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Mega Cities: Ordnung & Kreativität

Eine der Kernaussagen in Doug Saunders Buch Arrival City, das sich mit dem Phänomen der Massenmigration hin zu Metropolen und Mega Cities befasst, bezieht sich auf die positiven Faktoren, die aus der Überlastung der städtischen Organisation resultieren. In den provisorischen, informellen Zonen der großen urbanen Magnete existieren nicht nur Probleme hinsichtlich der Hygiene, der Versorgung, der Infrastruktur und der Bildungseinrichtungen. Gerade dort werden auch die innovativen Impulse gesetzt. Die informellen Sektoren der großen Städte werden von Seiten der Stadtplaner als Quell krimineller Umtriebe gesehen, doch dort werden mindestens in gleichem Maße die Prototypen neuer Entwicklungen sozialisiert, und das reicht von Politiktypen bis hin zu Designern.

Die Gesellschaften, die aufgrund ihrer Geschichte und ihrer wirtschaftlichen und politischen Attraktivität dazu animieren, sich dorthin zu begeben, sind in nuce konfrontiert mit einem antagonistischen Widerspruch, der sich schlichtweg nicht lösen, sondern nur aushalten lässt. Zum einen ist die Anzahl der Hinzukommenden in der Regel so groß, dass die bestehenden Strukturen kommunaler Organisation versagen. Und dort, wo die Ordnung in die Knie geht, breitet sich Humus für Illegalität aus. Zum anderen ist es gerade das Nicht-Vorhandensein der Ordnung, was eine gewisse Kreativität und nicht system-konforme Entwicklung von Lebens- und Arbeitsformen ausmacht, weil es multi-kulturelle Synergien ermöglicht. Der Profit des letzteren kommt beiden Seiten zugute: der aufnehmenden Gesellschaft in Form innovativer Impulse, den Immigranten als geglückte Karriere in einer neuen Welt.

Los Angeles gilt als eine Metropole, die dieses erkannt und sich entschlossen hat, mit der Ambiguität von erodierender Ordnung und der Etablierung kreativer Unordnung zu leben. Folglich funktioniert diese Metropole und deren informeller Sektor wie ein Durchlauferhitzer, d.h. die Anzahl der jährlich hinzugezogenen Immigranten entspricht ziemlich genau der Anzahl derer, die dieses Stadtgebiert wieder verlassen, um in Siedlungen des Mittelstandsmilieus sesshaft zu werden. Dass hört sich gut an, ist jedoch für viele dennoch nur schwer zu ertragen. Ambiguität, d.h. die Unwägbarkeit, weil verschiedene, sich teilweise widersprechende Tendenzen sich beißen, ist nur schwer zu vermitteln, weil das System, dass sich wiederum dahinter verbirgt, der Lebenserfahrung aller, die in so genannten geordneten Verhältnissen leben, heftig widerspricht.

So ist es kein Wunder, dass über den Globus verteilt sehr unterschiedlich mit dem Phänomen umgegangen wird. In China versucht man Informalität gar zu planen, in Südostasien schnelle Benefits zu ziehen, ohne gesellschaftliche Permissivität zuzulassen und im alten Mekka der Immigration, New York City, hat der Bürgermeister Micheal Blumberg, dessen zweite Amtszeit sich dem Ende neigt, die Politik Rudolph Guilianis fortgesetzt und mit einer rasanten ordnungspolitischen Offensive das Val Paraiso der weltweiten Einwanderung auf den Charme einer protestantischen Kleinstadtgemeinde in der regnerischen englischen Provinz gebracht. Die strikte Durchsetzung des Gesetztes und eine immer länger werdende Liste von Reglements und Verboten, die sich bis auf die akribische Beschreibung von Rauchmöglichkeiten, des restringierten Ausschanks von Alkohol, der nur behördlich Überwachten Illuminierung von Festen und der festgelegten Größe von Limonadenflaschen erstrecken, haben die etablierte Ordnung zum Sieg verholfen.

Blumberg, der sein Amt bekanntlich für ein symbolisches Gehalt von einem Dollar ausgeübt hat und dessen Privatvermögen auf ca. 27 Milliarden Dollar geschätzt wird, hinterlässt der kommunalen Nachwelt eine Stiftung, die sich mit dem Design der Städte und ihrer Verwaltungen der Zukunft befasst. Bei einem Konvent in diesen Tagen wurden zentrale Themen angeboten, die überall eine Rolle spielen. Ein Thema im Angebot: Wie kann man Kreativität in einem urbanen Umfeld erzeugen? Da sollte man doch raten, die Kollegen vom Ordnungsdienst einmal zu konsultieren!

Die lakonische Note des Undergrounds

John Fante, Ask The Dusk

John Fante, geboren 1903 in Denver, Colorado und gestorben 1983 in Woodland Hills, Los Angeles, wäre wahrscheinlich heute nicht mehr in den Buchhandlungen zu finden, gäbe es nicht einen vor allem in Deutschland gefeierten Autor des amerikanischen Undergrounds, der immer wieder auf die Bedeutung Fantes für sein eigenes Schreiben hingewiesen hätte: Charles Bukowski. Er erzählte nicht nur immer wieder, wie vor allem der Roman Ask The Dusk von Fante ihn erschüttert und inspiriert hatte, sondern er widmete ihm auch das Gedicht Tod eines Vorbilds. Die Hommage Bukowski sorgt bis heute dafür, dass viele Leserinnen und Leser seiner Empfehlung folgen und vor allem Ask the Dusk lesen.

Der Italo-Amerikaner John Fante kam aus so genannten kleinen Verhältnissen und wollte sich durch Mobilität aus den Fängen des familiären Katholizismus wie der Armut befreien. Als junger Mann setzt er sich in den Bus und fährt in die Metropole Los Angeles, um sich dort als Schriftsteller durchzusetzen. An diesem Punkt endet die erzählte Geschichte des Romans Wait Until Spring, Bandini, dem 1938 erschienenen Vorläufer von Ask The Dusk (1939). Beide Romane sind übrigens Teile der Bandini-Tetralogie, in der Fante autobiographisch über sein Leben schreibt. Ask The Dusk gilt als das gelungenste Werk, so früh Fantes Stern aufzugehen schien, so schnell sank er auch wieder.

Der Roman selbst ist allerdings lesenswert, weil er verschiedene Qualitätsmerkmale aufweist, die darauf hinweisen, dass Fante in gewisser Hinsicht als ein Pionier des amerikanischen Undergrounds und, mit einem zwinkernden Auge, auch als moderne Spätfolge des europäischen Schelmenromans durchaus betrachtet werden kann. Vor allem die Schreibweise weist in die amerikanische Moderne: kurze, knappe und präzise Sätze, immer mit einer lakonischen Schwingung, eine permanente Enttabuisierung der Konvention und die absolute Fokussierung auf das Profane. Fante kommt in seinem gesamten Roman, der im Los Angeles der Dreißiger Jahre spielt, das ein Brennpunkt sozialer und rassischer Gegensätze geworden ist, in der eine Parallelgesellschaft nur so über die andere stolpert, ohne auch nur einen expliziten Hinweis auf das politische Setting aus.

Sein Material ist das Leben des jungen Schriftstellers Arturo Bandini, der in einem Billighotel lebt und mehr oder weniger erfolgreich Erzählungen produziert, mal Geld hat und mal keines, zusammen mit dem Strandgut, das die Flut aus der Provinz in die Großstadt gespült hat, versucht er seinen Alltag zu bewältigen und verliebt sich in eine junge Frau mexikanischer Herkunft. Das Aufeinandertreffen mit dieser jungen Frau thematisiert den auch in ihm schlummernden Rassismus, dessen Opfer er als Italo-Amerikaner wiederum selbst ist, ohne dass der pädagogische Zeigefinger oder ein Erklärungsglossar notwendig wäre. Fante gelingt es, das ganze Spektrum der Westküstenmetropole mit ihren sozialen, rassischen und lebenskulturellen Widersprüchen in den einfachen menschlichen Beziehungen des Romans zum Leben zu bringen. Der Roman überzeugt durch seine Authentizität und die Fähigkeit, das Getriebene des Erzählers bis ins Syntaktische zu verarbeiten.

Ask The Dusk ist sicherlich ein Vorbild für Charles Bukowskis Ham On Rye, in dem dieser wiederum seine Jugend im Los Angeles der Vierziger Jahre in vergleichbarer literarischer Qualität beschreibt. Was an John Fante fasziniert und ihn sicherlich zu einem Pionier der lakonischen Note des Undergrounds macht, ist die Fähigkeit, den immensen Anteil der Freiheit selbst in einem verhängnisvollen Leben zu verdeutlichen.

Ein Logbuch der amerikanischen Seele, eine zeitgeschichtliche Enzyklopädie

Geert Mak. Amerika! Auf der Suche nach dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten

John Steinbeck, der große Erfolgsautor Amerikas in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts, hatte gegen Ende seiner Schriftstellerkarriere das Gefühl, dass ihm sein eigenes Land mental entglitten war. Während er viele Jahre durch die Welt reiste, hatte das Amerika, das er von der Pike auf kannte, enorme soziale und politische Umwälzungen erlebt, denen er nachspüren wollte. Im Jahr 1960 machte er sich mit dem Hund seiner Frau, Charley, in einem Pickup auf die Reise durch das große Land, von der Ostküste entlang der großen Seen zum Pazifik, die kalifornische Küste entlang und dann von West nach Ost, von Monterey bis New Orleans.

Genau fünfzig Jahre später, 2010, machte sich der niederländische Journalist Geert Mak, dem wir so grandiose Bücher wie Das Jahrhundert meines Vaters und In Europa verdanken, auf die Spuren dieser Reise John Steinbecks. Unter dem Titel Amerika! Auf der Suche nach dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten versucht Geert Mak die Seele des Amerikas, das so erfolgreich immer wieder mit Klischees behaftet wird, zu rekonstruieren. Dabei gelingt ihm ein Kunststück, das für seinen großartigen Journalismus spricht und das Buch zu einem Muss machen wird für alle, die sich mit der Befindlichkeit der USA ernsthaft auseinandersetzen wollen: Zum einen rekonstruiert Mak die Reise Steinbecks und vergegenwärtigt mit ihr die Zeit und den Wandel der USA vom Kriegsende bis 1960, zum anderen zeigt er Tendenzen und Entwicklungen im neuen Jahrtausend auf und benutzt diese als Kontrastmittel für das, was Steinbeck erlebte.

Das Reisetagebuch Geert Maks ist vieles in einem: eine Reisedokumentation im ursprünglichen Sinn des Wortes, eine kritische Hinterfragung des selbst Erlebten durch atemberaubende Recherchen und eine wissenschaftliche Hinterlegung der eigenen Schlüsse, von Materialen aus der Sozialstatistik bis hin zu neuesten Versionen der zeitgenössischen Historiographie und der politologischen Deutung. Mak ist nicht nur die Strecke abgefahren, sondern er hat jahrelang recherchiert, um der Leserschaft diese Qualität präsentieren zu können.

Die Ergebnisse, die dieses Reisetagebuch enthält, bestätigen vieles, das die kritische Rezeption dieses Kontinents der Neuen Welt bereits wusste: Dass dort nichts so ist, wie es scheint, dass die Geschichte bis zum Stichtag 1960 geprägt war von Mühsal und Arbeit für das Gros der Bevölkerung, dass es immer nach oben ging, woraus sich der berüchtigte Optimismus erklären ließ, dass die Provinz die Mentalität dieses Landes viel mehr prägt als die Metropolen, dass viele Entwicklungen, vor allem in Ökonomie und Politik, den späteren europäischen Weg stark beeinflussten und dass das kollektive Bewusstsein und das Zusammengehörigkeitsgefühl lange Zeit prädestiniert war durch das Momentum einer Überlebenselite.

In einer sehr lesbaren Sprache, die daherkommt wie ein gelungenes Echo einer steinbeckschen Diktion, erzählt Geert Mak von seinen Erlebnissen, in deren Zentrum immer wieder die Protagonisten des wahren Amerikas stehen: die Verkäuferinnen und Bedienungen, die LKW-Fahrer und die Bauern, die Jäger und die Buchladenbesitzerinnen, sie alle sprechen zu uns über diese geniale Komposition Maks, der es nicht belässt bei der historischen Dimension, sondern die Linie bis ins Heute zieht. Im Resümee steht das Ende des American Way of Life und die versteckte Prognose, dass die USA in ihrer Entwicklung die Grenzen erreicht haben, die Europa, das Mutterband dieser gesprochenen Geschichte, bereits seit langen Zeiten kennt. Ein grandioses Buch, ein Logbuch der amerikanischen Seele und eine zeitgeschichtliche Enzyklopädie.