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Was sofort in Angriff genommen werden muss!

Die Zustände, die allgemein beklagt werden, haben sich nicht so einfach aus unglücklichen Umständen heraus entwickelt. Sie sind das Ergebnis bestimmter Handlungen und bestimmter Unterlassungen. Das festzustellen und konkret auszuführen ist erforderlich, es permanent zu wiederholen, ohne Schlüsse daraus zu ziehen, ist genauso negativ wie der eine oder andere Fehler, der gemacht wurde. Bei der Gestaltung der menschlichen Gesellschaft geht es immer darum, den Blick nach vorne zu richten. So manches Problem unserer Tage ist hausgemacht. Eines davon liegt im Bereich der Bildung, gekoppelt mit gesellschaftlicher Praxis. Drei Beispiele seien genannt, die den Bedarf neuen Handelns sehr deutlich machen.

Da ist zum einen die nahezu massen- und mangelhafte Fähigkeit, mit kritischem Blick Texte zu lesen. In den staatlichen Bildungseinrichtungen wird nicht oder nicht mehr oder zu rudimentär vermittelt, Texte auf ihren Charakter hin zu untersuchen. Was ist der Zweck eines Textes? Welcher Mittel bedient sich der Autor, um was zu erreichen? Welche Attribute werden verwendet, um Zustände zu beschreiben? Oder werden sie bereits bewertet? Es ist in hohem Maße interessant, die Printmedien, die als seriös gelten und diejenigen, die aus den Sturmabteilungen radikaler Propaganda kommen, daraufhin zu untersuchen. Jeder Artikel ist eine Fundgrube für Erkenntnisse über die Möglichkeiten guten Journalismus wie heimlicher oder offener Meinungsmache. So wie es scheint, sind leider nicht viele Menschen in der Lage, sich in dieser Weise mit Texten auseinanderzusetzen. Insofern müssen diese Fähigkeiten und Fertigkeiten vermittelt werden.

Das zweite Defizit, welches aus der ritualisierten Konsensfindung resultiert, ist die mangelnde Fähigkeit, in den Dissens zu gehen. Um es deutlich und ohne Umschweife zu sagen: ohne Streit ist die Einigung auf eine Lösung im Interesse aller Beteiligten, die das Resultat dann auch bereit sind zu tragen, eine Illusion. An dieser Illusion zerbricht momentan vieles, da der vermeintliche Konsens allzu oft die Version der Lösung ist, die von vornherein von bestimmten Interessengruppen gesetzt wird. Streit wird generell als eine negative Angelegenheit gesehen und diskreditiert. Nein, die Gesellschaft muss lernen, heftig zu streiten, ohne die beteiligten Personen zu zerstören. Auch das kann gelehrt, vermittelt und eingeübt werden. Dieser Vermittlungsprozess beschränkt sich nicht auf Bildungsinstitutionen, er kann überall stattfinden. Der vermeintlichen Einigkeit, die keine ist, muss die Maske der Herrschaft entrissen werden und dem Streit nach Regeln eine positive Wertigkeit zugesprochen werden.

Als 1990 des Ende der Geschichte ausgerufen wurde, schien es nicht mehr nötig zu sein, Verfassung wie Verfassungsorgane weiterhin zu vermitteln. Was vorher in einer flächendeckend angebotenen politischen Bildung stattfand, war in dem Augenblick anscheinend überflüssig, in dem keine systemische Konkurrenz mehr vorhanden war. Eine komplette Generation scheint heute überfragt zu sein, wenn demokratische und Koalitionsrechte, Gewerkschaften, die Presse, die Gewaltenteilung oder was auch immer zur Sprache kommen. Das hat es den Regierenden leicht gemacht, ist aber in einer demokratischen Krise eine tödliche Schwäche. Folglich muss die politische Bildung wieder Pflicht werden.

Textanalyse, Diskursfähigkeit und das Wissen um den Staat und seine Organe sind Themenfelder, die sogleich bespielt werden können. Wenn das gelingt, wird vieles andere nicht mehr so einfach gelingen. Von den Fake News über die Konsensbetäubung bis hin zum amtlichen Verfassungsbruch. Legen wir uns ins Zeug!

Über die Notwendigkeit der Polemik

Einwürfe und Kritik sind die Mutter der Entwicklung. Zu sehr hat sich der Diskurs in der Konsensgesellschaft von den produktiven Kräften der Kritik entfernt. Es geht soweit, dass immer mehr Menschen den Dissens psychisch gar nicht mehr vertragen. Im Laufe von Jahrzehnten hat sich das so entwickelt. Wenn es Streit um gesellschaftspolitische Themen gibt, dann wird der in einer Art Stellvertretermentalität öffentlich in Talk Shows ausgetragen, aber selbst die Initiative zu ergreifen und selbst bei der Arbeit, in Vereinen, Initiativen oder Komitees das Schwert der flammenden Sapiens in die Hand zu nehmen, um etwas auszufechten, ist zu einer Rarität geworden.

Polemik, dieses Wort, mit dem nahezu 100 Jahre lang die notwendigen kritischen Auseinandersetzungen bezeichnet worden sind, ist zur Beschreibung eines schlechten Zustandes mutiert. Folglich hat sich der Sinn verändert, den es transportiert. Waren es in den Zeiten des blühenden Streits die Situationen, in denen sich Kontrahenten gegenseitig bei jedem ihrer Argumente packten, auch mal überzeichneten und richtig scharf zur Sache gingen, so ist Polemik heute eher eine Geschichte, die für ein sich kollektives Danebenbenehmen steht. Forderte man sich vor einigen Jahrzehnten gegenseitig noch zu einer Polemik auf, so wird heute davor gewarnt. Vor allem in der Politik, genau dort, wo Streitkultur gefragt ist, wird die Polemik gemieden wie eine Infektionskrankheit.

Neben dem Ausbleiben der politischen Bildung, die mit dem vermeintlichen Sieg über den Sozialismus im Jahre 1990 in der Republik komplett beerdigt wurde und deren Abschied bereits die ersten giftigen Früchte zeigt, ist die Diskreditierung der Polemik ein weiterer Grund für die massive Schwächung der Demokratie. Und bitte jetzt nicht den Dampfhammer, um Demokratie stünde es immer schlecht! Demokratie ist immer eine Illusion, ja, aber die Festigkeit, mit der dieser Illusion von gesellschaftlichen Kräften entgegengegangen wird, die ist unterschiedlich. Wesensmerkmal dabei ist das Wissen um das, wofür einzutreten man gewillt ist und die Fähigkeit, sich im Streit mit anderen Positionen zu messen und andere zu überzeugen.

AngesIchts der verheerenden Zustände um Wissen wie ausgebildeter Fähigkeiten, die sich manifestieren in der Hinnahme von Verhältnissen, die nicht im Einklang stehen mit den Interessen großer Bevölkerungsteile und die noch trauriger dokumentiert werden durch die zumindest zunächst schweigende Akzeptanz der Darstellung dieser ungerechten, egoistisch geprägten, die Folgeschäden nicht beachtenden Verhältnisse durch staatliche Medien, angesichts dieser Zustände sind strukturelle Interventionen erforderlich.

Die erste und wichtige ist die der erneuten Etablierung der politischen Bildung. Primär sollte das in Schulen passieren, beginnen wird es wahrscheinlich aber in anderen Bildungsinstitutionen und Stiftungen. Das Wissen um den Verlust und die Folgen dieses Verlusts der politischen Bildung geht, und das ist die gute Nachricht, bereits so weit, dass in Betrieben, auf Initiative von Betriebsräten wie Vorständen, derartige Angebote existieren.

Die andere Maßnahme, die nichts kostet und die durch die Verschärfung der Verhältnisse zunehmend aktiviert werden wird, ist die der Polemik. Die Auseinandersetzung führen, sich nicht auf die Konsumentenhaltung reduzieren lassen, das ist ein Postulat, dem sich niemand verwehren sollte, dem an der Veränderung des Zustands gelegen ist. Die Zeit ist reif für mehr Aggressivität, für eine mutigere Bereitschaft zur Enthüllung und Demaskierung derer, die sich so sehr daran gewöhnt haben, im schönen Schein der Friedhofsruhe ihre schäbigen, egoistischen Geschäfte abwickeln zu können. Nochmal, Einwürfe und Kritik sind die Mutter der Entwicklung!