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Fahrstuhl zum Schafott

So ganz ohne Kompass ist die Reise durch das Leben eine heikle Angelegenheit. Verblendet durch falsch interpretierten Zeitgeist, dass alles verhandelbar ist und immer zu komplex, um sich festzulegen und Position zu beziehen, schlittert eine große Kohorte unseres Gemeinwesens in eine Beliebigkeit, die nur noch eine feste Größe kennt: Die Fähigkeit, die Orientierungslosen in jede noch so verwegene Richtung lenken zu können. Wer hingegen die eine oder andere Lebensmaxime aus seiner Familie oder seinem sozialen Umfeld mitbekommen hat, ist nolens volens mit einem Logbuch unterwegs, das von der sozialen Erfahrung historischer Dimension geprägt ist.

Bei der Betrachtung dessen, was an Emotionalisierung, an Hysterie und an aggressiver Verwertung zum täglichen Konsum in der Gesellschaft möglich ist, wird die Sehnsucht nach einem wieder Ordnung und Vernunft zurückbringenden moralischen Machtwort groß. Da besonders dieses Land, in dem wir Leben, von dem Desaster von Machwörtern genauso geprägt ist wie von den politischen Sanktionierungen, die ihm folgten, ist es so leicht, an dem Instrumentarium der Mystifikation festzuhalten. Alles, was Vernunft und Ordnung schafft, wird als totalitäre Gefahr gebrandmarkt. Ohne dass den Warnenden bewusst wird, dass die von ihnen propagierte Haltung der radikalen Liberalität gerade den Wunsch nach mächtiger Klärung immer dringlicher werden lässt. Wer keinen Kompass hat, verängstigt ist und ohne Selbstbewusstsein durch das Leben schreitet, dem kann man alles erzählen. Und gerade auf diese schäbige Form der Freiheit und Liberalität setzen gegenwärtige viele, die sich als die Verteidiger einer Staatsform aufspielen, deren Wesen sie bereits bis zur Unkenntlichkeit entstellt haben.

Wer selbst die Fragestellungen der Antike nach dem, wer ich bin, was ich will und wohin die Reise gehen soll als zersetzende und republikfeindliche Rhetorik diskreditiert, beherrscht das Handwerk der Mystifikation und des Obskurantismus. Und, so bedrückend die Feststellung ist, das Denken dieser Prägung bestimmt zur Zeit den gesellschaftliche Diskurs. Sag bloß nicht, wer du bist, was du willst und wohin dein Weg führen soll! Und schon gehörst du zu den Suspekten. Und wenn du das noch steigerst und die drei Fragen auf die gesamte Gesellschaft beziehst, dann bist du ein Agent der uns alle bedrohenden Feinde. Die Situation ist so grotesk, dass einem nichts anderes einfällt als die schlaue Frage der Berliner Schnauze: Ham Se s nicht ein bisschen kleiner?

Die intellektuelle, mentale Disposition der bundesrepublikanischen Gesellschaft unterbreitet ein Bild, das einem Remake des Filmklassikers „Fahrstuhl zum Schafott“ zu entstammen scheint. Nichts gelingt mehr. Schon das Unterfangen ist kriminell, die technischen Planungen müssen schnell verworfen werden, das Timing ist falsch und so genannte Zufälle bringen die klandestinen Pläne einer großen Öffentlichkeit zum Vorschein. Selbst setzt man sich nicht mehr durch und man landet in einem Setting, das andere Mächte, die ihrerseits über eine sehr ausgeprägte Vorstellung von dem haben, was im eigenen Interesse zu passieren hat. 

Als Endergebnis der alle Regeln missachtenden und nur von alimentierten Lobbys dennoch vorgegebenen Vorgehensweise lautet: Nichts ist mehr verhandelbar. Schön, dass Sie so blauäugig waren! Die Ergebnisse liegen vor. Vielen Dank für die Prinzipienlosigkeit und den universalen Opportunismus. Wer nicht weiß, wer er ist, wer nicht weiß, was er will und wer keine Vorstellung davon hat, wohin er will, der fährt jetzt zum Schafott.

Fahrstuhl zum Schafott

Woher der Mangel an Strategie?

Der Mangel an politischen Strategien, die miteinander in Konkurrenz stehen und für die es sich trefflich zu streiten lohnt, wird von allen Seiten beklagt. Nicht nur innerhalb der Wählerschaft, unabhängig zu den parteilichen Präferenzen, sondern auch aus dem Lager der Berufspolitiker. Die naheliegende Frage wäre die, warum sie keine attraktiven Strategien anbieten, wenn auch sie den Zustand der Dominanz des Tagesgeschäftes beklagen? Eine These, die aufrichtig gemeint ist und jenseits der Polemik liegt, lautet ganz schlicht: weil sie es nicht können. Woran das liegt? Die Behauptung: Am Milieu, in denen sie sozialisiert wurden.

Vor Jahren bereits hatte sich ein amerikanischer Soziologe mit der gleichen Frage in Bezug auf die USA beschäftigt. Sein Ansatz war es, die Liste der amerikanischen Präsidenten abzuarbeiten und dabei das Kriterium der Strategie/Vision im Auge zu behalten. Das Ergebnis war interessant. Die Präsidenten, die eine Vision im Kopf hatten, kamen nahezu ausschließlich aus der Provinz, sie wurden getrieben, aus deren Enge auszubrechen, sie hatten sehnsüchtig in den Weizenfeldern gestanden und den Horizont betrachtet. Dabei waren ihnen die Ideen gekommen, die letztendlich in einer politischen Strategie endeten.

Zu der Frage, warum in den großen Metropolen strategisch denkende Präsidenten nicht sozialisiert worden waren, kam der Soziologe zu dem Ergebnis, dass diese in einem Milieu sozialisiert werden, in dem es permanent um Deals und Aushandlungsprozesse geht, in denen der Blick in die weitere Zukunft eher als Träumerei und Realitätsferne denn als politische Qualität gesehen wird. 

Die Schlussfolgerung dieser Betrachtung lautet, dass diejenigen, die ausbrechen müssen aus einem beengten Milieu, die aufbrechen in eine neue, für sie unbekannte Welt, so etwas wie einen groben Kompass mit sich führen müssen, um sich zu orientieren und Widrigkeiten zu überstehen. Und dass diejenigen, die in einem funktionierenden System aufwachsen und bleiben, die Technik der Routine exzellent beherrschen, aber mental in der Systemimmanenz versinken.

Die Thesen sind nicht nur interessant, sie sind auch sehr plausibel. Denn, betrachten wir unsere eigenen, aktuellen Verhältnisse, dann sind die Zeiten seit langem vorbei, in denen die jungen Rebellen aus der Provinz ins Zentrum der Republik kamen und das politische System mit neuen Perspektiven verstörten. Stattdessen finden die Karrieren bereits sehr früh in den etablierten Apparaten statt, in denen man keinen Kompass, sondern vor allem Belastbarkeit und Verhandlungsgeschick benötigt. Wer dort sozialisiert wird, und das ist die größte Kohorte, der hat zwar eine persönliche, aber keine politische Strategie und, das kommt dazu, er bleibt unbeleckt von den realen Lebensverhältnissen derer, die nicht in dem Milieu sozialisiert wurden, sondern sich in der Gesellschaft durch ihr eigenen Handeln behaupten müssen. So ist neben dem Verlust des strategischen Denkens auch eine Entfremdung von den Lebensverhältnissen der Bevölkerung festzustellen.

Es ist weder einfach noch redlich, in diesem Kontext auf einen einzigen Umstand hinzuweisen, der als Ursache für diese Fehlentwicklung festzumachen wäre. Dennoch sei eine Schlussfolgerung erlaubt: Die Jahre des Aufbaus und des Aufbruchs sind längst passé und die Chance auf sozialen Aufstieg aus den unteren Schichten der Gesellschaft ist nur noch in seltenen Fällen gewährleistet. Eines der wenigen Portale ist die politische Karriere. Wer das betritt, der rebelliert nicht gegen die Gegebenheiten.

Und das Übungsprogramm, das die Karriere ermöglicht und befördert, hat die Überschrift „Aushandlungsprozesse“. Manchmal versteigen sich die Vertreter dieser Verhältnisse zu der Aussage, dass es sich dabei um die zentrale Qualität der Demokratie handle. Doch ein politisches System, das keiner Strategie mehr mächtig ist, steht bereits m Geschichtsbuch.