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Ostenmauer – 5. Auf Kohle geboren

Identität ist zu einem zentralen Begriff geworden. Die einen nutzen ihn, um sich ihrer eigenen Wurzeln bewusst zu werden, die anderen, um sich abzugrenzen und andere wiederum, um Rechte für sich einzufordern. Ich leide nicht unter großer Ungewissheit, was meine Identität bedeutet. Von der Familie her ist das relativ eindeutig. Die Mersmanns stammen ursprünglich aus einer Region, die von Flandern bis ins Münsterland reicht. Der Name kommt von Marsch, der Landschaftsform, die an Flüssen und am Meer auftritt. Mütterlicherseits ist es das Elsass, aus dem die Dummeldingers kamen, während die Adrians vielleicht auch eher im Flandrischen anzusiedeln sind. Mein Vater und meine Mutter kamen aus Landstrichen, die auch als Melting Pots bezeichnet werden können: Das Ruhrgebiet und die Kurpfalz. Insofern bin ich bereits von Kindesbeinen an gegen jegliches rassisches Reinheitsgebot imprägniert. Ich kenne nur die ethnische wie kulturelle Vielfalt. Sie ist nur denkbar mit Toleranz und Neugier auf das Fremde. Beides ist ein wesentliches Motiv meines Handelns.

Und doch existieren gewisse Besonderheiten, die eben aus dieser Herkunft resultieren und die sehr viel mit Identität zu tun haben. Allerdings einer Art von ethischer Identität. Ich gehöre zum einen zum Kohlenpott-Adel, der sich aus der Formulierung „auf Kohle geboren“ speist. Sie impliziert aus einigem, was die Bergleute ins Testament geschrieben haben: Solidarität, Loyalität und Verlässlichkeit. Wenn du das in der Region nicht mitbringst, dann hast du verloren. Dann nützt dir kein Talent, kein Können und kein Vermögen. Bringst du diese Referenzen allerdings mit, dann interessiert niemanden, woher du kommst und mit welcher Zunge du sprichst. Und, inmitten dieser Schicksalsgemeinschaft, giltst du nur etwas, wenn du in gewissen Fällen die Courage besitzt, zu rebellieren.

Diese Form der Identität ist mir geblieben, unabhängig davon, wohin es mich verschlug und wo ich lebte. Das führte oft zu Konflikten, denn überall dort, wo man nicht auf Kohle geboren ist, spielen andere Eigenschaften eine wichtige Rolle. Aber diese Identität hat mich getragen und sie wird mir bleiben. 

Ich leite daraus keine Ansprüche ab, wie das heutigen Moden vielleicht entspräche.  

Ostenmauer – 4. Das Mädchen von Java

Niemand wäre auf die Idee gekommen, welch hartes Schicksal ihr Leben geprägt hatte, wenn sie  über die Hauptstraße schritt. Eine große Frau mit krausem Haar, das sie mit einem Seitenscheitel trug. Stolz schritt sie durch ihre Stadt und sie kannte jeden und alle kannten sie. Für einen Weg, der in Minuten hätte zurück gelegt werden können, brauchte sie Stunden. Hier wurde sie angesprochen, dort warf sie jemandem einen lakonischen Kommentar entgegen. Daraus entwickelten sich dann Gespräche, über das Geschehen im Ort, über diese oder jene Figur des Stadtgeschehens, über Politik, und manchmal sogar über Fußball. Über das Leben eben. Dabei wechselte sie eloquent zwischen Hochdeutsch und Platt, je nach dem, mit wem sie es zu tun hatte. Und, auch entsprechend der Situation, mal war sie vornehm, mal derb. Es schien, als kannte sie die Welt. Da war sie schon gar nicht mehr so jung. Und viele nannten sie eine Dame. In dem eher proletarisch-bäuerlichen Milieu eine Seltenheit. 

Das Mädchen von Java, wie sie die meisten nannten, hatte es hart getroffen im Leben. Früh verlor sie ihren Vater im I. Weltkrieg, ihre Mutter heiratete noch einmal, für die damaligen Zeiten eher eine Seltenheit und das trieb sie schnell aus der verbliebenen Familie. Mit ihrem Mann, ihrem Hermann, den sie sehr jung heiratete, hatte sie zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen. Das bescheidene Glück, das sie gefunden zu haben glaubte, währte nicht lange. Der Junge ging noch nicht zur Schule, da starb Hermann an einem viel zu großen Herzen. Ohne große finanzielle Mittel schlug sie sich und die beiden Kinder durch. Doch das Mädchen von Java ließ sich nicht verbittern. Sie sagte Ja zum Leben und gab nicht bei. Kaum eine Feier, auf der sie nicht das Tanzbein geschwungen hätte und mit einer Zigarette im Mundwinkel das patriarchalisch geprägte Publikum herausgefordert hätte. Nach dem Motto, na Jungs, was habt ihr drauf, gab sie den Takt vor.

Kurz nachdem der Sohn in einer großen Stahlradiatorenfabrik begonnen hatte, kamen Vertreter der Firma in ihr Haus und teilten ihr mit, dass der Sohn bei einer Gasexplosion ums Leben gekommen war. Sie stellte sich die Frage, ob es schlimmer kommen könne und beantwortete die Frage mit einem Nein. Aber, so der ihr eigene Schluss, wozu sind wir denn hier, und damit meinte sie das irdische Dasein. Die Antwort war eindeutig, sie wollte sich das alles nicht bieten lassen. Ihren Namen, den alle kannten, und von dem kaum noch einer wusste, woher er stammte, hatte sie von einem Schlager aus den Zwanziger Jahren. Oh Mädchen von Java, ich hab dich tanzen gesehen, hieß der. Und sie hatte sich in einer Gaststätte, in der er aus dem Radio schallte, auf den Tisch geschwungen und dazu getanzt. Seitdem war sie das Mädchen von Java, oder auch nur Java. 

Als ihre Tochter aus dem Gröbsten heraus war, wie sie es nannte, und in die ferne Welt zog, lebte sie ihr Leben weiter. Und sie half, wenn es anderen schlecht ging. Mit ihrer vom Rauch dunkel gegerbten Stimme spendete sie manchen Trost, nur eines duldete sie nie, und das war die Weinerlichkeit. Dann konnte sie mit schnarrender Stimme wie ein Offizier auf dem Kasernenhof die armen Seelen zur Räson rufen. Selbstmitleid duldete sie nicht, das hatte ihr auch nicht geholfen und das ließ sie bei keinem zu. Sie blieb so, wie sie immer war. Graziös, burschikos und couragiert. Wer sie kannte und im Laufe der Jahrzehnte sah, glaubte immer, die Zeit stehe still. Selbst im hohen Alter wirkte sie jung und wem sie gut zuredete, der hatte wieder Mut gefasst und wem sie den Marsch blies, riss sich zusammen. Das Mädchen von Java wurde 95 Jahre alt und die letzten, die kurz vor ihrem Tod noch mit ihr sprachen, den sie als die große Reise beschrieb, die vor ihr läge, verließen ihr Haus voller Lebensmut.