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Symbolpolitik: Der große Bluff!

Auf dem Jahrmarkt der Beliebigkeiten geht es emotional heftig zu. Egal, was gerade aus einer der zahlreichen Buden als Attraktion ins Mikrophon gerufen wird, es löst beim vorbeilaufenden Publikum heftige Reaktionen aus. Es kann als sicher gelten, dass keine wie auch immer als frivol bezeichnete Neuheit die Wirkung verfehlt. Ob es sich um das Verhalten eines anderen Landes handelt, um das Zitat eines Künstlers, den Kommentar eines Showmasters, den Tweed einer Politikerin, die innere Beziehung eines Musikensembles, den Gartenzwerg eines Nachbarn, die Niederlage einer Sportmannschaft oder was auch immer. Der Rummel ist so gut besucht wie nie und alle, die über den großen Platz laufen, pfeifen und johlen. Man kann den Eindruck gewinnen, als erfreue man sich an einer Abwechslung vom grauen Alltag und betrachte das Ganze als eine Episode im eigenen Dasein.

Ob allerdings eine Aufteilung in Amüsement hier und Alltag dort möglich ist, sollte hinterfragt werden. Weil das ganze Skandalisieren und Gehetze, das auf dem vermeintlichen Jahrmarkt feilgeboten wird, einen dermaßen großen Raum einnimmt, dass von einer kleinen Auszeit nicht mehr gesprochen werden kann. Und das, was den grauen Alltag bezeichnet, ist von Dimension und Wirkung alles andere als zu unterschätzen. Das normale Engagement ist für viele nicht mehr ausreichend, um die basalen Lebensbedürfnisse befriedigen zu können. Sie sind zeitlich und energetisch nicht nur ausgelastet, sondern sie müssen sich immer wieder etwas einfallen lassen, um das tägliche Leben zu organisieren. 

Und ein anderes Segment schneidet in aller Ruhe Coupons oder lässt sich von einer als Ursache für alle Widrigkeiten bezeichneten Generation ohne große Gewissensbisse fürstlich alimentieren. Sie sind es, die nicht nur ausgelassen über den Jahrmarkt der moralischen Aufregungen laufen, sondern denen auch immer wieder neue Spiele einfallen, bei denen es vermeintlich um alles, in der gesellschaftlichen Realität jedoch um nichts geht. Das, was auf der Wiese der absurden Möglichkeiten zu so großer Aufregung führt, ist von seiner gesellschaftlichen Bedeutung nichts anderes als ein großer Bluff. Böse Zungen bezeichnen die Übertragung dieses in seinen Grundfesten blödsinnigen Jahrmarkts auch als Symbolpolitik.

Und so Unrecht haben sie nicht. Denn was haben die immer wieder an den Horizont gezeichneten Horrorszenarien mit dem alltäglichen Kampf zu tun, dem sich die meisten Menschen stellen müssen. Arbeit suchen und finden, die Diskrepanz zwischen verdientem Geld und Ausgaben, die Widrigkeiten bei einer existenznotwendigen Mobilität, die mangelnde Qualität bei der Qualifizierung der Kinder, die Wohnsituation? Das Milieu, das sich exklusiv auf dem Jahrmarkt der moralischen Entrüstung aufhält, antwortet auf derartige Fragen achselzuckend mit der geistigen Beschränktheit derer, die diese Fragen beschäftigen und Stellen.

Dass dieses Wechselspiel zwischen Amüsement und Lebenskampf zweier gesellschaftlicher Segmente, die quantitativ ungleichmäßig verteilt sind, nicht so weiter gehen kann, wissen allerdings beide Seiten. Die einen, denen es gut dabei geht, wollen es allerdings unbedingt weiterspielen. Und die anderen, die darunter leiden, wollen es auf jeden Fall so schnell wie möglich beenden. Die wenigen Fragen, die sich bei dieser politischen Konstellation noch stellen, sind schnell formuliert: Wie lange wird das Spiel noch gehen und in welcher Form wird es beendet werden?  

Charlie und die 53

Die Möglichkeiten, sich emotional zu überhitzen, sind in eine Dimension vorgedrungen, die alles, was man sich vor einigen Jahren vorstellen konnte, bei weitem übertrifft. Was auffällt, ist die Tatsache, dass vieles davon beliebig ist und mit keinem Bezug auf die tatsächlichen Lebensverhältnisse steht. Man könnte ein kleines Spiel veranstalten, und die Dynamik, die bei den gegenwärtigen Eruptionen zutage tritt, auf andere Ereignisse übertragen. Was wäre, wenn das, was jetzt auf die Aktion der 53 bundesrepublikanischen Schauspieler veranstaltet wird, aufgrund des Gutachten der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2019, in dem vorgeschlagen wurde, die Hälfte der Krankenhäuser des Landes zu schließen, und das, so ganz nebenbei, von einigen sich in der Corona-Krise profilierenden Politikern als durchaus vernünftig eingestuft wurde, empört in Erinnerung gerufen würde? Käme dann auch das Argument, es hätte sich um eine Verhöhnung der jetzigen Corona-Toten gehandelt? Oder, ein anderes Beispiel, wenn, aufgrund des unendlichen Leids, das der Krieg im Jemen anrichtet, es dazu führen würde, angesichts der ununterbrochenen Waffenlieferungen aus Deutschland von einer Verhöhnung der dort verreckenden Kinder gesprochen würde? 

Die Liste ließe sich fortsetzen, und es ließen sich Beispiele anführen, die noch weitaus drastischer sind als die zwei hier genannten. Fakt ist, dass sich in dieser Hinsicht nichts tut, dass die emotionale Befindlichkeit der Hohepriester der Empörung seltsamerweise nicht berührt ist. Und das hat Gründe. Denn seit langem befindet sich die Republik in einem anderen Spiel. Und das ist das der Symbolpolitik. Es geht seit langem nicht mehr darum, Missstände aufzudecken und sie zu beseitigen, sondern es geht um eine Entladung der Verzweiflung über die eigene Unzulänglichkeit. Eine Unzulänglichkeit, die daraus entsteht, dass viele Menschen sich nicht mehr in der Lage fühlen, selbst in die Politik und die durch sie verursachten Zustände einzugreifen. Und die stetig wachsende, und nicht mehr zu leugnende Angst, sich mit seinem eigenen Gesicht und Namen zu exponieren, um Kritik anzustoßen und die Verhältnisse zu verändern, führt zu einer sich im unzivilisierten Verhalten ständig steigernden Meute.

Es ist offensichtlich, dass Angst und Verzweiflung zu irrationalem Handeln verführen. Wer diesem Weg folgt, erlebt kurzfristige Entlastung, in dem der emotionale Stau aufgelöst wird. Nur ändert sich nichts und es es ist folgerichtig, dass sich nach der Entladung der nächste Stau bereits anbahnt. Denn, so trivial ist es, wenn sich nichts ändert, dann bleibt alles so, wie es ist. Und die Diagnose ist ebenso profan, dass moralische Entrüstung große Anteile von Eifersucht im Heiligenschein aufweist. Menschen, die sich in dem beschriebenen Teufelskreis von Unbehagen und Zornstau befinden, sich aber nicht trauen, mit ihrer eigenen Identität aufzustehen, verzeihen es jenen nicht, die das machen. Sie an den Pranger zu stellen, das beschert ebenso wieder eine kleine Entladung, die nichts verändert und nur dazu beiträgt, das Spiel wieder neu aufzustellen.

Als vor einigen Jahren die Redakteure von Charlie Hebdo in Paris ermordet wurden, weil sie von ihrem Recht der freien Meinungsäußerung Gebrauch gemacht und giftige Mohammed-Karikaturen  veröffentlicht hatten, explodierte das Netz mit Bekenntnissen unter dem Signet „Je sui Charlie!“. Jetzt ist die Frage zu stellen, ob sich noch irgend jemand von jenen Menschen daran erinnert, dass unter lautem Geheul dieses Recht und der Wert des freien Wortes verteidigt wurde, oder ob die eigene Gesellschaft ein Stadium erreicht hat, wo da alles nicht mehr gilt?  

Eifersucht im Heiligenschein

Ein früherer Kollege pflegte eine bestimmte Disposition immer sehr präzise auf den Punkt zu bringen. „Moralische Entrüstung“, so seine Worte, „ist Eifersucht mit Heiligenschein.“ So ganz wollte ich dem nie folgen, vielleicht auch deshalb, weil ich nicht wahrhaben wollte, dass unser Lebensraum so stark von Eifersuchtsgefühlen durchdrungen ist. Etwas, was einen nicht andauernd beschäftigt und eigentlich fern liegt, wird selten als ein starkes, vieles bestimmendes Motiv erkannt. Denn wäre es wirklich so, dass die moralische Empörung aus dem missgünstigen Argwohn entspränge, dann wäre es sehr schlecht um uns bestellt. Denn eines ist klar: nirgendwo sonst feiert die moralische Entrüstung derartige Feste wie in unserem schwulmigen Kulturraum.

Und es sind nicht unbedingt nur die Alten, denen in der Regel das Schicksal gemein ist, dass sie vieles, was sie der Jugend als verwerflich anhängen, nur deshalb so vehement tun, weil sie es selbst nicht mehr können oder vertragen. Wenn die eigene Konsummaschine nicht mehr reibungslos funktioniert und die Reparaturanfälligkeit dramatisch steigt, ist es durchaus üblich, den Verzicht und die Askese zu predigen. Dass aber ausgerechnet viele Junge mit dem Gefühl der moralischen Empörung durch das Dasein schreiten, das ist eine nicht übliche Erscheinung.

Vielleicht ist es die erfolgreiche Indoktrination mit dem Bewusstsein der moralischen Überlegenheit per se, die dazu geführt hat, dass sich vor allem die Generation zu etwas Besserem berufen fühlt, die aufgrund der Reichtümer aufwuchs, die verantwortlich sind für die systematische und zügellose Ausbeutung von Mensch und Natur. Dann, als die maslow´sche Bedürfnispyramide abgearbeitet war, kamen die Nachkommen auf die Idee, die Frevelhaftigkeit der Vorgänger auf die ganze Menschheit zu übertragen und allen, die so leben wollten, die Zerstörung in toto vorzuwerfen.

Und was so wunderbar gut gegenüber Chinesen und Asiaten im Allgemeinen, gegenüber Russen sowieso und den „Südländern“ generell so wunderbar klappt, das geht natürlich auch in der Binnenwirkung. Alle, die noch Rauchen, Alkohol trinken, Auto fahren, Fleisch essen, Pelze tragen, Kaviar essen oder Kopi Luwak trinken etc. wird die moralische Entrüstung entgegengeschleudert, verkennend, wie die eigene Position der vermeintlichen Überlegenheit hat zustande kommen können. Wer im Glashaus sitzt, so sagt das Volk, soll nicht mit Steinen werfen. Das aber wird getan, der Wertekodex wird immer dann bemüht, wenn die eigenen Fehlleistungen zu offensichtlich werden.

Die einzige Hoffnung, die in dem beschriebenen Überlegenheitsgefühl liegt, wäre die, dass sich der ganze moralische Überlegenheitswahn entpuppen könnte als eine riesige Enttäuschung über die selbst proklamierte Tugendhaftigkeit, die nicht die entzogene Lust kompensiert, sondern nichts als Kleinmut, Hass und Lebensüberdruss hervorbringt. Wie schön wäre es, wenn sich die Menschen in diesem Land wieder befreien könnten von dieser ekelhaften weltlichen Theologie der Enthaltsamkeit und Selbstkasteiung. Wie schön wäre es, wenn der Genuss und seine Produktion wieder als Kunst gälte, die nur unter einem zu leiden hätte, nämlich dem Anspruch auf radikale Demokratisierung.

Was Spaß macht, kann auch sozial verträglich und ökologisch nicht destruktiv sein. Das, was schadet, ist die Ideologie der Askese. Unter dem Strich nährt sie Neid und Missgunst. Moralisch hin oder her, eine bessere Alternative ist das nicht.