Nun geht sie dahin. Die Generation derer, die nach dem großen Krieg das Land wieder aufgebaut haben. Im Osten wie im Westen. Die Bedingungen, unter denen sie aus dem Dreck krochen, waren verschieden. Wenn man so will, taten sie alles dafür, dass die Häuser wieder bewohnbar wurden, dass die Straßenbahnen wieder fuhren und die Schulen ihren Betrieb aufnahmen. Im Osten geschah das unter der Maßgabe, in ein Bündnis zu passen, das sich einer anderen Gesellschaftsordnung verschrieben hatte. Im Westen darum, einen Platz im freien Spiel der Kräfte zu finden. Im Osten bezahlten sie teuer für das, was der Faschismus dort angerichtet hatte, im Westen wurde auch von anderer Seite kräftig investiert. Das Lebensniveau in den beiden Teilen des Landes war schnell sehr unterschiedlich. Aber eines blieb in beiden Teilen erhalten. Sie mussten arbeiten, und das nicht zu wenig. Auch wenn die Regie verschieden war, der Industrialismus war beiden gemein.
Als sich diese Genration des Aufbaus aus dem aktiven Arbeitsleben verabschiedete, waren die Sicherungssysteme noch intakt. Und als das politische System im Osten implodierte und der Westen die Chance des Anschlusses erblickte, wurden die Renten- wie Arbeitslosenkassen dazu herangezogen, um die nötigen Investitionen zu tätigen. Auf die Idee, die Versicherten zu fragen, ob sie damit einverstanden wären, kam von den Handelnden niemand. Die Geschädigten hätten sich nicht geweigert, Beträchtliches beizutragen, aber sie hätten gerne gewusst, zu welchen Konditionen. Das geschah jedoch nicht. Was bleib, war ein erster fader Geschmack.
Sie erlebten in dem Leben, das nach den Mühen kam, was es heißen könnte, sich dem hinzugeben, was des Menschen Bestimmung ist. Manche hatten Glück und ihnen blieben einige glückliche Jahre. Andere wiederum begannen gleich den Preis für die Zerstörung und die Kraftakte zu bezahlen. Sie wurden krank oder gingen gleich ins Reich der Dunkelheit. Jetzt gehen auch die, die Glück hatten. Doch sie verlassen eine Welt, mit der sie seit langem nichts mehr zu tun haben. Zu vieles hat sich verändert, as dass sie es hätten kulturell noch verarbeiten können.
Spricht man mit den letzten dieser Generation, die das Heute noch reflektiert erleben, dann sind es nicht die Veränderungen, die sie beklagen. Es ist vor allem die Aufkündigung des Dialogs. Des Dialogs zwischen den Generationen und des Dialogs innerhalb der Gesellschaft. Ersteres hat etwas zu tun mit der Verwertungslogik des Kapitals, die am besten unter der Sonne eines ewigen Jugendwahns zu funktionieren scheint. Und letzteres ist die beschleunigte Individualisierung, die das existenzielle Bewusstsein auffrisst, dass der Mensch ein soziales Wesen ist.
Die Notwendigkeit der sozialen Interaktion und die Einsicht, dass persönliche Erfüllung nur dann erfolgen kann, wenn sie durch eine soziale Struktur zu sichern ist, an der auch andere teilhaben, scheinen verschwunden zu sein. Jeder stirbt für sich allein. Das ist es, was diejenigen, die ihr letztes Hemd dafür gegeben haben, dass das Leben wieder eines wurde, für das es sich zu streben lohnt. Das ist bitter. Das ist eine Bilanz, die keine Gesellschaft verkraftet, die von so etwas wie einer Zukunft spricht. Gut, letzteres findet kaum statt. Es mutet an, als sei das Jetzt das Maß aller Dinge. Das ist strategisch das sichere Todesurteil. Dass diejenigen, die jetzt gehen, das nicht mehr verstehen, spricht für sie. Ihr letztes Hemd ist die soziale Intelligenz.
