Der Zuspruch, den man erhält, wenn bei Neujahrsgrüßen der Wunsch formuliert wird, dass man sich vorgenommen hat, sich emotional mehr zurücknehmen zu wollen, wenn es um den politischen Diskurs geht, ist groß. Und es ist kein Geheimnis, dass alle, die sich in die Erregungsspirale begeben haben, sehr schnell von dem unwürdigen Spiel erschöpft sind. Reden wir hier nicht von Schuld. Das macht keinen Sinn, denn die Suche danach ist bereits Treibstoff für die erbärmliche Qualität, in die wir uns immer wieder hinein weben, wenn es um die Sache der Allgemeinheit geht. Schuld, Feindbilder, die Taten oder die Dummheit anderer entstammen einer Vorstellung, die mit den kausalen Zusammenhängen auf Kriegsfuß steht. Denn nichts, was geschieht, kommt ohne uns zustande. Das kluge Wort, das dem französischen Skeptiker, Philosophen und Essayisten Michel de Montaigne zugeschrieben wird, dass nämlich jedes Individuum für das verantwortlich ist, was es tut und auch für das, was es unterlässt, kann, einmal beherzigt, einen Korridor Richtung Befriedung und Versachlichung öffnen.
Grundsätzliche Voraussetzung für ein Ende, oder zumindest ein Eindämmen des lauten, von Gefühlsregungen getriebenen Geschreis ist der Wille, dieses auch zu tun. Eine besondere Verantwortung kommt dabei denen zu, die als Regisseure und Chronisten des Geschehens gelten. Aber, das sollte allen klar sein: sie allein werden es nicht bewerkstelligen können, wenn der emotionale Klamauk immer wieder Erfolge zeitigt. Wenn das Gejohle die Suche nach Ursachen für Probleme verhindert, wenn das eigene Tun oder Nicht-Tun in keinen Zusammenhang zu den Taten anderer gestellt wird und wenn die Zuspruch erhalten, die sich am beschämendsten benehmen.
Die Reziprozität von eigenem Handeln und den Taten anderer setzt etwas voraus, das der Volksmund, den es trotz aller verbalen Bombenangriffe immer noch gibt, mit den Bildern über die Grundrechenarten beschreibt. Man muss schon in der Lage sein, heißt es dort, 1 und 1 zusammenzählen zu können, oder in ähnlichem Kontext, man sollte schon bis 3 zählen können. Es wäre schön, wenn es gelänge, diese Betrachtung in den Diskurs um das eigene Tun und das der anderen mit einzubeziehen.
Als didaktischer Wink seien Beispiele erlaubt, die es verdeutlichen. Wenn man eigene Kriegsschiffe vor die Küsten anderer, entfernter Länder schickt, sollte es keine Überraschung sein, dass in den lokalen Meeren Schiffe aus eben diesen Regionen auftauchen. Wenn man sich seinerseits aktiv und massiv in Wahlkämpfe anderer Länder einmischt und dabei Partei ergreift, darf man sich nicht wundern, dass so etwas plötzlich im eigenen Wahlkampf von außen ebenso passiert. Wenn man Drohneneinsätze, bei denen regelmäßig Zivilisten in anderen Ländern umgebracht werden, vom eigenen Territorium aus duldet, sollte man nicht entsetzt sein, wenn der Terror im eigenen Land ebensolche Formen annimmt. Wer selbst mit Schutzzöllen und Subventionen in erheblichem Ausmaß agiert, darf sich nicht beklagen, wenn die globalen Counterparts ähnlichen Ideen verfallen. Und wer es zulässt, dass man systematisch und regelmäßig andere Länder anklagt, sollte nicht überrascht sein, dass Produkte aus dem eigenen Land dort keinen Markt mehr finden. Wer Respekt einfordert, sollte ihn auch zollen.
Die Liste ließe sich fortschreiben, sie findet kein Ende. Wenn wir wirklich aus der Spirale der Verhetzung herauswollen, sollten wir mit Montaigne beginnen: Jeder ist verantwortlich für das, was er tut und für das, was er unterlässt.
