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Die Macht der Machtlosen

Die Definition der Macht per se bereitet erhebliche Schwierigkeiten. Die positive Konnotation ist im deutschen Sprachgebrauch nahezu erloschen. Dieses liegt in erster Linie an der verhängnisvollen Geschichte der Deutschen im 20. Jahrhundert. Dort wurde Macht immer in einem destruktiven Kontext erlebt. Selbst Nietzsches Definition der Macht als einer Option auf die Gestaltung wurde durch ihre Verballhornung durch die Faschisten völlig diskreditiert. In den gängigen Definitionen ist folglich die Macht als ein Herrschaftsinstrument zu sehen, das es denen, die die Macht innehaben, ermöglicht, der großen, machtlosen Masse ihren Willen aufzuzwingen und diese zu malträtieren. Demnach ist Macht etwas Negatives, das dem Wunsch nach Demokratie nicht entspricht.

Die aus dem Trauma abgeleitete Deutung unterschlägt jedoch die positive Bedeutung von Macht, die auch nicht aus Demokratien weg zu deuten ist. Auch dort existiert Macht, d.h. eine Gestaltungs- und Durchsetzungsgewalt, die bei Funktionen und Ämtern lokalisiert ist, die auf Zeit und unter demokratischer Kontrolle vergeben werden. Macht ist das notwendige Mittel, um Menschen und Apparate einem politischen Willen zu beugen. Das ist sogar per Verfassung so gewollt. Wer die Macht auf Zeit inne hat, kann gestalten, aber sie auch missbrauchen. Über beides entscheiden die nächsten Wahlen.

Natürlich existieren selbst in Demokratien auch andere, informelle Strukturen der Macht, die wiederum in beide Richtungen verwendet werden. In jedem sozialen System bilden sich Strukturen heraus, in denen Macht verfügbar wird: in der Familie, im Freundeskreis, im Verein, in der Initiative und natürlich im Betrieb. In den meisten Fällen werden diese Systeme durch einen Rechtsgedanken erfasst, der dem Missbrauch wiederum Einhalt gebieten kann, sofern die Akteure die Courage aufbringen, Verhältnisse, in denen Macht nicht gestaltet, sondern unterdrückt, anzuprangern.

Und es existiert eine weitere Form der Macht, die ihren Ursprung im Widerstand gegen bestehende Verhältnisse hat. Es ist die so genannte Macht der Machtlosen. In einem definierten System von Herrschaft findet sich immer eine nicht definierte Form der Subversion, die dazu führen kann, dass die formale Macht auch scheitern kann. Der Terminus Dienst nach Vorschrift trifft diesen Umstand nahezu perfekt. In ihm wird ein Geheimnis entschlüsselt, in dem sich eine nicht vorgesehene, aber äußerst wirkungsvolle Form des Widerstandes manifestiert. Sie versetzt die Beherrschten, oder, um bei der Definition zu bleiben, die Machtlosen in die Lage, ohne den offenen Kampf gegen die bestehenden Machtverhältnisse zu mobilisieren, die Funktion eben dieser erheblich zu schwächen.

Indem das Mittel des passiven, formal nicht angreifbaren Widerstandes ergriffen wird, wird der intrinsische Geist der Macht ad absurdum geführt. Man kann Aufträge auch so ausführen, dass sie keinen Sinn ergeben, auch wenn vom Buchstaben her keine Form der Subversion vorliegt. Es handelt sich um eine überaus wirksame Waffe gegen die absolute Macht. Zumeist kommt sie mit einem Witz daher, der nicht nur den Willen der Macht negiert, sondern sie zudem dem Spott aussetzt. Das literarisch wohl beste Beispiel für diese Form des Widerstandes liefert Capeks Der brave Soldat Schweijk. Letzterer interpretiert die ihm gegebenen Befehle in der Aura des Begriffsstutzigen nahezu in ihr Gegenteil. Der Vorzug dieser Interpretation liegt in der Entschärfung der Waffen der Mächtigen: Würden sie diese gegen diese Form des Widerstandes benutzen, würden sie doppelt diskreditiert. Die Macht der Machtlosen ist in der Lage, die Mächtigen jenseits der zur Verfügung stehenden materiellen Gewalt in den Wahnsinn zu treiben. Angesichts dieser Perspektive ist es ein Wunder, dass diese Taktik so selten angewendet wird.

Die Inkongruenz von Anspruch und Macht

Was unterscheidet überregional, wenn nicht global agierende Mächte von der Bundesrepublik Deutschland? Diese Frage ist vielleicht besser geeignet, das Dilemma zu beschreiben, in dem sich das sich neu erfindende Deutschland befindet als eine nur die inneren Kräfte betrachtende Analyse. Die USA, China oder auch Russland, um es ohne Umschweife zu sagen, weisen eine starke Deckungsgleichheit zwischen ihrem Anspruch auf Einfluss und einer diesen unterstreichenden Sanktionsstärke auf. Einfach ausgedrückt, der Machtanspruch, den diese Staaten formulieren, ist im wesentlichen kongruent mit der Möglichkeit, diesen auch militärisch zu unterstreichen.

Deutschland als die in der EU erlebte neue Großmacht verfügt über eine erstaunliche wirtschaftliche Potenz, mit der sich sehr gut in die Angelegenheiten dritter Staaten intervenieren lässt, wie es sich vor allem in Südeuropa zeigt, aber die militärische Option ist aus historischen Gründen nicht vorhanden. Zum einen fuhr die alte Bundesrepublik immer unter dem militärischen Schutzschild der USA und konnte die notwendigen finanziellen Aufwendungen, die ein verstärktes militärisches Engagement erfordert hätte, in aller Ruhe zu zivilen Zwecken verzehren. Zum anderen ist nach dem faschistischen Desaster der Übergang in die Post-heroische Gesellschaft sehr schnell und reibungslos vollzogen worden und selbst eine eher profane Überlegung, wie der wachsende politische Einfluss militärisch abgesichert werden kann, führt zu einer kollektiven Empörung, die in den eingangs aufgezählten Staaten von großem Einfluss eher unbekannt ist.

Nun, an diesem Wochenende, wird sich wieder sehr konzentriert zeigen können, was zwischen dem Großmannsgehabe, das die Vertreter der Republik noch vor kurzem innerhalb der EU an den Tag gefelgt haben und dem tatsächlichen internationalen Gewicht an Defiziten liegt. Die Kanzlerin reist mit einer Delegation in die Türkei und es wäre mehr als ratsam, dem in den Größenwahn abdriftenden Präsidenten der Türkei zu zeigen, wo die Grenzen für ihn selber liegen, bevor noch weiter über die Grenzen für Flüchtlinge geredet wird. Seine Selbsttäuschung ist bereits wesentlich gefährlicher für den Weltfrieden als die Kontingente an Flüchtlingen, die zwischen der Türkei und der EU geschachert werden wie Schlachtvieh. Sehr schnell wird zu sehen sein, ob die Kanzlerin der Republik es einem Obama oder Putin gleichtun kann und den ehemaligen Kringelverkäufer in die Schranken verweisen wird.

Und kurz danach wird US-Präsident zu seinem letzten offiziellen Besuch in Hannover erwartet. Und es ist jetzt schon bekannt, dass er von der Bundesrepublik verlangen wird, sich direkt mit militärischer Präsenz an die russische Grenze zu begeben, um die NATO dort zu unterstützen. Es wäre eine Entscheidung gegen den Gründungsmythos der Wiedervereinigung, der aus dem Verständnis der Versöhnung und dem Ende des Kalten Krieges entstand. Die Frage ist, wo die Regierung steht. Betreibt sie das Ende der europäischen Verständigung, wofür seit den Balkankriegen vieles spricht, dann sendet sie auch Teile ihrer Operettenarmee, die für den Nachwuchs mit Familienfreundlichkeit und Kinderbetreuung wirbt, direkt an die russische Grenze, um zumindest dem eigenen, wiederholten Untergang schon mal in die immer noch heroisch gestimmten Augen schauen zu können. Will sie das nicht, dann sollte die Kanzlerin auch in der Lage sein, das zum Ausdruck zu bringen, und nicht durch den Äther der Allgemeinplätze schlingern.

Ein Land, das Ansprüche formuliert, die es nicht durchsetzen kann, ist eine Gefahr für sich selbst. Ihm haftet immer etwas Monströses an. Angesichts der gegenwärtigen Inkongruenz von Anspruch und tatsächlicher Macht wäre es angeraten, konsequent zu sein, d.h. Positionen zu vertreten, für die man einstehen kann und bescheiden zu sein, wenn das nicht der Fall ist.

„Und da richten diese Würmer von Mathematikern ihre Rohre auf den Himmel…“

Bertolt Brecht. Das Leben des Galilei

Als Bertolt Brecht an seinem epischen Stück Das Leben des Galilei im dänischen Exil arbeitete, wurde auf der nicht weit entfernten Insel Usedom unter der Leitung von Werner von Braun fieberhaft die Entwicklung der so genannten Vergeltungswaffe 2 (V 2), einer ballistischen Boden-Boden-Rakete gearbeitet. Nach der Niederlage Deutschlands wurden sowohl die dortigen Forschungseinrichtungen als auch das entscheidende wissenschaftliche Personal in die USA transportiert, um die Entwicklung der Atombombe zu unterstützen.

Es ist kaum anzunehmen, dass Brecht die fatalen Folgen dieser machtgetriebenen Instrumentalisierung der Wissenschaften in der grausigen Dimension antizipierte. Aber wieder einmal spricht vieles, was in dem 1943 im Züricher Schauspielhaus uraufgeführten Leben des Galilei thematisiert wird, für Brechts tiefes Verständnis vom dialektischen Wesen der Erscheinungen.

Das Mittelalter lieferte mit seinem Antagonismus von wachsender Erkenntnis und von Kirchendogmata gesteuerter irdischer Macht die Blaupause. Das tatsächliche Leben des Mathematikers Galileo Galilei musste nicht sonderlich moduliert werden, um den einen, großen Widerspruch, der die gesamte Epoche des Mittelalters kennzeichnete und der auch in der Moderne immer wieder aufbrach, zu behandeln: Den Umgang der Macht mit Erkenntnissen der Wissenschaften, die dem die Macht legitimierenden Weltbild widersprachen. Galileo Galilei entdeckte durch ein von ihm konstruiertes Fernrohr die Phänomene, die das ptolemäische Weltbild mit der Erde als Mittelpunkt falsifizierten und das kopernikanische mit der Sonne als Zentrum und der Erde als kleinem Satelliten bestätigte. Das zentristische Weltbild in Italien, dem Sitz des Papstes, zu widerlegen, war folgerichtig eine Sache für die Inquisition.

Brecht illustriert die Befindlichkeit des Wissenschaftlers in seiner existenziellen Doppelbödigkeit. Als Wissenschaftler muss er den Gesetzen dieser Disziplin folgen. Es sind dies die vorurteilfreie Beobachtung, das kontextfreie Experiment, der Vergleich und die Prinzipien der induktiven wie deduktiven Logik. Auf der anderen Seite war Galilei ein Mensch seiner Zeit, der die Annehmlichkeiten des mittelalterlichen Patriziers, die aus gutem Essen und erlesenem Wein bestand, nicht missen wollte. Die Ansicht der verfügbaren Folterinstrumente durch die Inquisition reichte in diesem Falle aus, um Galileo Galilei zu einem Widerruf seiner Lehren zu bewegen. Dass er heimlich weiter schrieb und seine Erkenntnisse der Nachwelt erhalten blieben, spielt bei der Fokussierung der entscheidenden Fragen kaum noch eine Rolle.

Das Leben des Galilei ist ein Stück, in dem der Umgang der Macht mit der die Legitimation der Macht zersetzenden Erkenntnis illustriert wird. Eine auch zur damaligen Zeit zwar immer wieder erschütternde, aber keineswegs revolutionäre Erkenntnis. Die andere, wesentlich brennendere Frage war die nach der Entscheidung des Wissenschaftlers selbst. Im Stück wird der Aspekt direkt erörtert, indem nach der Durchsetzbarkeit eines gleich dem hippokratischen Eid für Mediziner für die Wissenschaften gefragt wird. Es geht dabei nicht nur um die Durchsetzung und Verbreitung von Erkenntnissen, sondern auch um eine Art Moratorium für das, was wissenschaftlich und technisch möglich wäre, ethisch aber nicht vertreten werden darf.

Auf einer Folie, die zunächst den Eindruck eines breiten Konsenses von Zustimmung zur Freiheit der Wissenschaften erweckt, auch aufgrund der historischen Vorlage, tauchen dann doch beide dem Dialektiker Brecht wichtigen Aspekte, sowohl der der Fremd- wie der der Selbstbeschränkung der Wissenschaften auf. Aufgrund der bis heute virulenten Thematik hat es auch Das Leben des Galilei zu einem Klassiker der Moderne geschafft.