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Die Kompradoren-Bourgeoisie und unser politisches Personal

Es vergeht kein Tag, an dem sich nicht das Unvorstellbare als Realität erwiese. Und es scheint, als spielten Politik und Medien Pingpong, um den erstaunten Mob in Atem zu halten. Gestern brillierte wieder das ZDF Auslandsjournal mit der beiläufigen Behauptung, die Volksrepublik China hätte sich völkerrechtswidrig Hongkong angeeignet. Wer immer das schlucken mag, wahrscheinlich ist es den Produzenten solcher Nachrichten egal, Hauptsache das politische Personal übernimmt solche Geschichten und glaubt selbst daran. 

Intendiert war mit dem Halbsatz die These zu stützen, dass sich die Volksrepublik China in Sachen Taiwan als Aggressor gebärde, während die massive Marinepräsenz der US-Navy vor Chinas Küsten, 7000 Seemeilen from Home, als Bollwerk der Freiheit anzusehen sei. 

Noch einmal kurz zu Hongkong. Das geostrategisch wichtige Terrain wurde 1842 nach dem dreckigsten Krieg der Kolonialgeschichte, dem Opiumkrieg, dessen Ausmaße alles übertraf, was bis heute als Gruselgeschichten kolumbianischer Drogenkartelle verfilmt wurde, von Großbritannien okkupiert. Die imperiale Kralle blieb auf diesem Gebiet bis 1997, also 155 Jahre. Mit Ende des Jahres 1977 fiel Hongkong an die Volksrepublik China zurück, besiegelt durch einen Vertrag, in dem der Übergang an die Modalitäten der Volksrepublik für einen Zeitraum von 50 Jahren festgeschrieben wurde. Nach dem Motto „ein Land, zwei Systeme“ wurde den dort ansässigen Firmen wie Bürgern ein halbes Jahrhundert Zeit gegeben, in aller Ruhe ihre Geschäfte abzuwickeln und sich eine neue Domäne zu suchen. Nach nicht einmal der Hälfte dieser 50 Jahre wurde damit begonnen, jede Aktion der chinesischen Regierung als Aggression darzustellen und eingerahmt in Erzählungen, Großbritannien sei die „Schutzmacht der Demokratie“ in Hongkong (Klaus Kleber, ebenfalls ZDF). Auf derartige Geschichten muss man erst einmal kommen. Aber erzählt werden sie am laufenden Band.

Als Deutsche sollten wir uns die Teilung des Landes noch einmal vor Augen führen. Und die Sicht transponieren auf die Hongkongs wie die Taiwans. Nur ist die Teilung Chinas nicht das Ergebnis eines von dort angezettelten imperialistischen Krieges zustande gekommen, sondern aufgrund kolonialer Aneignung wie im Falle Hongkongs und als Ergebnis eines Bürgerkrieges im Falle Taiwans. Dorthin flohen die nationalistischen Kräfte der Kuomintang, die auf dem Festland unterlegen waren, ihrerseits von den japanischen Imperialisten wie den europäischen Faschisten unterstützt. Nur zum Verständnis: unabhängig von den heutigen Verhältnissen, die in der Volksrepublik China, in Hongkong sowie in Taiwan herrschen, die Teilung Chinas ist nicht das Ergebnis kommunistischer Aggression aus dem eigenen Land, sondern das Ergebnis erstrebter globaler Dominanz des Westens, dort vor allem Großbritanniens und der USA.

Dass die bewusste Verfälschung der Geschichte und die permanente Verdrehung von Ursache und Wirkung ihrerseits ihre Wirkung nicht verfehlt, zeigt der desolate Zustand der politischen Klasse. Dort singen die Protagonisten die schmutzigen Lieder des aufflammenden Nationalismus und Imperialismus im Chor und alle, die in diesen Zeiten nüchtern bleiben, zweifeln an der Funktionstüchtigkeit der eigenen Wahrnehmungsorgane. 

Und wer diese Thesen für übertrieben hält, der sehe sich an, wie laut die zahnlosen Tiger brüllen, wenn es um den Krieg geht, wie systematisch sie vorgehen, wenn es um die Zerstörung der eigenen Produktionsverhältnisse geht und wie gezielt vorgegangen wird, um die Märkte für die hierzulande noch erstellten Produkte zu verkaufen. Vom Ausmaß der Zerstörung, die diese Irrlichter anrichten, wird es den Opiumkrieg der britischen Warlords noch weit übertreffen. Und helfen, helfen wird den Menschen, die davon betroffen sein werden keine fremde Macht. Wer klug ist, der unterhält sich jetzt einmal mit Chinesen. Denn die hatten eine Klasse, die nannten sie die Kompradoren-Bourgeoisie. Die kooperierten mit dem Feind und wurden dabei fett. 

China: Dem Ressentiment verpflichtet

Nicht, dass die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten mit ihrem heute journal allein dastünden. Auch in privaten Printmedien wie der FAZ wurde der Ton angestimmt, der die Berichterstattung über die zugegeben bombastischen Feierlichkeiten in China anlässlich der 100jährigen Existenz der Kommunistischen Partei begleitet. Das autoritäre Regime, so der Tenor, habe seinen Hut in den Ring geworfen, um nach der Weltherrschaft zu trachten. Zuverlässig wie immer, lieferte der ZDF-Korrespondent für China, Ulf Röller, einen Filmbericht, in dem die Aufmärsche auf dem Platz des Himmlischen Friedens gezeigt und mit seiner Sichtweise der Dinge untermalt wurden. Zur Erklärung trug das alles nichts bei, zur emotionalen Mobilisierung schon.

Nicht, dass die Entwicklung Chinas nicht gekennzeichnet wäre von Ereignissen tragischen Ausmaßes, ob es, wie Röller bemerkte, die Kulturrevolution betrifft oder die Niederschlagung der Proteste auf dem Tian´anmen-Platz. Das heutige China sähe anders aus, hätten diese Exzesse nicht zu Lernprozessen geführt. Die Vorgeschichte, die zu erzählen wäre, wenn man sich mit der Geschichte der Kommunistischen Partei befasst, könnte allerdings dazu beitragen, einen differenzierteren Blick auf die Befindlichkeit des heutigen Chinas zu erhalten. Da war der von den Briten geführte Opiumkrieg, der die Aktivitäten heutiger kolumbianischer Drogenringe als karitative Veranstaltungen erscheinen lässt und als dessen Folge das heute so beweinte, weil auf dem Weg zurück zu China befindliche Hongkong aus der chinesischen Souveränität riss, da war die japanische Annexion großer Teile Chinas, die mit unbeschreiblichem Terror einherging, für den bis heute das 1937 stattgefundene Massaker von Nanking in den Geschichtsbüchern steht, bei dem in wenigen Tagen 300.000 Zivilisten ermordet und 20.000 junge Frauen vergewaltigt wurden. 

Die Gründung der Kommunistischen Partei Chinas und die Resonanz, die sie erhielt, ist von diesen historischen Geschehnissen nicht zu trennen. Ein Bericht darüber würde auch erklären, warum die zahlenmäßig größte Bevölkerung eines existierenden Nationalstaates auf diesem Planeten durchaus positive Sichtweisen auf den Weg dieser Kommunistischen Partei abgewinnen kann. Da mutet es schon sehr ironisch an, wenn man die Erklärung beifügen muss, dass manches in der Geschichte komplexer ist, als es auf den ersten Blick aus dem Jetzt erscheint.

Blutbäder aufzurechnen ist ein gravierender Fehler, allerdings sollten keine davon verschwiegen werden, wenn es darum geht, die Befindlichkeit eines Landes erklären zu wollen. Denn, um auf den jüngsten Bericht Röllers und den wie immer zuverlässigen Kommentar Klebers zurückzukommen, die Intention ist eine andere, nämlich die der emotionalen Mobilisierung. 

Der wiederholte, nahezu standardisierte journalistische Sündenfall entblätterte sich bei der Kommentierung eines korrekt wiedergegebenen Zitats aus der Rede des chinesischen Präsidenten Xi Jinping, dessen Worte lauteten, China sei gerüstet und werde es nicht zulassen, dass irgend eine fremde Macht versuchen werde, es zurück in die Sklaverei zu werfen. Kommentiert wurde dieses, aus der Historie mehr als verständliche Ansinnen, als eine aggressive Ankündigung, jetzt die Weltherrschaft anzustreben. So werden Fakten mit Behauptungen transportiert, so wird emotional mobilisiert und so wird ein demagogisches Konstrukt befördert, das, wenn noch ein Funken analytischer Redlichkeit mit im Spiel ist, als ein Akt der Volksverhetzung zu überführen ist.

Wie kann das Urteil eigentlich noch lauten, wenn Fakten verschwiegen und Aggressionspläne angedichtet werden? Handelt es sich dabei nicht, wieder einmal, um ein Referenzstück für das in der ganzen hysterischen Mobilisierung Schlammbegriffe wie Populismus, Propaganda und Demagogie stehen? Man bleibt dem Ressentiment verpflichtet. Im Hause selbst ernannter Qualitätsmedien versteht sich.

ZDF: Fox News aus deutschen Landen

Gestern war wieder High Time in den deutschen Fox News: der 70. Jahrestag der Volksrepublik China bot genügend Material, im Labor der Geschichtsvergessenheit, der Fake News und der Diffamierung so richtig einen loszumachen. Im heute journal. Erst die Bilder von der mächtigen Militärparade aus Peking, dann Krawalle aus Hongkong. Während in Peking sich die Diktatur selbst bejubelte, werden in Hongkong die wahren Kämpfer für Demokratie niedergeknüppelt. So die Botschaft. 

Neben Atlantik-Brücken-Kleber und der Liebesentzug drohenden Trauerweide Slomka ist jetzt der eunuchenhaft anmutende Ulf Röller als High Commissioner von seiner letzten Sauftour aus den USA, wo er das komplexe Land auf sein schlichtes Anti-Trump-Ressentiment einzudampfen versuchte, nach China gesandt worden. Dort spielen, so das Kalkül der die Atlantikbrücke betreibenden Falken am Potomac, die nächsten Dramen der Weltgeschichte. Denn wollen die USA ihre Weltherrschaft behalten, dann ist der Entscheidungskampf mit China erforderlich. Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch militärisch.

Da ist es wunderbar, dass mit dem Sonderstatus Hongkongs noch ein letztes Relikt der jahrhundertelangen Schmähung, Demütigung, Ausbeutung und Unterdrückung Chinas verblieben ist, wo man seine kolonialen Blue Movies glaubt drehen zu können. Die dortige Demokratiebewegung wünscht sich das alte, demokratische Hongkong zurück, so das wiederholte Lied. Opiumkrieg, Boxeraufstand und ungleiche Verträge haben das britische Empire dazu befähigt, China jene Kolonie zu entreißen, in der nie demokratisch gewählt wurde. Und nun kommen die Investigativen vom Mainzer Lerchenberg und erzählen, bei Hongkong handele es sich um ein Diadem aus den glorreichen Zeiten der britischen Demokratie in China. Da stellt sich die ernsthafte Frage, in welcher Opiumhöhle messerscharfe Analysten wie besagter Ulf Röller nächtigen? 

Das Problem, das von den deutschen Fox News permanent kreiert wird, ist die Destabilisierung des gesellschaftlichen Narrativs von der Demokratie. Der offensichtliche, dauerhafte und systematisch betriebene Akt der Schändung historischer Fakten und gesellschaftlicher Wahrheiten führt nicht zu einer Desorientierung im Einzelnen, aber zu der Zerstörung des Vertrauens insgesamt. Was soll man von wenig argumentierenden, dafür aber ständig emotionalisierenden und für die schlechte Sache Werbenden anderes halten, als dass es sich um Propagandisten im wissenschaftlichen Sinne handelt? 

In diesen Tagen heißt es immer, vertrauen Sie auf die Wissenschaft! Das ist ein kluger Rat. Zu den Wissenschaften gehört auch die Geschichte, zumindest was die historischen Fakten anbetrifft. Und das, was die Volksrepublik China heute darstellt, unterscheidet sich gravierend von den Zeiten des Kolonialismus und Imperialismus. Kaum eine alte Großmacht, die sich nicht an China goutiert hätte. Glaubt irgendwer, die Chinesen selbst hätten kein Bild von ihrer Geschichte? 

Und glauben die Produzenten der Märchenstunde namens heute journal wirklich, eine Militärparade auf dem Platz des Himmlischen Pekings sei mit der Gefahr vergleichbar, die amerikanische und europäische Waffen derzeit im Jemen verbreiten? Oder in Syrien? Oder in Libyen? Oder in Venezuela? Oder im Irak? Oder in Saudi Arabien? 

Ein guter Rat: Von Mainz ist es nicht weit nach Frankreich. Dort lassen sich seit geraumer Zeit auch Geschichten finden, die das Etikett der Sensation verdienen. Da herrscht Ausnahmezustand, da wird geprügelt und geschossen, was das Zeug hält, da gibt es jedes Wochenende Bilder von aus den Rollstühlen geschossenen Menschen, die dann über die Straßen geschleift werden. Das wären True News at their best! Und dazu noch im deutschen Fernsehen! Doch bitte berichtet und kommentiert von neuen Gesichtern! Blieben die alten, dann glaubte das wieder keiner!