzterer hatte Chef-Trainer Löw vorgeworfen, sich zu sehr von den Tablet-Taktikern beeinflussen zu lassen. Er meinte damit die Einheit um den Schweizer Urs Siegenthaler, der IT-gestützt sämtliche Spieldaten der Gegner auswertet und anhand der empirischen Daten Taktikempfehlungen formuliert. Eine solche Empfehlung hatte zu der umstrittenen Dreierkette gegen Italien geführt. Die Art und Weise, wie Löw und Siegenthaler auf diese Kritik reagiert haben, hat deutlich gemacht, dass beide radikale Vertreter eines Positivismus sind. Siegenthalers Replik, vor tausend Jahren hätten auch viele Zeitgenossen geglaubt, die Erde sei eine Scheibe, verhilft dem scheinbaren Streit über eine fußballerische Taktik gar zur Dimension eines Paradigmenstreits. Was im Arbeitsleben immer wieder versucht wird, die totale Steuerung der Menschen durch Maschinenlogik, ist jetzt auch im Fußball angekommen. Das ist ein heißes, ein brandheißes Thema. Es geht darum, ob das menschliche Sein zu einer Randerscheinung mit Relevanz zum Irrtum degradiert wird oder ob es das Zentrum der Kreativität bleibt. Fast zu viel, für eine lapidare Sportart, oder?