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Die Notwendigkeit einer politischen Architektur

Zumindest in Zeiten des Wahlkampfes sollte man davon ausgehen können, eine Vorstellung der jeweiligen Parteien davon zu erhalten, wie sie die Zukunft gestalten wollen. Leider ist das nicht möglich. Egal bei welcher der Parteien man sich erkundigt, sie verfügen zumeist über einen Katalog von Einzelmaßnahmen, für die sie sich stark machen oder die sie verhindern wollen, aber eine Idee davon, wie die Gesellschaft, in der wir leben, in einem Jahrzehnt aussehen soll, die erhält man unmittelbar nicht. Mittelbar hingegen schon, nämlich dann, wenn man sich vorstellt, wohin es führt, wenn die geballte strategische Impotenz sich weiterhin in ihrem phantasielosen Pragmatismus und beklemmenden Populismus seiner letzten Kräfte beraubt.

Kürzlich hatte ich die Gelegenheit, einen weltweit agierenden Architekten und Stadtentwickler zu erleben, als er bestimmte Konzepte für Metropolen, deren Entwicklung er mit betreibt, vorstellte. Er sprach zunächst von der Vision, die dem Konzept zugrunde lag, dann entfaltete er die verschiedenen Ideen, die mit der Vision korrespondierten. Zeitachsen entstanden, an denen sich die verschiedenen Ideen an bestimmten Orten materialisierten. Diesen Prozessen wiederum lagen einzelne Drehbücher zugrunde, in denen die szenischen Abläufe wie die Protagonisten beschrieben wurden.

Da es sich um Metropolen handelte, war ich in sehr starkem Maße beeindruckt von der Kraft der zugrunde liegenden Strategien wie der Fähigkeit, das Ideelle, Spirituelle, welches der Strategie anhaftete, zu verwandeln in konkrete Handlungsfelder, zu zudem zusammenhingen und in ihrer Sinnhaftigkeit miteinander vernetzt waren. Und nicht umsonst fiel mir dabei die Geschichte von Ciceros griechischem Rhetoriklehrer ein, der seinen Schülern verbot, Aufzeichnungen zu machen, sondern sie dazu aufforderte, in ein interessantes Gebäude zu gehen, sich die Räume zu merken und nach deren Anordnung die geplante Rede räumlich im Kopf zu entwickeln. Die logische Stringenz der einer einem Leitgedanken folgenden Architektur besticht durch ihre Gegenständlichkeit, weil sie begreiflich macht, worum es geht und gleichzeitig dazu einlädt, die Nutzung der Räume kritisch an den Maßstäben der Vision zu reflektieren.

Ein wesentliches Manko an der gegenwärtig zu beobachtenden Politik ist das Fehlen einer Vision und entsprechender architektonischer Blaupausen. Warum das so ist, darüber könnte man Bücher schreiben, deren Lektüre ausschließlich eine wummernde Frustration zur Folge hätte. So wie es scheint, sind die Akteure auf dem politischen Feld in ihrer großen Mehrheit nicht gewillt und/oder nicht fähig, in Dimensionen der politischen Architektur zu denken. Es verlangt Abstraktion wie Konkretisierung, es bedeutet Abschied und Reise und es beinhaltet das Angebot, sich messen zu lassen. Angesichts der Herausforderungen, die an globale funktionierende Gesellschaften gestellt werden, sind das die Voraussetzungen der Gestaltung.