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Ein Zuruf aus dem Reich der Räson

Gabriele Krone-Schmalz. Russland verstehen. Der Kampf um die Ukraine und die Arroganz des Westens

Nach der großen Beachtung, die ihr Interview auf YouTube gefunden hat und einigen Auftritten in den medienwirksamen Talkshows hat sich Gabriele Krone-Schmalz nun mit einem Buch zu Wort gemeldet. Es trägt den Titel „Russland verstehen. Der Kampf um die Ukraine und die Arroganz des Westens“. Kaum war es auf dem Markt, wurde sie bereits scharf in den Zeitungen und Magazinen attackiert, die bereits alles verlassen haben, was das Wesen einer kritischen Presse ausmacht. Ganz ehrlich, wer Emotionen gegen diejenigen zu mobilisieren sucht, die sich bereits darüber echauffieren, dass sie versuchen, verschiedene Parteien eines Konflikte zu verstehen und Verständnis bereits als Delikt ansehen, der hat sich bereits aus dem Reich der Räson verabschiedet.

Und genau darum geht es Krone-Schmalz. Ihre berufliche Vita qualifiziert sie in sehr hohem Maße dazu, ein qualifiziertes Urteil über Russland und seine Geschichte abzugeben. Bereits ihre Dissertation beschäftigte sich mit deutsch-russischen Feindbildern und später lebte sie als Korrespondentin zwischen 1987 und 1991 in Moskau, genau jener Zeit, als die einst mächtige Sowjetunion in sich zusammenbrach und Russland einen neuen Weg suchte. Authentischer kann man den Transformationsprozess nicht erleben, und wer ihre damaligen Reportagen noch einigermaßen präsent hat, kann sich erinnern, dass sie die komplexe und teilweise desaströse Befindlichkeit der Russen mit einer kritischen, aber auch empathischen Perspektive schilderte.

Das, was seit Beginn des Ukraine-Konfliktes hier, in Deutschland, geschah, ist daher ihr Thema. Weil sie sich als Journalistin einem Berufsethos verpflichtet fühlt, der das demokratische Wesen einer Berichterstattung zum Zentrum hat, ist ihr Entsetzen über das mediale Auftreten in diesem Konflikt groß. Sie liefert in dem 166 Seiten umfassenden kleinen Buch ein regelrechtes Kompendium über das, was falsch laufen kann.

Ohne emotional zu werden, dokumentiert sie das Auseinanderklaffen zwischen den Berichten, wie wir sie lesen und einem immer größeren Publikum, dass in der Lage ist, Tendenz und Fakten zu unterscheiden. Sie bietet eine Chronologie der Ereignisse und arbeitet an der Art wund Weise, wie ukrainische Entwicklungen, die unter demokratischen Aspekten haarsträubend sind, als völlig normal dargestellt werden, während russische Aktionen, die sogar internationalen Standards entsprechen, als kriminelle Vergehen angeprangert werden. Sie erläutert in sehr präziser Weise, wie Sprache bewusst eingesetzt wird, um zu täuschen und sie identifiziert die Rekonstruktion eines Feindbildes, von dem man glaubte, dass es mit dem Ende des Kalten Krieges zu den Annalen gehört. Was ihren Kapiteln fehlt ist die Anklage. Das ist eine große Stärke, aber sie hat es nicht nötig, weil die Enthüllungen über fahrlässige journalistische Praktiken wie politisches Wording für sich sprechen.

Was allerdings nicht unterbleibt ist die Prognose für die weitere politische Entwicklung in Europa. Sie basiert auf dem Unverständnis darüber, wie sich auch Deutschland ohne Not hat in einen Konflikt treiben lassen, der aufgrund seiner Komplexität nicht gleich überschaubar war. Es wäre, so schreibt sie, sehr einfach gewesen, mit den Organen, die den Kalten Krieg zu Ende gebracht haben, unter Einbeziehung Russlands die Lage in der Ukraine kühlen Kopfes analysiert zu haben und einen vernünftigen Modus vivendi zu finden. Das ist nicht nur unterblieben, sondern systematisch hintertrieben worden. Das Buch sollte jeder lesen, der ein Interesse an einer Objektivierung hat. Wer versteht, ergreift nicht dumm Partei. Aber er verhindert Torheiten, deren Ausmaß niemand taxieren kann.

Die Kritik im digitalen Zeitalter

Die digitale Revolution hat vieles hervorgebracht. Vor allem Beschleunigung durch Übertragungsgeschwindigkeit und omnipräsenten Zugriff. Gerade diese Phänomene werden sehr gerne als die Bahn brechenden Errungenschaften beschrieben. Nicht selten werden ihnen auch demokratische Tugenden zugeschrieben. Bei jedem Volksaufstand wird dieses Momentum wiederholt. Und nicht zu Unrecht wird bemerkt, dass Ausgangs- und Nachrichtensperren, verhängt durch diktatorische Regimes, keine Wirkung mehr haben. Zumindest bei jenen, muss eingeschränkt werden, die digitale Technologie zur Verfügung haben. Was auffällt, ist das das momentan Subversive z.B. nach einem Sturz nicht mehr weit recht. Qualitative Änderungen, die den Aufbau eines neuen, demokratischen Systems mit entsprechenden Institutionen zugrunde liegen müssen, gelingen nicht.

Spätestens im 17. Jahrhundert fand die Kritik als das Mittel der Meinungsbildung in Europa Einzug in die gesellschaftliche Entwicklung. Der Etablierung dieses Denkinstrumentes ist alles zu verdanken, was die zivilisatorische Entwicklung und die Etablierung der bürgerlichen Gesellschaften ausmacht. Der durch die Kritik verursachte gesellschaftliche Diskurs, die Legalisierung von Rede und Gegenrede, der damit verbundene Wechsel der Perspektiven, die Beschreibung und Bewertung von Meinungen und Zuständen, bildete sich in einem fortan dialektischen Prozess heraus, der nicht immer zu vernünftigen Schlüssen führte, aber dennoch das Despotische und Eindimensionale verbannte.

Vor allem mit der massenhaften Verbreitung der Social Media wurde, gemäß der Funktionsweise der digitalen Technik, die dieser zugrunde liegt, das binäre System der Betrachtung kulturell verankert. Die auf das Duale reduzierte Option von Like und Dislike ist mittlerweile in vielen Köpfen verankert. Zumeist handelt es sich dabei um die tatsächliche Entsprechung der englischen Begrifflichkeit von Gefallen und Missfallen und schließt, neben der Dualreduktion, auch noch eine rationale Betrachtung aus. Es handelt sich um das Ende der Kritik.

Umso logischer ist es, dass genau das stattfindet, wenn die klassischen Foren der Kritik untersucht werden. Das exklusiv den in den Social Media sozialisierten Zeitgenossen zur Verfügung stehende Denkwerk reduziert sich auf diese beiden Kategorien. Elektronisch kommunizierte Kritiken im klassischen Sinne finden sich in dieser Ödnis wieder. Rezensionen von kulturellen Werken werden gelikt, wenn sie dem Weltbild der Lesenden entsprechen und sie werden dislikt, wenn dieses nicht der Fall ist.

Allein der einfache Sachverhalt, dass z.B. eine Rezension im Sinne der Kritik gut geschrieben ist, spielt dabei keine Rolle. Sie kann sogar brillant sein, d.h. sie kann den Gegenstand der Betrachtung erfassen und beschreiben, sie kann die verschiedenen Dimensionen skizzieren, sie kann die unterschiedlichen Aspekte herauskristallisieren, sie kann die Stärken und Schwächen akzentuieren, sie kann die eigenen Maßstäbe kommunizieren und zu einem Urteil kommen, dessen Zustandekommen nachvollziehbar ist, alles vergeblich. Sie kann denen, die das Werk erschaffen haben, wiederum ihre handwerkliche Qualität wie ihr kreatives Potenzial bestätigen und sie kann ihre Motivlage illustrieren, es ändert nichts. Werden die gegebenen Urteile und Vorurteile nicht bestätigt, erfolgt in der Regel ein Dislike, weil bei der permanenten Öffentlichkeit des Urteils ansonsten die Gefahr aufleuchten könnte, in der Nähe einer Position zu sein, die dem politischen Mainstream widerspräche.

Im Grunde genommen haben wir es mit der Liquidierung der Kritik als Instrument des aufklärerischen Denkens zu tun. Auch wenn es sie noch gibt: Das Reservoir derer, die sie noch beherrschen, ist bedroht. Gleich voll gefressenen Aristrokraten im untergehenden Rom sitzt ein pauperisiertes Publikum vor dem Display auf dem Sofa und senkt oder hebt den Daumen über die geistigen Leistungen, die den Treibstoff für die Zivilisation der letzten Jahrhunderte ausmachten. Dies ist ein sangloses Ende eines heroischen Zeitalters. Bleibt zu hoffen, dass sie sich lange wehrt, die beißende Kritik.

Eine semantische Todesfalle

Das Muster ist immer das gleiche. Aus einer Position der Selbstüberschätzung und beheimatet in einem zentralistischen Weltbild wird das Geschehen, egal wo und unter welchen Umständen es stattfindet, gedeutet und bewertet. Und natürlich leitet sich das Urteil ab aus der Überzeugung, selbst die globale Dominanz zu besitzen in der Frage, wer die beste Staatsform erlangt hat und diese im praktischen Leben pflegt. Die Rede ist von der Überzeugung, hier im Herzen Europas in dem Land zu leben, das als Muster zu gelten hat für Fortschritt und Demokratie. Der Vergleich mit anderen Ländern, egal mit welcher Geschichte und in welchem Kulturkreis, wird vorgenommen mit einem quasi einbetonierten Kompass. Und selbstverständlich unterliegen die anderen Staatsformen. Doch damit nicht genug. Der Rest der Welt wird gerügt und moralisch verurteilt, weil er in seinem Denken und in seinen Handlungsschritten nicht zu einer Kopie dieser einen zentralen Welt gelangt.

Zurückgeführt wird die qualitative Dominanz auf die demokratischen Institutionen, die laut Verfassung in diesem Land errichtet wurden. Und, ehrlich gesagt, funktionierten sie so wie in der Verfassung gefordert und wie sie auch zu manchen Zeiten in der Vergangenheit funktionierten, dann besäße das Modell auch einen großen Charme. Dem stehen aber bestimmte Phänomene im Wege. Diejenigen, die in medialer Zunft wie Politik das eigene Regime anpreisen, sollte vor Augen geführt werden, dass bestimmte Organe im lebenswichtigen demokratischen Körper momentan versagen. Zwei große Funktionsblockaden seien stellvertretend für den Gesamtcheck, der unbedingt noch gemacht werden muss, genannt: Die Entwicklung der Justiz, die fern der Unabhängigkeit agiert und sich vor allem in bestimmten Teilen der Republik mehr und mehr dem Vorwurf aussetzt, käuflich zu sein. Und zum anderen die öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten. Letzteren wurde das Recht auf ihr Monopol abgeleitet aus dem Verfassungsauftrag, die Politik kontrollieren zu sollen. Das gelingt von dort aus schon lange nicht mehr und die Qualität dessen, die dort entsteht, gleicht mehr dem Modell des Embeded Journalism, der Kreation der George W. Bush Administration während des Irakkrieges, als man sich absichern wollte gegen zu viel Wahrheit in einem schmutzigen Krieg.

Nun kann man die Institutionen, die im Gefüge der demokratischen Ordnung ins Schlingern geraten sind, dafür kritisieren und anprangern. Das ist nicht falsch und muss gemacht werden, denn irgendwann muss ja auch damit angefangen werden. Ob es zielführend ist, ist eine andere Frage. Denn die Quelle der langsamen Erosion der demokratischen Idee liegt nicht in den Institutionen, die nur das zum Ausdruck bringen, was die Menschen, die in ihnen aktiv sind, tatsächlich dort treiben. Der Fauxpas des ach so demokratischen Systems liegt in der mechanischen Vorstellung von Demokratie. Demokratie wird nicht durch Institutionen, sondern durch Menschen und ihr Handeln hergestellt.

Das setzt voraus, dass die Menschen, die in diesem System glücklich werden sollen, das Besteck der Aufklärung dahingehend beherrschen, als dass sie in der Lage sind, kritisch zu hinterfragen, eine Sache von mehreren Perspektiven aus zu beleuchten, in den Disput zu gehen, Konflikte nicht zu scheuen, andere Positionen zu respektieren und um einen Konsens im Sinne des Gesamten bemüht zu sein. Das ist eine große Herausforderung. Dazu müssen die Menschen erzogen, ermutigt und für ihr Bemühen gelobt werden. Das bräsige, selbstgefällige Verhalten unserer Moralisten, die dem Rest der Welt ein Urteil geben, ob der es will oder nicht, hat mit diesen Qualitäten nichts gemein.