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Der Mafia-Boss und die System-Konvergenz

Der aus dem aktiven Dienst ausgeschiedene Journalist Claus Kleber hat mit seiner bei jeder Gelegenheit gewürdigten Amerika-Expertise mal wieder eine Reportage gefertigt, die, das versteht sich nahezu von selbst, zur Prime Time im ZDF ausgestrahlt wurde. Der Titel beinhaltete, wie wir das bei dem weit verbreiteten Qualitätsjournalismus nicht anders kennen, bereits die Wertung: Trump und das Silicon Valley – Staatsstreich der Tech-Milliardäre. Ich muss gestehen, dass mir in solchen Situationen gleich immer Kontrast-Programme einfallen wie „Die Machtergreifung der EU durch die Rüstungskonzerne“ – aber lassen wir das!

Einmal abgesehen von der sehr einseitigen Nutzung von Quellen, auch das gehört zum armseligen Standard unserer Tage, lief alles auf die im Titel angelegte Wertung hinaus. Die verwendeten Bilder, vor allem die von dem deutschstämmigen Tech-Milliardär Peter Thiel, den Kleber als den Spiritus Rector des Staatsstreichs ausgemacht hat, suggerierten allesamt die Vorstellung von einem Mafia-Boss aus der klassischen Kriminalliteratur. Immerzu saß Thiel im Halbdunkeln, trug dunkle Anzüge mit einem blutroten Einstecktuch und wurde mit Schauder erzeugender Musik unterlegt. Unabhängig von der politischen Bewertung der Vorgänge in den USA, stammten die als  Journalismus deklarierten Mittel aus dem Arsenal der Propaganda: einseitige Quellen, anrüchige Bilder und unheilvolle Musik. Insofern eine Top-Leistung eines mit den amerikanischen „Demokraten“ sympathisierenden Meinungstechnikers.

Was die politische Einschätzung der Aktivitäten der Tech-Milliardäre anbetrifft, könnte auch eine weitaus irdischere Motivation zur Erklärung dienen. Sie sehen sich strategisch im Nachteil mit dem großen Herausforderer China, der zum Teil bereits die Führung übernommen hat und der aufgrund der dirigistischen Eingriffsmöglichkeiten des Staates in der Lage ist, schneller und besser die Voraussetzungen für Fortschritt, Forschungsfreiheit und logistische Umsetzung schaffen kann. 

Planfeststellungsverfahren, Einspruchsrechte, Missbrauchsbegrenzungen etc. gehören zum Signum der als sich immer noch als demokratisch bezeichnenden politischen Systeme des Westens. Diese Probleme haben die Staaten, die als autoritär beschrieben werden, nicht. Dass die Mogule dieser Industrie im Westen, sprich in dessen Imperialstaat, den USA, dagegen etwas unternehmen wollen, ist aus deren Logik nur folgerichtig. 

Bei dem gegenwärtigen Wettlauf um Ressourcenverfügbarkeit, Logistik und technologische Dominanz stellt die Rolle und die Leistungsfähigkeit des Staates einen entscheidenden Faktor dar. Dass die westlichen Demokratien seit einiger Zeit an zweierlei leiden, an sinkender Legitimation und an mangelnder Effizienz, ist kein subversives Argument, sondern eine Binsenweisheit. Unter diesem Aspekt sind die Aktivitäten der Tech-Milliardäre verständlich. Wieder, wie zu vielen anderen Gelegenheiten, geht es zunächst um das Verstehen, bevor die Bewertung ansteht. 

Eine derartige Darstellung hülfe, die Diskussion zu versachlichen und sich von den Gangster-Bildern zu verabschieden. Dass man so etwas von einem Claus Kleber nicht erwarten kann, ist eine Petitesse, die nicht aufregen sollte. Dass eine nicht unerhebliche Öffentlichkeit im Westen in solchen Bildern verharrt und nicht begreift, dass wir uns seit einiger Zeit in einer Periode der System-Konvergenz befinden – im Osten der wachsende Wunsch nach Mitsprache und im Westen mehr Wunsch nach möglichem Dirigismus und Durchgriff – könnte die Türen zu neuen Erkenntnisse öffnen. 

Aber, noch ist das Freund-Feind-Denken der einzige Weg, um sich mit komplexen neuen Entwicklungen auseinanderzusetzen. Die Bestandsverwalter dieses medial-politischen Elends sind alle noch im Amt. Auch in der Einfalt wohnt das Glück! Bis schlagartig das Licht ausgeht.  

Der Mafia-Boss und die System-Konvergenz

Soziale Wüste und Eldorado dekadenter Libertinage

George Packer. Die Abwicklung. Eine innere Geschichte des neuen Amerika

Ein wachsendes Unbehagen hat die Welt ereilt. Es betrifft die Entwicklung der USA seit den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Hatte ein Präsident Bill Clinton nach dem Crash der klassischen Ost-West-Konfrontation noch versucht, die übrig gebliebene Supermacht von ihrem Wertesystem her zu modernisieren, so waren aus der Gesellschaft heraus selbst eigenartige Reflexe erfolgt, die vielleicht als Antwort auf so manches überzogene Ansinnen aus der political correcness erschienen, mit der Wahl George W. Bushs zum Präsidenten allerdings ein Signal setzte, das Hilflosigkeit dokumentierte und den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben suchte. Es wurde eine Fraktion der amerikanischen Elite ermächtigt, eine Tendenz zu vollenden, die Millionen von US-Bürgerinnen und -Bürger desillusionierte und das Land in eine tiefe Depression versetzte. Auch der Versuch, dieser Entwicklung mit der Wahl Präsident Obamas ein Ende zu bereiten, stellte sich als zu spät heraus.

Der US-amerikanische Journalist George Packer hat nun eine Arbeit vorgelegt, die verschiedene Stränge der jüngsten Entwicklung anhand biographischer Verläufe nachverfolgt und so einem Bild Kontur verliehen, das ansonsten vielleicht nicht so hätte gelingen können. Unter dem deutschen Titel Die Abwicklung. Eine innere Geschichte des neuen Amerika legt Packer das Ergebnis seiner Recherchen vor. Es sind die Geschichten bestimmter Individuen und Orte, die zunächst harmlos beginnen und erst im Verlauf darauf deuten, was in den USA der letzten Jahrzehnte unwiederbringlich zerstört wurde. Es geht um einen Energieinnovativen in der Provinz namens Dean Price, es geht um den Konservativ-Ideologen der Republikaner Newt Gingrich, es geht um den im Glauben an die demokratischen Tugenden beginnenden Jungfunktionär, es geht um den WalMart-König Sam Walton und um die schwarze Fabrikarbeiterin Tammy und den Herrscher über die Institutionen Robert Rubin. Und es geht um die Region Tampa, in der die Immobilienblase platzte und das Mekka des unvorstellbaren Reichtums, Silicon Valley, und die aus ihm hervorgegangene Figur Peter Thiel.

Die Geschichten dieser Personen und Orte zeigen etwas, das den alten Traum Amerikas endgültig zerstört hat. Es geht um das Auseinanderklaffen der Gesellschaft in den Teil, der Existenz wie Hoffnung endgültig verloren hat und den Teil, der in der Entkoppelung der Wall Street von jeglicher nationaler Verantwortung ins Elysium astronomischen Reichtums geglitten ist. Die politischen Institutionen waren bereits derartig von den plutokratischen Lobbys unterwandert, dass es kein Halten mehr gab. Anhand der Geschichten des herzbrechenden Scheiterns auf der einen Seite und der von jeglicher Leistung abgekoppelten Bereicherung auf der anderen Seite wird deutlich, dass sich das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu einer sozialen Wüste für die einen und einem Eldorado der dekadenten Libertinage für die anderen entwickelt hat. Alle Versuche, die vermeintlich einzig übrig gebliebene Hegemonialmacht von innen heraus zu reformieren, mussten aufgrund der Haltlosigkeit und grenzenlosen Verkommenheit der Gewinner dieser Abwicklung scheitern. Was Packer anhand der Geschichten gar nicht mehr erzählen musste, liegt auf der Hand. Eine Veränderung zum Guten ist ohne radikale soziale und politische Ansätze nicht mehr möglich, der einstige gesellschaftliche Konsens wurde geschreddert wie eine überflüssige Verpackung.

Die Lektüre dieses unter die Haut gehenden Buches ist unbedingt zu empfehlen. Und es reicht nicht, erleichtert den überheblichen Blick über den Atlantik zu schicken, ohne sich sehr sorgfältig darüber Gedanken zu machen, was von diesem Geist der Abwicklung einer Gesellschaft bereits in Europa angekommen ist. Ein nahe liegender schluß wäre, endlich einmal von Amerika zu lernen. Das heißt auch zu wissen, wie es auf keinen Fall kommen soll.