Schlagwort-Archive: Pariser Kommune

Das Aasen in Feinschmeckerläden und die Dekrete der Pariser Kommune

Jetzt, bei offizieller Verkündigung des nächsten Wahltermins durch den Bundespräsidenten, liegt nichts näher, als sich so schnell wie möglich den kleinen Duellen und Sperrfeuern zu entziehen. Inszeniert von einer Öffentlichkeitsindustrie, die alles im Sinn hat, nur nicht die Versorgung der Bevölkerung mit respektablen Fakten. Da werden Petitessen skandalisiert, Formulierungen durchs Sieb der Moralität gepresst, Anzüge und Kostüme bewertet, Feindbilder reanimiert und geschaffen, Clowns zu Experten stilisiert und Fehlinformationen lanciert, Koalitionsfragen gestellt, als sei man im Swinger Club, mit Umfragen Tendenzen an die Wand gemalt, um von dem abzulenken, worum es bei Wahlen eigentlich geht.

Die Fragen, die man im Metier des öffentlichen Diskurses stellen muss, auf die es ankommt, sind nicht sonderlich schwierig zu finden. Wer vertritt welche Inhalte? Wem nützt das, was die Parteien vertreten? Wer repräsentiert also wessen Interessen? Sind die formulierten Vorstellungen einer politischen Zukunft in irgend einer Weise mit den Interessen großer Teile der Bevölkerung kongruent? Man kann die Liste verlängern, es läuft immer auf eine einzige Frage hinaus: Wer von denen, die da ins Rennen gehen, vertritt die Interessen einer Mehrheit?

Über Mehrheitsinteressen lässt sich trefflich streiten. Über eine Basis, mit der gegenwärtig zu rechnen ist, allerdings nicht. Die meisten Menschen in diesem Land wollen in Frieden leben, sie wollen ihr Leben durch eigene Tätigkeit bestreiten können und sie wollen das Gefühl haben, dass die Entscheidungen, die diese Gesellschaft trifft, aus einem Zustand der Souveränität entstehen. 

Und nun betrachte man die Auftritte und Äußerungen der Parteien, die sich zur Wahl stellen und setze sie ins Verhältnis zu diesem Mehrheitskonsens. Und es wundert nicht, dass die Burschikosität, mit der sich ein Großteil der Bewerber über diesen Konsens hinweg setzt noch übertroffen wird von der Ignoranz, mit der der Medienzirkus diese Impertinenz orchestriert.

Das Ganze wird noch davon übertroffen, dass diejenigen, die sich nicht um Mehrheiten und deren Interessen kümmern, in aller Ruhe darüber räsonieren können, was Demokratie ist und was nicht. Sie betrachten das Konstrukt der Demokratie als ihr Eigentum, über das sie verfügen können, wie es ihnen beliebt. Und sie brüsten sich noch in aller Öffentlichkeit damit, dass sie in bestimmten, vitalen Fragen, sich einen feuchten Kehricht um die Mehrheitsmeinung der eigen Bevölkerung scheren. Das hat mit Demokratie nichts zu tun. Und dieses Tun, nicht durch die dafür vorgesehenen Organe kritisiert, ist ein Indiz für einen Zustand der Willkür. Für Willkür allerdings bedarf es keiner Legitimation durch die Bevölkerung. 

Insofern haben wir eine Dimension erreicht, die fälschlicherweise als Krise der Demokratie bezeichnet wird. Wie aber kann etwas in der Krise sein, das so gar nicht existiert? Die Geschichte, dass man in Europa aus Wahlen das Gegenteil dessen zu machen in der Lage ist, was die Mehrheit der Bevölkerung will, ist mittlerweile lang. Voten, die nicht passten, wurden strikt ignoriert und Funktionsträger, die nicht zur Wahl standen, wurden etabliert. Die Situation ist mittlerweile so grotesk, dass manche Formulierung aus den Dekreten der Pariser Kommune wieder brandaktuell sind. 

Die Erkenntnisse über dieses Drama setzen sich zunehmend in der als Westen bezeichneten Welt durch. Und es zeigt sich wieder einmal, wie in allen Phasen der Dekadenz, dass das willenlose Aasen in Reformhäusern und Feinschmeckerläden Gift ist für das kritische Bewusstsein. 

Plädoyer für ein gottloses Leben

In der überaus klugen Vorbemerkung zu der Schrift „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ widmete sich Karl Marx in einer kurzen Betrachtung dem Doppelcharakter von Religion. Es ist unzweifelhaft, dass er dabei die monotheistische, christliche Religion im Auge hatte, auch wenn spätere Interpreten gerne auf die Allgemeingültigkeit dieser Ausführungen verwiesen. Religion, so Marx dort, sei einerseits ein probates Mittel der Herrschaft, weil sie mit dem Versprechen des Paradieses die Unterdrückten im Diesseits still halte. Gleichzeitig sei sie aber auch ein Akt des Protestes, denn sie reklamierte kaum eine bessere Welt, wenn die hiesige so sei, wie es sich die Menschen wünschten.

Als Marx diese Zeilen schrieb, waren die Kreuzzüge zur Eroberung Jerusalems bereits Geschichte, die mittelalterliche Inquisition war überwunden und der Dreißigjährige Krieg bereits vorbei. Ein halbes Jahrtausend Messer und Mord, um einer Heilslehre willen, und längst war der Absolutismus im Denken nicht überwunden. Was allerdings bereits geschehen war und zu den großen Revolutionen der deutschen Geistesgeschichte gehört, war die Schrift „Zur Kritik der reinen Vernunft“ von Immanuel Kant. In ihr hatte der Asket aus Königsberg den monotheistischen Gott des Christentums seziert wie ein Chirurg und den Kadaver freigegeben zur Aufklärung.

Diese wiederum feierte ihre Hochzeiten intellektuell in Deutschland, aber im richtigen Leben, da fand sie in Frankreich statt. Die Franzosen machten vor, wie sie sich die gelebte Aufklärung vorstellten. In Paris steht die Wiege des bürgerlichen Zeitalters, das aufräumte mit Gott und Moral und an seine Stelle Recht und Verantwortung setzte. Dazu gehörte, und das drang nicht einmal bis nach Deutschland, die Trennung von Kirche und Staat.

Die monotheistische Religion, in deren Namen seit Jahrzehnten, ganz entsprechend unserer Epoche, nicht mehr Messer und Mord, sondern Sprengstoff und Kugelhagel eingesetzt werden, um die vermeintliche Lehre des Heils zu retten, steht vor der Schwelle der Aufklärung. Nach wie vor. Das selbst von den entwickelten, als zivilisiert geltenden islamischen Staaten gepflegte Gottesstaatentum ist der unwiderlegbare Beleg. Bis auf eine Ausnahme, in der indonesischen Verfassung begnügt man sich mit dem Verweis auf einen Gott.

All jenen, die im Obskurantismus zuhause sind, die dem Absolutismus huldigen und der brachialen Herrschaft frönen, muss die gelebte Tradition der bürgerlichen Freiheiten ein Dorn im Auge sein. Und in Zeiten, in denen zumindest die Symbolik nach wie vor hohe Geltung genießt, ist es logisch, dass sich die Frevler einer unaufgeklärten monotheistischen Religion darauf konzentrierten, um die eigene Überlegenheit zu demonstrieren.

Die Bilder, die aus der französischen Hauptstadt in der vergangenen Nacht zu uns gelangten, zeigten, dass die geplante Intention der Dunkelmänner, trotz ihrer grausamen Tat, an einem couragierten Bürgersinn zerschellte. Paris demonstrierte für den Gedanken der Freiheit, der revolutionäre, bürgerliche Reflex derer, die an Demokratie und Selbstbestimmung glaubten, obsiegte über die machtlose Betroffenheitsgeste vemeintlicher Opfer. Die Pariserinnen und Pariser deklarierten den Terroranschlag gegen die Redaktion von Charlie Hebdo zu einem Plädoyer für ein gottloses Leben. Schlimmer hätte es für die Terroristen nicht kommen können.

Eugène Pottiers, ein anderer Pariser, der an der Kommune im Jahr 1871 aktiv teilgenommen hatte, schrieb buchstäblich hinter einer Barrikade die Internationale. Was daraus entstand, ist eine andere Geschichte. Aber den Text, den kann man sich vorsprechen, immer wieder, um sich zu vergewissern, welchen Geist das Gemeinwesen atmet, das nicht bezwingbar ist durch Obskurantismus. „Es rettet uns kein höhres Wesen“, heißt es da, „kein Gott, kein Kaiser noch Tribun. Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun.“ Recht hat er, der Herr Pottiers.