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Nomaden in der Kommune

Gegenwärtig tagt in Mannheim ein Urban Thinkers Campus. Dabei handelt s sich um eine von mehreren weltweit stattfindenden Vorbereitungskonferenzen für die in Quito, Peru, geplante Sitzung von UN-Habitat, der World Urban Campaign des UN-Siedlungsprogramms. Es geht dabei darum, die wesentlichen Probleme weltweiter urbaner Entwicklung zu fokussieren und Lösungskonzepte zu entwickeln.

Die in diesem Rahmen bisher stattgefundenen Beratungen haben bekannte wie relevante Themen zum Gegenstand, von der Versorgung mit Trinkwasser über die Frage des Lebensraums von Arbeit und Wohnen bis hin zur Digitalisierung. Ausgeblendet wird kaum etwas, Klischees werden ebenso wenig bedient. Die vorbereitenden Urban Thinker Campuses sind zu betrachten als Stoffsammlung für eine entscheidungsrelevante UN-Programmatik. Dass eine solche nicht mit der realpolitischen Faktizität korrespondiert, versteht sich leider nahezu von selbst.

Bemerkenswert bei der Mannheimer Tagung sind dennoch einige Aspekte. In seiner thematischen Einlassung sprach der amerikanische Politologe Benjamin Barber, seinerseits Initiator des City Counsel of Mayors und Autor des bemerkenswerten Buches What if Mayors ruled the World? . In seinen Ausführungen machte er deutlich, dass die Kommune der Ort sei, an dem alle politischen Probleme von praktischer Relevanz gelöst werden müssen. Bürgermeistern, so seine These; kann der Rechtsstatus eines Immigranten egal sein, für sie ist die Tatsache der physischen Existenz entscheidend. In der Kommune, so sein Schluss, werden alle Fragen von Politik gelöst und er führte weiter aus, dass in den Kommunen 70 Prozent der Wertschöpfung stattfinde, wovon aber maximal 30 Prozent blieben. Der Rest würde von den Zentralstaaten konsumiert. Die Krisenappelle der Metropolen, die zudem zumeist von deren Bürgermeistern nahezu einstimmig, über Parteigrenzen hinweg, formuliert würden, verwiesen immer auf die zu knappen Mittel.

Das Alleinstellungsmerkmal des Mannheimer UTC war der Aspekt der Immigration, mit dem Titel Urban Citizenship in a Nomadic World wurde nicht nur ein aktuell politisch brisanter, sondern auch ein perspektivisch an Bedeutung noch zunehmender Aspekt in den Fokus gerückt. Mannheims Oberbürgermeister Peter Kurz verwies auf die derzeit weltweit 60 Millionen Flüchtlinge, die in die Metropolen drängten. Neben dem, was derzeit hinsichtlich direkter Maßnahmen diskutiert wird, ist der Umgang der verschiedenen Weltmetropolen mit dem Dauerphänomen zahlenmäßig großer Immigration von großem Interesse. Es handelt sich in den Metropolen nicht nur um die immer wieder von konservativer Seite angeprangerten rechtsfreien Räume, sondern oft, meisten sogar simultan, auch um Labors von Innovation, hinsichtlich sozialer Beziehungen, produktiver Verfahren und von Dienstleistungen. Längst sind, wenn die Integration gelingt, diese metropolitanen Frischluftzonen die Innovationsstraße für ganze Volkswirtschaften geworden. Auch hier ist die Ambivalenz von Chance und Gefahr offenkundig und nur eine holistische Sichtweise vermag dazu führen, eine vernünftige Programmatik zu entwickeln.

Seit der Pariser Commune im Jahre 1871, die gerade einmal 100 Tage überlebte, flammt die Idee der lokalen Kommune als Staatsidee oder, besser formuliert, als politisches Modell immer wieder auf. Im Kontext rasender Internationalisierung erhält dieses Modell gegenwärtig eine neue Chance. Sehr beeindruckend ist dabei auch ein Prototyp des Politikers, der sich mittlerweile bei Bürgermeistern großer Städte zeigt: Sie müssen über politische Horizonte internationaler Dimension verfügen, sie müssen die Interaktion polykultureller Akteure moderieren und sie müssen ganz praktische Probleme lösen. Da reift etwas heran, das sich gravierend von den Apparatschiks zementierter Bürokratien unterscheidet.

Ein Modell bleibt dann Illusion, wenn deutlich wird, dass die Akteure, es mit Leben zu füllen, nicht gefunden werden können. Die Kommune der Zukunft hat allerdings schon erste Charaktere gefunden, die dazu in der Lage sind, eine Rolle zu spielen.

 

 

Mega Cities: Ordnung & Kreativität

Eine der Kernaussagen in Doug Saunders Buch Arrival City, das sich mit dem Phänomen der Massenmigration hin zu Metropolen und Mega Cities befasst, bezieht sich auf die positiven Faktoren, die aus der Überlastung der städtischen Organisation resultieren. In den provisorischen, informellen Zonen der großen urbanen Magnete existieren nicht nur Probleme hinsichtlich der Hygiene, der Versorgung, der Infrastruktur und der Bildungseinrichtungen. Gerade dort werden auch die innovativen Impulse gesetzt. Die informellen Sektoren der großen Städte werden von Seiten der Stadtplaner als Quell krimineller Umtriebe gesehen, doch dort werden mindestens in gleichem Maße die Prototypen neuer Entwicklungen sozialisiert, und das reicht von Politiktypen bis hin zu Designern.

Die Gesellschaften, die aufgrund ihrer Geschichte und ihrer wirtschaftlichen und politischen Attraktivität dazu animieren, sich dorthin zu begeben, sind in nuce konfrontiert mit einem antagonistischen Widerspruch, der sich schlichtweg nicht lösen, sondern nur aushalten lässt. Zum einen ist die Anzahl der Hinzukommenden in der Regel so groß, dass die bestehenden Strukturen kommunaler Organisation versagen. Und dort, wo die Ordnung in die Knie geht, breitet sich Humus für Illegalität aus. Zum anderen ist es gerade das Nicht-Vorhandensein der Ordnung, was eine gewisse Kreativität und nicht system-konforme Entwicklung von Lebens- und Arbeitsformen ausmacht, weil es multi-kulturelle Synergien ermöglicht. Der Profit des letzteren kommt beiden Seiten zugute: der aufnehmenden Gesellschaft in Form innovativer Impulse, den Immigranten als geglückte Karriere in einer neuen Welt.

Los Angeles gilt als eine Metropole, die dieses erkannt und sich entschlossen hat, mit der Ambiguität von erodierender Ordnung und der Etablierung kreativer Unordnung zu leben. Folglich funktioniert diese Metropole und deren informeller Sektor wie ein Durchlauferhitzer, d.h. die Anzahl der jährlich hinzugezogenen Immigranten entspricht ziemlich genau der Anzahl derer, die dieses Stadtgebiert wieder verlassen, um in Siedlungen des Mittelstandsmilieus sesshaft zu werden. Dass hört sich gut an, ist jedoch für viele dennoch nur schwer zu ertragen. Ambiguität, d.h. die Unwägbarkeit, weil verschiedene, sich teilweise widersprechende Tendenzen sich beißen, ist nur schwer zu vermitteln, weil das System, dass sich wiederum dahinter verbirgt, der Lebenserfahrung aller, die in so genannten geordneten Verhältnissen leben, heftig widerspricht.

So ist es kein Wunder, dass über den Globus verteilt sehr unterschiedlich mit dem Phänomen umgegangen wird. In China versucht man Informalität gar zu planen, in Südostasien schnelle Benefits zu ziehen, ohne gesellschaftliche Permissivität zuzulassen und im alten Mekka der Immigration, New York City, hat der Bürgermeister Micheal Blumberg, dessen zweite Amtszeit sich dem Ende neigt, die Politik Rudolph Guilianis fortgesetzt und mit einer rasanten ordnungspolitischen Offensive das Val Paraiso der weltweiten Einwanderung auf den Charme einer protestantischen Kleinstadtgemeinde in der regnerischen englischen Provinz gebracht. Die strikte Durchsetzung des Gesetztes und eine immer länger werdende Liste von Reglements und Verboten, die sich bis auf die akribische Beschreibung von Rauchmöglichkeiten, des restringierten Ausschanks von Alkohol, der nur behördlich Überwachten Illuminierung von Festen und der festgelegten Größe von Limonadenflaschen erstrecken, haben die etablierte Ordnung zum Sieg verholfen.

Blumberg, der sein Amt bekanntlich für ein symbolisches Gehalt von einem Dollar ausgeübt hat und dessen Privatvermögen auf ca. 27 Milliarden Dollar geschätzt wird, hinterlässt der kommunalen Nachwelt eine Stiftung, die sich mit dem Design der Städte und ihrer Verwaltungen der Zukunft befasst. Bei einem Konvent in diesen Tagen wurden zentrale Themen angeboten, die überall eine Rolle spielen. Ein Thema im Angebot: Wie kann man Kreativität in einem urbanen Umfeld erzeugen? Da sollte man doch raten, die Kollegen vom Ordnungsdienst einmal zu konsultieren!