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21st century schizoid man

Längst kennen wir das Phänomen: Diese Mischung aus Exhibitionismus und Prüderie, die den öffentlichen Diskurs unsrer Tage so oft absonderlich erscheinen lässt. Man darf gar nicht erst beginnen, die jeweilige Regung, die sich Bahn bricht, auf Konsistenz zu überprüfen. Es würde wohl zur sofortigen Umnachtung des Denkapparates führen. Wie sonst ist zu erklären, dass Zeitungen, die seit eh und je mit nackten Pin-Ups auf den Frühstückstisch oder in die Werkskantinen flattern, sich zu Moralaposteln aufspielen und ein gesellschaftliches Tabu nach dem anderen aufzustellen versuchen. Angesichts ihrer sonstigen Praxis vermöchte man das Verhalten vielleicht nur mit der psychologischen Paradoxie zu erklären, dass nämlich moralische Entrüstung nichts anderes ist als eine Form der Eifersucht im Heiligenschein. Und nicht nur die klassische Presse, zumindest in ihrer Regenbogenversion, sondern auch die Lehranstalten des gesellschaftlichen Diskurses, die Talk-Shows, in denen die zweifelhaftesten Figuren längst den Lead ergriffen haben, debattieren über das Intimste, wenn es darum geht, die Neugierde zu befriedigen und ereifern sich auf das Schlimmste, wenn die Nacktheit nicht dem Begriff der Prüderie standhält.

Die öffentlich-rechtlichen Sender haben in diesem Spiel längst ihren Auftrag hinter sich gelassen. Der lautete nämlich, zumal in der Begründung der Finanzierung aus dem Fiskus, dass es primordiale Aufgabe der Sendeanstalten sei, die Bürgerinnen und Bürger zu informieren, zu bilden und über die Einhaltung der demokratischen Spielregeln bei den Mandatsträgern zu wachen. Letztere liefern nur noch den Vorwand, um die Bevölkerung zu kriminalisieren und zu verhetzen. Torquemada hieß er, der größte und schrecklichste Protagonist der spanischen Inquisition, der als Schutzpatron über mancher Sendung schwebt. Sein Konzept gilt auch heute noch: Finde das Opfer, schaffe einen Rahmen für das Delikt und liefere scheibchenweise Indizien, die das Publikum erschaudern lässt. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es sich dabei um den ganz medialen Alltag der Jetztzeit handelt.

Die Frage, die sich im Zusammenhang mit diesen Wirkungszusammenhängen stellt, ist die nach der Psychensozialisation des breiten Publikums. Wie gehen die Seelen mit dieser Konkordanz von Enthüllung und Verschleierung, von Exhibitionismus und Prüderie, von Tabula rasa und Tabu eigentlich um? Bringt sie ihnen Orientierung und Gewissheit oder gar ein Instrumentarium zur eigenen Welterklärung oder macht es sie einfach nur kirre und schizoid? Letzteres ist zu vermuten, denn Handlungsableitungen aus der vermeintlich nur aus Skandalen bestehenden Zeitgeschichte scheint es nicht zu geben. Die ständig neu genährte Regung ist der Zweifel und die Angst, sich zwischen den verschiedenen Antipoden entscheiden zu müssen. Denn wer sich vergreift in seiner Wahl, der landet im Hemd des Irren auf dem Scheiterhaufen einer Moral, die eigentlich gar keine mehr ist. Denn das Tabu als Alleinstellungsmerkmal ist ebenso wenig sinnstiftend wie die pornographische Nacktheit stimulierend.

So, wie es ist, kann es nicht mehr weiter gehen. Die sittliche Verunsicherung, die Dekonstruktion der Urteilskraft und die Salonfähigkeit empörter Hysterie haben die gesellschaftliche Psyche an einen Zustand heran gebracht, der sie empfänglich macht für Demagogie und Tyrannei. Die in aller Öffentlichkeit und Breite geführten gesellschaftlichen Diskurse sind weit über das hinaus, was Stefan Zweig einmal in Bezug auf das neunzehnte Jahrhundert noch so treffend das Lotterbett der Kolportage nannte. Nein, es ist ein Labor, in dem die Massenpsychologie von Diktaturen erprobt wird. Es geht um sehr viel, und viel mehr als nur den guten Geschmack.

Massenpsychologie

Wilhelm Reich, der Verfolgte und später in seinem Exil Belächelte war es, der sich dezidiert der Fragestellung widmete, welche psychischen Wirkungsformen es waren, die dem Faschismus eine Massenbasis gaben. In seinem Buch Die Massenpychologie des Faschismus ging er methodisch und pedantisch vor: Er ließ nichts aus, was nicht betrachtenswert gewesen wäre. Von der militärischen Hierarchie und ihren Ritualen bis zu den Uniformen, vom Marschrhythmus bis zu den Marschformationen betrachtete er die Inszenierung eines totalitären Systems als psychologisch wirksamen Gesamtkunstwerk, das von seiner Wirkung her den Sexus wie den Todestrieb mobilisierte. Wilhelm Reich wurde bekanntermaßen in seinem amerikanischen Exil zu einem gefährlichen Sonderling. Dennoch hat er der Nachwelt manch wichtiges Werk zurück gelassen, das bis heute lesenswert ist. Die Massenpsychologie des Faschismus steht in verstaubten Regalen.

Obwohl die westliche Welt nach dem II. Weltkrieg vor allem über die USA und dem dortigen Einfluss der Psychoanalyse einer umfassenden Psychologisierung ihrer Deutungssysteme unterlag, ist eine Aktualisierung der Psychologie der gängigen Formen von Herrschaft ausgeblieben. Das mag zum einen daran liegen, dass die verschiedenen Ausprägungen der Demokratie, die sich über den Westen legen, nichts mit einem totalitären System gemein haben. Zum anderen ist die Kritik an den gegenwärtigen Daseinsformen von Herrschaft nach Auflösung der bipolaren Weltaufteilung 1990 nahezu verstummt.

In diesem Kontext ist es interessant, dass die gesamte Organisationsberatung nahezu flächendeckend auf therapeutische Ansätze zurückgreift, die allesamt aus der Begutachtung des Individuums stammen und Massenphänomene ignorieren. Bei näherer Betrachtung unserer Deutungsmuster fällt auf, dass weder in der Arbeitswelt noch im politischen Orkus umfassende Studien oder auch nur kritische Extrakte bekannt sind, die sich mit der Psychologie der Masse beschäftigen. Das ist bemerkenswert, weil es große Aufschlüsse über die Wirkungsweise von Arbeit und Politik geben könnte. Der Grund liegt wahrscheinlich in dem Trugschluss, dass die Masse als solches nur in totalitären Regimes eine Rolle spielt.

Betrachtet man die Veranstaltungen in unserem Alltag, in der Masse wirkt, dann wird deutlich, wie wichtig eine derartige Betrachtung ist. Ob in Fußballstadien, auf Volksfesten oder im virtuellen Raum des Internets, das Auftreten der Masse hat nirgendwo die Aura einer aufklärerischen und kritischen Instanz. Die Wirkungsweise ist zumeist eine eher raue, rohe, zumeist arm an Sinn und unreflektiert. Auch die viel beschworene Sphäre des Internets ist alles andere als kritisch und emanzipatorisch. Bei Ansicht bestimmter Foren politischen Inhalts wäre wahrscheinlich selbst ein Wilhelm Reich davon überzeugt, als herrschten noch die Rutenträger.

Und natürlich existieren im Verborgenen haargenaue Studien über psychologische Wirkungen auf die Masse. Nur sind diese nicht Gegenstand eines öffentlichen Diskurses. Sowohl bei der Werbung als auch bei der Vermittlung politischer Botschaften geht es nie ohne psychologische Consultants. Das Heer der Berater war wohl nie größer als heute. Umso mehr ist es erforderlich, die Rezeptionsmechanismen der Masse zu analysieren. Die Frage, die sich mit dieser Notwendigkeit verbindet ist die nach dem kritischen Potenzial in der psychologischen Wissenschaft. Manchmal scheint es, als sei dieses von der Consultingblase absorbiert und die „Spannung“, die mit jedem Honorarauftrag erzeugt wird genügt, um jede Form der Kritik zu verhindern. Das gilt natürlich auch für andere Wissenschaften. Da passt das Wort eines früheren Lehrers, der die Rolle der Germanisten im Dritten Reich folgendermaßen beschrieb: Sie haben mit den Wölfen geheult, um als Hunde zu überleben!

Konfiguration des Stillstandes

Seit der Etablierung der Massenpsychologie zu Beginn des XX. Jahrhunderts hat diese nie richtig anerkannte, aber sehr stark genutzte Disziplin immer wieder sehr interessante, aber auch degoutante Themen berührt. Die Wirkung bestimmter sozialer oder politischer Reize auf das Individuum innerhalb der Masse wurde zu sehr durch Diktatoren und Tyrannen genutzt und zu regelrechten Propagandamaschinerien entwickelt, um moralisch anrüchige Interessen durchzusetzen. Und obwohl aufgrund dieser Tatsache vieles aus dem massenpsychologischen Erkenntnisbereich in der Tabuzone der wohl erzogenen Politik liegt, wurden die Einsichten immer wieder genutzt. Von der Werbung bis zur Politik.

Die Wirkung der Reize auf die Massen, auch thematisiert von dem weit weniger suspekten Elias Canetti in seinem Werk Masse und Macht, wird ein Thema sein, das uns bis ans Ende menschlicher Gesellschaften verfolgen wird, ob das nun angenehm ist oder nicht. Und die Durchdringung unseres ganz profanen Alltags mit Techniken, die aus den Erkenntnissen dieses Phänomens kommen, sollte nicht per se ausgeblendet werden.

Neben den Untersuchungen über die Kausalität von Reizen und deren Reaktionen in anonymisierten Massen ist darüber hinaus der Versuch inspirierend, bestimmte charakterologische Prototypen aus dem Gesamtverhalten von Massenverbänden abzuleiten. Skeptisch betrachtet führen derartige Versuche zu Klischees, die, sind sie erstmal etabliert, nur schwer wieder aus der Welt zu schaffen sind. Andererseits ist die Typologie durchaus hilfreich, nutzt man sie zum Vergleich mit anderen, um Unterschiede in Haltung und Dynamik zu verdeutlichen. In der Marktforschung ist das längst etabliert, im politischen Denken immer noch – offiziell – Tabu.

Die Typisierung von Charakteren ist bei der Akzeleration technologischer und epistemologischer Entwicklung insofern nicht mehr über einen gewissen Zeitraum erhaben, weil verschiedene, teilweise von ihren Verhaltensweisen sehr differierende Generationen in der gleichen Arbeits- und Lebenswelt präsent sind. Es empfiehlt sich, die Typisierung nach Generationen vorzunehmen, um Aufschluss darüber zu bekommen, wie der momentane Ist-Zustand zu dokumentieren ist und welche Prognose sich auf die zu erwartende Zukunft geben lässt.

Eine Studie, die sich mit der Generation der momentanen Funktionsträger hierzulande befasste, käme wahrscheinlich zu Merkmalen wie an gewisse Sozialstatui sehr gebunden, eine signifikante Arroganz gegenüber andersartigen Entwicklungen und eine beträchtliche Interessenlosigkeit an der Innovation. Was die nachfolgende Generation mitbringt, wäre noch zu eruieren und ermöglichte eine Prognose. Allerdings: Etwas ständisch, etwas bräsig und ein gewisses Phlegma, das ist eine Konfiguration des Stillstandes.