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Kosmische Worte und zynische Formulierungen

Die Philosophie der Aufklärung, unabhängig davon, um welche Variante es sich handelt, setzte einen starken Akzent auf den Zusammenhang von Sprache und Denken. Kant ging dezidiert und wie immer mit einer Präzision darauf ein, dass sich bei der Lektüre bis heute der Eindruck aufdrängt, die gewählten Worte stammten aus einem kosmischen Regiebuch. Gerade Kant wählte eine Sprache, die der Logik verpflichtet war, die aus jeder sie auch zu betrachtenden Perspektive vor allem eine Qualität zum Vorschein bringen musste, nämlich die der Objektivität und Allgemeingültigkeit. Dem unbestechlichen Gelehrten aus Königsberg kam es darauf an, deutlich zu machen, dass Sprache und Denken einer höheren Ordnung entsprängen, die zwar das Werk von Menschen seien, aber nicht mit der Fehlbarkeit der Menschen behaftet werden dürften. Heinrich Heine, der deutsche Jude, der wohl der sensualiststischste Schriftsteller seiner Epoche werden sollte, griff in seiner lebensbejahenden Art die Worte des frugalen Königsberger Protestanten auf und übersetzte sie in den Jargon der bürgerlichen Revolution. Das Wort geht der Tat voraus, so sein immer wieder wiederholtes Diktum. So dezidiert spricht heute niemand mehr über den Zusammenhang von Denken und Tun, sieht man einmal von seminaristischen Veranstaltungen über Semantik und Semiotik ab.

Die Gesellschaft der Gegenwart hat sich daran gewöhnt, dass Sprache gebeugt wird, um Interessen durchzusetzen. Längst ist sich nicht mehr nur die Form des Denkens, sondern ein Medium des Marketing. Die Professionellen des Gewerbes operieren mit ihr als eine nach den Erkenntnissen der Psychologie gestaltete Litanei von Stimulanzen, die emotionale, nicht reflektierte Reaktionen hervorrufen sollen. Alles, was die Aufklärung an Appellen an den eigenen Verstand und die eigene Verantwortung je formuliert hat, ist der Apotheose des Bauches gewichen. Die vor allem von Freud als eine Ursache von Persönlichkeitserkrankungen ausgemachte Teilung des Individuums in verschiedene Instanzen, der rational, der moralisch und der von Trieben gesteuerten, wurde nolens volens systematisch ausgebaut und hat zu einer Verunstaltung des Menschen in seiner gesellschaftlichen Umgebung geführt. Die Trennlinien zwischen Kopf, Bauch und über allem schwebende Moral sind mit Stacheldraht gesichert wie in den schlimmsten Zeiten des Kalten Krieges.

Die Besonderheit der Persönlichkeitsstruktur unserer Tage besteht vor allem darin, dass sich einerseits der emotional-triebhafte Komplex nahezu auf das gesamte Agieren im Bereich des Konsums bezieht, der rationale auf die Arbeit und das Andocken an die digitale Technologie und der moralische Komplex sich exklusiv auf emotionale Appelle fokussiert und die Ratio bewusst marginalisiert! Letzteres wundert nicht, denn das Terrain der Aufklärung wurde vor langer Zeit verlassen. Dazu reicht es, die Sprache der political correctness näher zu betrachten. Ausgehend von dem Wunsch, mit ihr anti-diskriminatorische Wege zu beschreiten, wurde, ohne dass es dagegen jemals einen größeren, vom Verstand geleiteten Widerspruch gegeben hätte, ein Instrument der Mystifikation, das von Diskriminierung und Zynismus nur so strotzt.

Oft drängt sich der Eindruck auf, als säßen in irgendwelchen Studios menschenverachtende Zyniker, die sich die neuesten Varianten sprachlicher Entgleisung ausdenken und sich nach deren Verkündung darüber bis zur Ekstase darüber amüsierten, wie unreflektiert die verblödete Meute ihren Unfug übernimmt. Wie von Bildungsfernen mit Migrationshintergrund gefaselt wird, als handele es sich um einen Haufen Dreck, der nahezu unaussprechlich ist und nicht um Menschen aus anderen Ländern, wo es keine und nur unzureichende Schulsysteme gibt und die es hier nicht geschafft haben, eine Bildung zu erlangen, die ihnen Möglichkeiten des Erfolges eröffneten. Das Wort geht der Tat voraus. Die Sprache wird von manipulativen Doktrinen manipuliert wie nie. Der Widerstand beginnt im eigenen Kopf!

Mitten im Sommer

Mitten im Sommer, gut eine Woche nach Erlangung des Weltmeistertitels seitens der deutschen Fußballnationalmannschaft, wird es heiß getrieben seitens der mit Steuermitteln finanzierten Propagandaindustrie. Da ist zunächst der Abschuss einer aus den Niederlanden kommenden malaiischen Passagiermaschine über dem Territorium der Ukraine. Es erübrigt sich, zu beschreiben, wie heikel und explosiv die Situation dort ist, auch in Bezug auf mögliche Konsequenzen in ganz Europa. Doch weit ab davon, Sorgfalt und Räsonnement bei der Beurteilung der Katastrophe walten zu lassen, stehen von vorneherein die Übeltäter fest. Es sind die russischen Separatisten, die selbstverständlich von Putin persönlich gesteuert werden.

Das suggerieren alle Medien, sei es durch direkte Suggestivfragen oder durch die Platzierung der Nachrichten, wie erst eine Meldung zum Abschuss der malaiischen Maschine, dann eine Meldung zu Putin. Dass die ukrainische Regierung das Verbrechen den Separatisten zuschreiben würde, war klar, dass die USA den Verdacht sofort, sehr zeitnah, lancierten, ist diplomatisch genauso ein Gau wie die frühe Festlegung durch deutsche Politiker. Erstaunlich ist allerdings die Tatsache, dass die Separatisten, auf deren Terrain das Wrack nun liegt, den Flugschreiber an internationale Ermittler übergeben haben. Da ist Spannung angesagt, wie die Deutung, völlig unabhängig von dem Ergebnis, seitens der psychologischen Kriegsführung ausfallen wird.

Die öffentliche Berichterstattung vor allem durch das ZDF in Sachen Gaza und Israel ist relativ eindeutig dem verkommenen Moralismus antisemitischer Prägung verpflichtet, in der ARD bemüht man sich zumindest um Differenzierung. Mit dem Kontrollorgan demokratischer Willensbildung hat das jedenfalls alles nichts zu tun. Die Ächtung von Kriegsverbrechen, die in diesem Konflikt zum Standard zu werden drohen, findet wenn, dann nur einseitig statt. Doch das hat seit dem Balkankrieg in den neunziger Jahren bereits Tradition. Da waren exklusiv die Serben die Bösen und Opfer auf dieser Seite des Konflikts wurden bis heute verschwiegen. Der verfettete Kriegstreiber, den die Grünen zuletzt zum Europawahlkampf noch einmal aus den Requisiten des Revanchismus geholt haben, glänzte dort mit der gleichen Rhetorik wie bei seinem Initiationsritual während der Balkankrise: Wer in der Ukraine zu differenzieren suche, so sinngemäß seine Worte, sei ein Anti-Amerikaner und ein Befürworter des russischen Imperiums.

Wer derartige Auftritte politisch zu verantworten hat, der darf sich nicht wundern, wenn es zu Reflexen kommt, die sich mehr dem Original als der Kopie zuwenden. Kriegstreiberei, Intoleranz und Dogmatismus führen nach rechts, egal unter welcher politischen Camouflage betrieben. So wundert es nicht, dass bei vielen Kommunalwahlen im Mai auch faschistische und nationalistische Kräfte in den Stadtparlamenten landeten. Begünstigt wurde ihr Erfolg vor allem in Baden-Württemberg durch ein neues Wahlrecht, dass aus einem anderen Kalkül politisch durchgewunken wurde und nun zu der berechtigten Verärgerung führt. Die Proteste gegen die Nazis sind wichtig, aber, und das ist das Entscheidende, sie sind nur dann glaubwürdig, wenn sie über die rituelle Waschung hinausgehen. Besagte Kriegstreiberei, besagte Intoleranz und besagter Dogmatismus sind die Wurzeln einer drohenden Radikalisierung. Den Initiatoren dieser Formen der Mystifikation haftet jedoch bis heute das positive Stigma eines friedlichen und alternativen Lebenskonzeptes an. Das zu dechiffrieren, ist nicht so ohne. Aber es geht, wenn die mit diesen Kräften einhergehende tägliche Diskriminierung großer Bevölkerungsteile entlarvt und kritisiert wird. Genauso wie die durch diesen Geist beflügelte öffentlich-rechtliche psychologische Kriegsführung, die sich längst von einem kritischen Journalismus verabschiedet hat.

Die Macht und der Schein

Nun wird wieder einmal Bilanz gezogen. Das alte Jahr nähert sich seinem Ende, in den Medien sind die Rückblicke längst zusammengestellt und die Printmedien, die sich diesem Thema widmen, liegen längst auf den Wühltischen des aldisierten Buchhandels. Symptomatisch für unsere Zeit ist nicht die Tatsache, dass zu bezahlende Medien sich des Rückblickes versuchen. Symptomatisch für unsere Zeit ist, dass diejenigen, die das letzte Jahr bewusst miterlebt haben, selbst ein persönliches Fazit nicht ohne manipulative Unterstützung mehr anstellen. Das, was die Kerners, Lanzens und Beckmänner in den TV-Medien kredenzen werden, wird wie jedes Jahr ein Trash aus Herzschmerz und handfester politischer Demagogie sein, die aus der repressiven Kraft der political correctness gespeist werden wird. Neu wird es nicht sein, die Frage, die letztendlich interessiert, ist die, wie lange diese schlecht gemachte Propaganda noch ohne Revolte durch den Äther dringen mag.

Sähen wir uns das letzte Jahr aus unseren eigenen Augen an, so würden wir etwas ganz anderes zu beschreiben haben, als es die Jahresrückblicke tun. Wir hätten es mit einer anderen wirtschaftlichen Wirklichkeit zu tun, als die täglichen Nachrichten suggerieren. Da spielten ganz plötzlich andere Menschen eine Rolle als Aktionäre, Banker, Berater und Manager. Da tauchten allein erziehende Frauen auf, die 48 Stunden pro Woche in einer Bäckerei arbeiten und dafür monatlich 1.200 Euro verdienten. Oder Akademiker, die Werbetexte korrigieren und pro Seite dreißig Euro bekommen. Wir sähen die Akteure des Sports in einem anderen Licht, die jenseits der Hochleistungsakrobatik und des Spitzenverdienstes an jedem Wochenende an ihre Grenzen gehen, die nicht nur da liegen, wo die eigene Physis sie setzt, sondern auch dort, wo die Notwendigkeiten des Lebenserwerbs beginnen. Wir sähen die Armseligkeit derer, die sich als die Mächtigen ausgeben und die Unverfrorenheit derer, die die Macht tatsächlich haben.

Wir sähen die Unterschiede des monetären und des spirituellen Reichtums. Und wir sähen die Entwicklung zur Expansion der monetären Prosperität und den tendenziellen Fall des spirituellen Wohlbefindens. Die zunehmende, fast flächendeckende digitalisierte Taktung unserer Arbeitsprozesse würden nämlich freigelegt von dem ganzen ideologischen Unsinn von Autonomie und als das identifiziert, was es tatsächlich ist: Die Ausweitung und durchperfektionierte Kontrolle, die Liquidierung jeglicher Selbstbestimmung und die inquisitorische Verfolgung des freien Willens. Es würde deutlich, wie uniform das digitalisierte Zeitalter geworden ist, wo aus jeder Fernbedienung und jedem Sensor ein Programm lauert, das standardisiert und vereinheitlicht. Und es würde wie die Schuppen von den Augen fallen, dass bei allem Individualisierungsbrimborium nur noch serienmäßige Stereotype geduldet werden.

Ein Rückblick wie dieser wiche doch in hohem Maße ab von der propagandistischen Aufbereitung. Und er ließe Schlüsse zu, die die Medien systematisch verhindern. Es würde nämlich die ganz einfache Wahrheit ersichtlich, dass unser Wunsch nach Freiheit und Gestaltung, nach Selbstbestimmung, Glück und Gemeinschaft in der Welt der gegenwärtig Mächtigen nur noch als Chiffre besteht, als Illusionspops in einer virtuellen Welt, die die tatsächliche Lebenspraxis gar nicht mehr repräsentiert. Und dann würde klar, dass der permanente Widerspruch von Illusion und Wirklichkeit dazu führt, dass wir tendenziell den Verstand und ein unverbrüchliches Gefühl für Gut und Böse verlieren, wenn wir dem Spuk nicht schleunigst ein Ende machen. Das, was unser Leben ist, muss das Zentrum unserer Betrachtung sein. Alles andere ist Mystifikation!