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Kongenial und zeitlos

Art Blakey And The Jazz Messengers. Moanin‘

Selten gibt es Augenblicke, in denen Können, Zeitgeist und gute Laune kongenial ineinander greifen. Die Seltenheit dieser Begebenheiten machen sie so wertvoll. Als im Oktober 1958 in den berühmten Studios Rudy van Gelders in Hackensack, New Jersey, der Schlagzeuger Art Blakey mit seinen Jazz Messengers mehrere Takes aufnahm und die daraus entstandene Platte nach dem Eingangstitel Moanin´benannte, war ein solcher Augenblick dokumentiert. Mit Musikern, die allesamt zur damaligen Referenzliste des Hardbop zählten, Lee Morgan (trumpet), Benny Golson (tenor sax), Bobby Timmons (piano), Jymie Merritt (bass), widmete Art Blakey, der ehemalige Bergmann aus Pittsburgh, der Nachwelt ein Tondokument, das gute Laune garantiert.

Angefangen mit Moanin´, das gleich in zwei Versionen vorliegt, spielten die Musiker ein Thema ein, das sich zum Ohrwurm wie Evergreen eignet, ohne auf Qualität auch nur in irgend einem Punkt verzichten zu müssen. Ob Lee Morgan mit seiner flinken wie rauen Trompete, Benny Golson als Synchronimprovisator auf seinem Tenorsaxophon, Bobby Timmons mit seinen spärlichen, aber entscheidenden Akkordakzentuierungen oder natürlich Art Blakey, der das Schlagzeug durch das Stück treibt wie eine donnernde Lore Unter Tage. Moanin´ist ein Stück, das, wenn es bis heute irgendwo gespielt wird, sofort die Zuhörerschaft, egal, wo sie sich befindet, zum mitswingen treibt, der Rhythmus steckt an und lässt niemanden unbeteiligt, es wirkt wie ein Signal an das vegetative Nervensystem, das dazu auffordert, sofort und ohne Umschweife den Lebenswillen durch tonsynchrone Bewegungen zum Ausdruck zu bringen. Moanin´, komponiert von Bobby Timmons, gehört von seiner rhythmischen Suggestionskraft sicherlich zu den wichtigsten Aufnahmen der Jazzgeschichte.

Are You Real wie Along Came Betty, beides aus der Inspiration Bennie Golsons, waren schnell in den Real Books der meist gespielten Jazz Standards plaziert, ebenso aufgrund ihrer melodiösen Einprägsamkeit wie durch die gefühlvollen Phrasierungen. The Drum Thunder Suite, ebenfalls eine Komposition von Bennie Golson, zugeschnitten auf den kraftvollen wie kompromisslosen Art Blakey, deutet darauf hin, wie selbstbewusst diese Periode des Hardbop zu Werke ging. Und Blues March ist wohl das markanteste Beispiel für den biographischen Hintergrund des Bandleaders Blakey, der er geschafft hatte, aus dem Bergarbeitermilieu in die Hochsphären des amerikanischen Jazz zu entfliehen. Es wirkt fast wie ein Regiebuch für die einzelnen Biographien, wenn die gegensätzliche Linienführung zwischen Lee Morgans Trompeten- und Benny Golsons Saxophonsolo und die tatsächliche Konsequenz des Marschrhythmus durch Art Blakey zur Geltung kommt. Selbst Come Rain Or Come Shine, das letzte des Albums und ein Mercer und Arlen Stück, das dem damaligen Mainstream aus dem Repertoire gestohlen wurde, bekommt durch die Jazz Messenger eine andere Note und wirkt ganz und gar nicht durch den Hardbop geschändet, ganz im Gegenteil, eher wirkt es so, als sei es ein Stück dieses Genres schlechthin, was darauf hinweist, dass die versammelten Musiker einfach alles so umsetzen konnten, wie sie es wollten.

Immer schon kursierte Moanin´unter den besten Jazz Alben aller Zeiten. Ob bei Blue Note (dort zählt es zu den 25 besten je!) oder anderen Sondereditionen. Das wird wird wohl auch immer so bleiben. Auch wenn der Jazz noch viele Entwicklungen zeitigen wird, Moanin`ist zeitlos, weil die Augenblicke, die derartige Produktionen zulassen, so selten sind. Wer Moanin´mit auf die berühmte Insel nimmt, hat eine vortreffliche Chance, zu überleben!