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Das Fragile des Ideals

Stefan Zweig, Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam

Studiengänge, Stipendien, Stiftungen und Bildungseinrichtungen sind nach ihm benannt. Er gilt vielen als der Europäer par excellence. Und dennoch, wenn man nach zu seinem Leben und Werk fragt, bekommt man meistens keine Antwort. Die Rede ist von Erasmus von Rotterdam, einem Bankart zwischen Priesteramt und bedürftiger Magd, der in die Obhut katholischer Erziehung gegeben wurde, der dort, in den heutigen Niederlanden, neben vielem anderen das Lateinische lernte, um dann auf eine Wanderschaft durch Europa zu gehen und auf Latein begann, der Lingua Franca der gebildeten Stände im damaligen Europa, ein groß angelegtes Bild des Humanismus der Renaissance zu zeichnen. Erasmus von Rotterdam war der Intellektuelle am Vorabend einer neuen Zerrüttung in Europa schlechthin, sein geistiger Einfluss war lange Zeit immens und er zerbrach später an den praktischen, machtpolitischen Fragen der Zeit.

Stefan Zweig, der metaphernreiche Analytiker menschlicher Psyche, griff sich Erasmus von Rotterdam als Stoff, weil er von der Vision, die durch Erasmus gezeichnet worden war und der menschlichen Schwäche, die damit korrespondierte, fasziniert war. Zweigs Titel, „Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam“ ist daher folgerichtig und trifft den Kern.

In seinen Schriften, die in Paris, London, Basel und Freiburg entstanden, greift Erasmus zum Mittel des Humors, um die bestehende Regierungsform Gottes in den Organen der Kirche zu karikieren und erzielt damit phänomenale Wirkung. In von ihm geschriebenen Kolloquien, ganz nach Vorbild der Antike, arbeitet er an den aktuellen Fragen der Zeit und entwirft so im Positiven ein Bild des Humanismus, wie es vor ihm niemand getan hatte. Es entsteht ein Bild einer durch ethische Festigkeit geprägten Sittlichkeit, die für den Europäischen Raum Geltung beansprucht und die jenseits der existierenden Institutionen der Macht entwickelt wird. 

Die Schriften des Erasmus, wir reden von einem Zeitraum von 1466 bis 1536, verbreiten sich in atemberaubenden Ausmaß und die Resonanz in den Kreisen derer, die um die Notwendigkeit einer neuen Ära wissen, ist überwältigend. Aber, und das ist der Kernsatz aus der Zweig´schen Analyse, Erasmus hat die Rechnung ohne die Bauern gemacht. Als Luther die Bühne betritt und die Kirchenkritik mit der sozialen Lage der Bauern verbindet und die Texte durch die Nutzung des Deutschen einem größeren Kreis zugänglich macht, stellt sich die Frage nach Macht und politischer Relevanz. Erasmus hatte für einen kleinen Kreis geschrieben und den politischen Fragen wollte und konnte er sich nicht stellen.

Luther, die auf Erasmus zuging und dessen Ideenwelt ohne die Schriften des Erasmus nicht in dieser Form entwickelt worden wären, ist enttäuscht von dessen Zurückhaltung gegenüber den notwendigen praktischen Folgen. Und der Papst, dessen Prunkwelt durch die aufziehende Reformation ins Wanken geraten ist, wendet sich ebenso an Erasmus und bietet ihm Amt und Würde. Auch er möchte sich mit dem großen Namen schmücken, und auch er bekommt die kalte Schulter des Erasmus gezeigt.

Doch, wie Zweig es mit einer sehr bildhaften Sprache unterstreicht, in Zeiten des Wandels ist kein Platz für den idealistischen Geist, der in der Studierstube residiert. Erasmus Ruf leidet, weil er nicht Partei ergreift. Was bleibt, ist ein monumentales Werk in exzellentem Latein, das als die Geburtsstunde des europäischen Humanismus bezeichnet werden kann, das aber auch gezeigt hat, wie fragil es ist, wenn die soziale Frage sich Geltung verschafft. 

Weder Brot noch Moral

Bereits in der von Martin Luther ins Deutsche übersetzten Bibel steht der weise Satz: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Es geht um eine existenzielle Frage. Es geht darum, dass es jenseits der materiellen Bedürfnisbefriedigung noch etwas geben muss, dass sich diese eigenartige, durch soziale, spirituelle und kulturelle Attribute von andern unterscheidende Spezies, noch nach etwas sucht, das über die Sicherung der Existenz hinaus geht.

Im Gegensatz zu dem Bibel-Zitat steht bei Bertolt Brecht, einem ebenso brutalen Aufklärer wie Luther, der nur einige Hundert Jahre später lebte: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral. Ebenso auf den Punkt gebracht, dokumentiert es, quasi als Antwort und Antipode auf das erste Zitat, dass es eine Wirklichkeit gibt, die die Lust auf Kultur und Spirituelles als eine weltfremde Begierde darstellt, solange das rein Existenzielle, das materiell Erforderliche, nicht zur Verfügung steht. Die Welt, der es an Wertschöpfung zu Zeiten der Bibelformulierung wesentlich schlechter ging als zu Zeiten des Brecht-Zitats, hatte sich verändert. Je reicher sie wurde, desto weniger Menschen waren in der Lage das zu befriedigen, was als die Grundbedürfnisse erklärt werden.

Man kann es auch drastisch formulieren: Je reicher die Welt wurde, desto mehr nahm, zumindest subjektiv, die Garantie für das rein Existenzielle ab und desto geringer wurde der Wunsch nach Kultur. Das ist Holzschnitt, aber als Arbeitsthese muss es nun herhalten.

Die großen Epochen, in die die Geschichte aufgeteilt werden kann, sie hatten ihre Vision, die sie auch in sozialer, spiritueller, kultureller Form zum Ausdruck brachten. Erst als Vision, dann als zumeist etwas anders umgestaltete Realität. Das war das römische Imperium, das waren die großen Kolonialreiche, und bei beidem ging es um Weltherrschaft, das waren aber auch Gegenbewegungen wie die Renaissance oder die Romantik, in denen ein kritischer Reflex auf das Expansive und Materielle erfolgte, und das war natürlich die bürgerliche Revolution. Alle besagten Epochen hinterließen in der Realität wie im kollektiven Gedächtnis die Manifestationen ihrer Ideen in Form von Architektur, von gegenständlicher Kunst, in Form von Literatur und in Form von Religion und Philosophie.

Zurück zu den zwei Zitaten. Die gegenwärtig beschriebene Phase der Globalisierung, bei der es eindeutig um den Kampf um eine neue Weltherrschaft geht, entweder der Bestätigung der alten, vertreten durch die USA, oder der der neuen, vielleicht durch China, stellt sich die Frage, wie es bestellt ist um die Sicherung des Existenziellen und den Wunsch nach Kulturellem. Hat die Epoche der finanzkapitalistischen, imperialen Globalisierung außer einer potenzierten weltweiten Wertschöpfung so viel Wohlstand in die Fläche gebracht, dass das Fressen gesichert und Zeit für Moral wäre? Und erheben sich von überall her Stimmen, die danach riefen, sie hätten auch noch etwas anderes im Sinn als volle Bäuche?

Die Antworten liegen auf der Hand und sie lassen das zutage treten, was die Misere unserer Zeit zum Ausdruck bringt: Das Missverhältnis zwischen Reichtum und allgemeinem Wohlbefinden war noch nie so groß wie heute. Und die kulturelle Öde, in der eine hoch technisierte und digitalisierte Welt dahinvegetiert, könnte nicht größer sein. Es sind nicht nur, im Weltmaßstab, denn kein anderer kann an die Epoche der Globalisierung angelegt werden, so viele leere Bäuche wie nie zu verzeichnen, diese leeren Bäuche korrelieren mit einer gleich großen Anzahl leerer Hirne. Die Globalisierung ist ein Tiefpunkt der Gattungsgeschichte.