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Eine Anamnese der Revolution

Die Schriftsteller, die der Nationalsozialismus ins Exil katapultiert hatte und die sich als politischer Teil der deutschen Kultur verstanden, versuchten, aus der erzwungenen Distanz das Drama zu erklären. Heinrich Mann wählte mit seinem üppigen Roman über Henri IV. die Geschichte, Lion Feuchtwanger schilderte in einer Trilogie, „Erfolg, Die Geschwister Oppermann, Exil“, das Abgleiten der Weimarer Republik und auch Oskar Maria Graf sprach in seinem Rückblick „Gelächter von außen“ Weimar die Rolle als Vorbereitung des Desasters zu. Alfred Döblin, der Arzt, ging weiter zurück. Er befasste sich bereits 1937 im Pariser und später im amerikanischen Exil mit der Tragödie des I. Weltkrieges und seines komplexen Endes. In den Jahren 1939 – 1950 erschien die Tetralogie „November 1918. Eine deutsche Revolution“. Döblin akzentuierte das Debakel von Beginn an anders. Das Scheitern der deutschen Revolution war für ihn das Muster, aus dem alles, was folgte, erklärt werden konnte.

Der erste Band der Tetralogie, „Bürger und Soldaten“, beschreibt das Kriegsende aus der Perspektive eines kleinen Ortes im Elsass, aus der benachbarten Großstadt Straßburg und von ersten Streifzügen nach Berlin. Alfred Döblin ist der deutsche Schriftsteller seiner Zeit, der wie kein anderer die Perspektiven der handelnden Personen wechselt und in derm wirren Strudel der Ereignisse ein Panoptikum entstehen lässt, das die Leserschaft erst einmal verkraften muss. Der Prozess des Lesens selbst ist eine Etüde, um die Komplexität des Beschriebenen erfassen zu können. Schnell sind die Wechsel in der Erzählung, und introspektiv wird das Empfinden der Handelnden erforscht. Döblins Schreibweise gleicht einer Anamnese, die zu erkunden sucht, wo die Augenblicke in der Geschichte der Individuen zu suchen sind, die die verhängnisvolle Entwicklung einleiteten.

Das Bild, das Döblin über die Novembertage 1918 in den genannten Orten entstehen lässt, ist weit ab von Eindeutigkeit. Im Elsass selbst sind die Widersprüche nicht minder groß als im Kiel der aufständischen Matrosen oder im Berlin des fliehenden Kaisers. Nur gemächlicher geht es zu. Aber da sind die so genannten Altdeutschen, die für die letzten fünfzig Jahre der elsässischen Zugehörigkeit zu Deutschland stehen, aber die als Bürgerinnen und Bürger Straßburgs nicht schlechter waren als ihre frankophonen Nachbarn. Da sind die Statthalter des deutschen Kaiserreichs, die als Bürokraten und Militärs ein anderes Bild abgeben und in ihrer Borniertheit abstoßen und da sind die Soldaten, die sich verbrüdern und die Last des Krieg einfach nur abwerfen wollen. Den Altdeutschen stehen französisch-nationalistische Konservative gegenüber, die ihrerseits für keinen Neuanfang stehen. Und dennoch, die Uhr tickt in den letzten Kriegs- und ersten Friedenstagen zu schnell, als dass eine besonnen Überlegung über die Zukunft eine Chance gehabt hätte.

Anders da die erzählerischen Stippvisiten nach Berlin, wo sich die aristokratische Herrschaft aus dem Staub gemacht hat und es das Vakuum zu füllen gilt. Massen, die Karl Liebknecht folgen, Schieber, die aus der Not Geld, Gangster, die sich die Revolution zu nutze und politische Spekulanten, die Akteure zu Marionetten machen. Es deutet sich das Berliner Chaos bereits an, in dem nur die abgebrühtesten Zeitgenossen eine Chance haben werden, um die bevorstehenden Stürme zu überstehen.

Alfred Döblins erster Band über den November 1918 ist, trotz der geschilderten Tragödie, ein wohl tuender Roman, da er in seiner Komplexität und Tiefe immer wieder neue Dimensionen erschließt und das Tor zu trivialen Erklärungen versperrt.    

Fünf Tage im Juni

Die Nachgeborenen wissen es nicht mehr. Im Juni des Jahres 1953 kam es vor allem in Ost-Berlin zu Ausständen und Aufständen der Arbeiter auf dem Bau. Sie brachten damit ihren Unwillen gegen Schwierigkeiten und Widrigkeiten beim Aufbau des Staates DDR zum Ausdruck. Die Arbeitsnormen wurden wiederholt erhöht, die Gehälter blieben die gleichen und für das Geld konnte man, verglichen zu den Konsumgütern, die in West-Berlin zur Verfügung gestellt wurden, nichts kaufen. Dann, im Juni 1953, lief das Fass über. Aus Streiks wurden Demonstrationen, den Baustellen folgten andere Fabriken und irgendwann wurde von einem Volksaufstand gesprochen. Am 17. Juni schließlich wurde dieser brutal von auffahrenden Panzern niedergeschlagen, unter Beteiligung der sowjetischen Besatzungsmacht. In der benachbarten Bundesrepublik Deutschland wurde beschlossen, den 17. Juni fortan als Tag der deutschen Einheit zu begehen. Dieses wurde bis zum Ende der DDR so gehalten, seitdem wird der 3. Oktober als Tag der Wiedervereinigung ersetzt und der 17. Juni geriet in Vergessenheit.

Die Eigenart, dass sich das damalige Westdeutschland mit Arbeiteraufständen solidarisierte, sei einmal dahin gestellt und nicht die Frage erörtert, ob das heute wohl noch passieren könnte, weil dann schnell deutlich würde, wohin der damals schon aufkeimende Moralismus letztendlich führt. Interessanter scheint die Frage, ob die damals junge DDR das Potenzial zu einem anderen Staat in sich trug, als sie dann schließlich wurde. Es geht um die Erörterung einer sozialen Utopie. Das Stück war in Deutschland bereits einmal aufgeführt worden und hatte in einem Debakel geendet. Die Novemberrevolution von 1918 war der erste Versuch von Arbeitern und Soldaten auf deutschem Boden, aus dem Sturz bestehender Verhältnisse etwas Neues zu machen. 1918 wurde der Krieg beendet und die Monarchie gestürzt, das Modell der Arbeiterräte setzte sich nicht durch, auch das wurde durch Mord und Totschlag besiegelt, genau wie bei der zeitgleich stattgefundenen Münchner Räterepublik. 

Das Potenzial für ein neues Demokratiemodell nicht im Sinne einer westlichen Assimilation hatte aus dem Westen nicht identifiziert werden können. Zu spärlich waren die Informationen und zu zweckorientiert die westliche Propaganda. Stefan Heym, der ostdeutsche Schriftsteller, der sich als Exilant in den USA mit spannenden Romanen über die us-amerikanische Working Class auch im Westen einen Namen gemacht hatte, als Verbindungsoffizier nach Deutschland zurück gekommen und in der DDR geblieben war und irgendwann ein Publikationsverbot am Hals hatte, besagter Stefan Heym hatte drüben, ohne Öffentlichkeit, einen Roman geschrieben, der sich mit dem Gewaltakt gegen die Berliner Arbeiter aus dem Juni 1953 auseinandersetzte. Fünf Tage im Juni hatte er ihn genannt und damit dem Aufblitzen einer Alternative im Weltgeschehen einen zeitlichen Rahmen gegeben. Heyms Roman ist bis und gerade heute eine überaus lehrreiche Lektüre. Zum einen zeigt er, wie schnell sich in der DDR eine Bürokratenkaste etabliert hatte, die so weit entfernt von der proklamierten politischen Programmatik war, dass sie wie eine Karikatur wirkte. Und er zeigt, wie vage und undeutlich die soziale Utopie, die jenseits der realen Machtverhältnisse vielleicht gegeben gewesen wäre, in Deutschlands Köpfen vorhanden ist.

Es ist bedenkenswert, wie wenig die deutsche Mentalität dem Spiel Raum gibt, sich in der Vision zu üben. Die Erdung, der Realismus, die Geschäftsmäßigkeit, die in vielerlei Hinsicht zu einer guten Organisation des Alltags führen, nehmen allerdings auch die Energie weg von der Beschreibung eines Weges, der im Möglichen liegt. Der 17. Juni hatte auch etwas, das es nicht in die Geschichtsbücher geschafft hat. Das war allerdings das Interessanteste.