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Eine Autobiographie als Geschichtsbuch

Wolf Biermann. Warte nicht auf bessere Zeiten. Die Autobiographie

Seine große Zeit war zu einer Zeit, die viele der Heutigen gar nicht mehr oder kaum bewusst miterlebt haben. Dabei war die große Zeit für Wolf Biermann die, als er als Privatier in seiner Wohnung in der Chausseestraße 131 in Ostberlin unter Beobachtung stand und nicht mehr auftreten durfte. Auch die Bezeichnung Liedermacher ist nicht mehr vielen Menschen unserer Tage geläufig. Sie können mit dem Begriff nichts anfangen. Über die politischen Auseinandersetzungen der 19sechziger und 19siebziger Jahre zu reden, ohne die Rolle der Liedermacher zu berücksichtigen, wird relativ öde. Weil sie es waren, die viele Dinge zugespitzt und in die Gesellschaft hineingetragen haben. Wolf Biermann, der als Jüngling freiwillig vom westlichen Hamburg nach Berlin, der Hauptstadt der DDR, übergesiedelt war, ist sicherlich die schillerndste Figur. Biermanns große Zeit endete 1976, als er nach 11jährigem innerem Exil die Erlaubnis zu einem Konzertbesuch in der Bundesrepublik erhielt, und anschließend nicht wieder zurück durfte. Er wurde ausgebürgert.

Der nun Achtzigjährige hat seine Autobiographie vorgelegt und sie, wie sollte es anders sein, mit dem Titel eines seiner Songs betitelt: Warte nicht auf bessere Zeiten. Mein Buchhändler, ein Alt-Linker, warnte mich, als ich bei ihm das Buch bestellen wollte. Er verwies auf die eine oder andere verstörende Aussage des zeitgenössischen Biermann. Ihm gefielen die politischen Positionen nicht. Gut, dass ich seinem Rat nicht gefolgt bin. Denn Biermanns Autobiographie ist ein historisch wertvolles und ehrliches Buch. Von altem Glorienschein und Selbstbeweihräucherung keine Spur.

Biermann schildert seinen Weg mit allen Irrungen und Wirrungen. Er beschreibt seine Familiengeschichte, in der sich Judentum und Kommunismus trafen. Er beschreibt seinen Glauben an das andere Deutschland und die bitteren Erfahrungen mit den Mechanismen im neuen Deutschland, die so treffend in George Orwells Animal Farm beschrieben wurden: Die Etablierung einer neuen Nomenklatura, der Widerspruch zwischen Schein und Sein, der Ausbau eines grandiosen Spitzelapparates und den kleinbürgerlichen Mief, in dem sich schöpferische und freigeistige Menschen immer unwohler und unterdrückter fühlten. Legionen von den damals so genannten Kulturschaffenden passieren in dieser Autobiographie Revue. Und sie werden gescreent auf ihre Stellung innerhalb des Regimes. Dabei unternimmt es Biermann nicht, den moralischen Juror zu machen, denn er selbst kannte zu sehr die furchtbaren Zwänge, die eskortiert waren von den Nöten des Alltags. Biermann selbst hat keine Probleme, seine eigenen Irrungen und Fehleinschätzungen einzugestehen und das ist die Frische, die das Buch ausmacht. Es ist von der ersten bis zur letzten Seite authentisch.

Wolf Biermann hat großartige Lieder komponiert, die von ihrer poetischen Kraft bis heute wirken, aber er ist nicht der Versuchung erlegen, seine Autobiographie zu einer abermaligen Werkschau zu machen. Fast wirken die wenigen Originaltexte, die es in diese Rückbesinnung geschafft haben, als zu spärlich. Vor allem für jene, die die Zeit nicht miterlebt haben. Denn das ist die Quintessenz, die aus Warte nicht auf bessere Zeiten zu ziehen ist: Die Autobiographie eignet sich sehr gut als ein Geschichtsbuch. Als ein Geschichtsbuch für jene, die die Zeit der zwei deutschen Staaten nicht erlebt haben und die angewiesen sind auf die historiographische Schönschreiberei, die in den heutigen Geschichtsbüchern steht. Da war mehr als nur Schwarz und Weiß. Ich kann die Lektüre nur empfehlen!