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Das Binäre in Reinkultur

The Oscar Peterson Trio. Night Train

Oscar Peterson schrieb eines der Hauptkapitel im modernen Jazz. Mit seinem Trio, Ray Brown am Bass und Ed Thigpen am Schlagzeug, hat er eines jener Alben aufgenommen, die zu den Annalen dieses großartigen Genres gehören. Wie nicht selten bei den Großen seiner Generation, ging er am 16. Dezember 1962 ins Studio zu den Radio Recorders in Hollywood und spielte in einer Session eine ganze Gemarkung des zeitgenössischen Jazz ein. Im Rahmen der Classics des Labels Verve wurde das Album unter dem Titel Night Train veröffentlicht. Wer Oscar Peterson in seinem großen Können auf einer einzigen CD dokumentiert wissen möchte, dem kann trotz der unzähligen erstklassigen Aufnahmen dieser Night Train durchaus reichen.

Die Aufnahmen beginnen mit einer ersten Version des Night Train, welche nicht nur als eine allgemeine Allegorie des Jazz überhaupt gesehen werden kann, sondern auch in exzellenter Weise dokumentiert, wie das Binäre im Jazz intoniert und durchgehalten werden kann. Trotz aller Dynamik, trotz unterschiedlicher Emphase und trotz einer beschleunigenden Bewegung spürt man mit jedem Atemzug die binäre Taktierung. Der Koloss Peterson dosiert seinen Herzschlag, der mit jedem Akkord zur Geltung kommt, im Maß aller Dinge des Jazz.

Die Auswahl der Stücke entspricht durchaus dem Gusto der Zeit, neben Night Train darf der C-Jam Blues ebenso wenig fehlen wie das den Süden als Wiege zelebrierenden Georgia On My Mind. Und der in der späteren Rezeption manchmal in die Ecke des Mainstream verwiesene Peterson scheut sich nicht, mit Stücken wie Bags´Groove und im Bonus Track Now´s The Time Klassiker des Bebop in einer Weise zu interpretieren, die diesem Genre wiederum in betörender Akzentuierung gerecht wird. Da sind die Tempi weder vemindert noch die Akkordfolgen vereinfacht, und dennoch wirken sie entspannt wie nie. Der eiserne binäre Schlag wirkt auf den beschleunigenden Impetus des Bebop wie ein Betablocker und macht somit die Konstitutionsprinzipien beobachtbarer.

Das Zentrum des Albums ist nicht durch Zufall Duke Ellingtons Things Ain´t What They Used To Be. In diesem Stück, das ganz im Sinne des Komponisten mit sanften Akkord-Andeutungen beginnt und durch die Bassläufe regelrecht zu seiner wahren Kontur provoziert wird, kommt die Vorwärtsbewegung des Jazz einzigartig zum Ausdruck. Mit einer im Ohr bleibenden Dynamik wird das turnusmäßige der Vergänglichkeit vertont. Things Ain´t What They Used To Be gerät auf dieser Einspielung zu einer philosophischen Abhandlung über den Wandel und seine ihm innewohnenden Strukturen. Das Vorwärtsstrebende wird ebenso deutlich wie das Zögern, das Zweifeln wie die Ekstase, um in einem Gleichmaß der Erkenntnis zu enden. Peterson verrät in viereinhalb Minuten die Dramaturgie eines ganzen Lebens. Ein Ereignis, das seinesgleichen sucht!