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Früchte des Zorns!

Gute Nachrichten für die Rüstungsindustrie. Die weltweiten Ausgaben für Waffen sind wieder einmal gestiegen. Genau gesagt auf über 1,6 Billionen US-Dollar. Wer sich das nicht vorstellen kann, muss sich nicht sorgen. Alles, was mit Herrschaft in der digital-globalen Ära zu tun hat, spielt sich in einer Dimension ab, die sich dem Apparat der unmittelbaren Wahrnehmung entzieht. Deshalb ist es auch so schwer, so etwas wie ein Ungerechtigkeitsgefühl zu mobilisieren. Ob nun ein unübersichtliches Meer an Briefkastenfirmen oder die genannte Kaufsumme für Rüstung. Sicher ist nur, es geht um Bereicherung, von der man glaubt, sie nur durch Zerstörung erlangen zu können. Es geht um Ressourcen und es geht um Krieg.

Mit Abstand der größte Investor in Kriegswerkzeug sind die USA, die mit über 500 Milliarden Dollar ungefähr das Zehnfache von dem ausgeben, was Russland für Rüstung aufbringt. Und selbst das große Russland liegt noch hinter China und Saudi Arabien. Die Bundesrepublik wiederum bringt immerhin Zweidrittel der Mittel für Rüstung auf wie Russland. Vergleicht man die militärische Effektivität der beiden Streitkräfte, bekommt man einen nachdrücklichen Hinweis, was es bedeutet noch in einem heroischen oder schon in einem post-historischen Zeitraum zu leben.

Die Zahlen relativieren sehr viel von dem, was der im freien Fall befindliche Journalismus in Bezug auf wachsende Kriegsgefahren mit dem Holzhammer zu suggerieren sucht. Wenn jemand auf- und hochrüstet, so ist es einerseits der Westen und andererseits Saudi Arabien, das es sehr ernst meint mit seinen Großmachtansprüchen im Nahen und Mittleren Osten. Und was nicht in der Statistik steht, ist aus hiesiger Sicht das eigentliche Gaunerstück. Die Hochrüstung des despotischen Wüstenstaates zu einer massiven Kriegsgefahr wird in erheblichem Maße durch Lieferungen der deutschen Waffenindustrie mitbetrieben, mit Wissen und Genehmigung der Bundesregierung versteht sich.

Die neue Formel, mit der der menschenverachtende Flüchtlingsdeal mit der Türkei erkauft werden soll, nämlich das primäre Ziel sei es, Fluchtursachen zu bekämpfen, entpuppt sich als frivoler Zynismus. Der wachsende Einfluss Saudi Arabiens in der Region wird Flüchtlinge im Überfluss produzieren. Wie verkommen muss Politik sein, wenn sie in derartigen Kontexten mit Arbeitsplätzen in den Waffenschmieden argumentiert? Wie weit ist es dann noch bis zum totalen Zynismus, dessen Ausmalung einem halbwegs sozial denkenden Menschen immer noch unmöglich erscheint?

Es geht um Ressourcen, es geht um Krieg und es geht um Propaganda. Wie viele Beispiele braucht es noch für die Gutgläubigen, um zu verdeutlichen, dass die immer klarer werdenden Zusammenhänge nichts mit einem wie auch immer gearteten Zufall zu tun haben? Sie zerstören die Nationalstaaten, sie zahlen keine Steuern, sie verticken Waffen an Verbrecher und sie kaufen sich Meinungsagenturen, die ihre Drecksstrategien mit moralistischen Doktrinen und allerlei ökologischem Firlefanz verzieren. Die Verlogenheit, mit der sich ihre Kommunikatoren durch den immer verzwickteren Alltag lavieren, wird täglich dokumentiert und führt dennoch zu keinem Aufschrei.

In Island genügte die Enthüllung der Verwicklung des Premiers in die Panama-Mossack-Fonseca-Briefkastenarchitektur, um nahezu die gesamte Bevölkerung zum Proteststurm zu mobilisieren. Nun mag argumentiert werden, bei einem Land, das so viele Einwohner wie Mannheim habe, sei das nicht so schwer. Aber bei einem Land wie der Bundesrepublik, mit einer Geschichte wie der ihrigen, müssten eine halbe bis eine Million Menschen zu einem kleinen Aufmarsch in Berlin doch möglich sein. Und ginge es nur darum zu zeigen, dass es so auf keinen Fall mehr weiter geht!

 

Erfinderische Not?

Ressourcenökonomie beginnt in der Krise und Innovation beginnt in der Krise. Das vielleicht hierzulande am besten verständliche Beispiel sind die in Deutschland entwickelten und produzierten Verbrennungsmotoren. Weil das Land vor dem und während des II. Weltkrieges nur schwer Zugang zum Öl hatte, waren die Entwickler gezwungen, leistungsfähige Motoren mit geringem Treibstoffverbrauch zu entwickeln. Dieser Zwang war die Geburtsstunde der deutschen Automobilindustrie, wie sie sich auf dem Weltmarkt etablieren und Jahrzehnte lang halten konnte. Der Zwang verhalf zum großen Sprung, oder, wie der Volksmund so schön sagt, Not macht erfinderisch.

In vielerlei Hinsicht lassen sich Beispiele für diese These finden und es ist zu vermerken, dass die bundesrepublikanische Gesellschaft eine Saturiertheit erreicht hat, die den Zustand der Verfügungsnot in vielen Prozessen gar nicht mehr kennt. Die These bedeutet zwar keine eindimensionale Kausalität, denn immer wieder wurden Erfindungen gemacht, die große technologische Weitsicht und kreative Produktivität verrieten, aber die Umsetzung von der Idee oder dem Pionierstück in die Serienpraxis gelang nicht. Die Liste des Scheiterns auf dem Weg von der Idee bis zur Realisierung ist sehr lang und sie reicht vom Telefaxgerät bis zum Transrapid. Entweder war die Vision zu schwach, oder die Bedenken waren zu groß oder Partikularinteressen dominierten. Die Gesellschaft diagnostiziert sich in solchen Fällen den eigenen Zustand wachsender Immobilität.

Auf der anderen Seite kann innovativer Geist nicht verordnet werden. Er entsteht nicht auf Befehl, sondern, und das scheint ein Axiom zu sein, in einer tatsächlichen oder gefühlten Krise. Die gravierendste Krise menschlicher Gesellschaften ist sicherlich der akute Kriegszustand. Ihm wohnt der teuflische Widerspruch inne, dass in ihm die zerstörerischen und inhumanen Kräfte überwiegen, aber auch, dass er eine Kreativität in praktischen Lösungen hervorbringt, wie es der Frieden nicht vermag. Menschen, die Kriege erlebt haben, finden sich anders zurecht, egal, in welcher Umgebung. Wenn es existenziell wird, gelten andere Regeln.

Theorien, die die Erkenntnis von der kreativen Produktivität von Kriegen als Grundlage nehmen, um neue kriegerische Handlungen zu postulieren, sind dennoch kriminell. Sie spielen, ohne dazu jemals autorisiert worden zu sein oder von wem auch immer autorisiert werden zu können mit der Existenz von Menschen. Das ist zynisch und pervers, es sei denn, es handelt sich um die eigene Existenz. Alles andere führt zur Diktatur.

Allerdings können die Erkenntnisse, die aus dem Umstand einer fundamentalen Existenzkrise geschöpft werden, auch in anderen Krisen zur Geltung kommen. Ob es sich um allgemeine Wirtschaftskrisen, Naturkatastrophen oder aber auch große Migrationsbewegungen handelt. In ihnen ist die Gesellschaft in starkem Maße gefragt und ihre eigene Überlebensfähigkeit kann daran abgelesen werden, ob sie in der Lage ist, nach Lösungen zu suchen und die betonierten Strukturen der Saturiertheit aufzulösen, um an Praxis und Geschwindigkeit zu gewinnen. Eine Gesellschaft, die der Auffassung ist, mit der Ankunft von einer Millionen Menschen genauso verfahren zu können wie mit der Einfuhr einer Millionen Schuhkartons, hätte einen Zustand der Handlungsunfähigkeit erreicht, der keine positive Prognose mehr zuließe. Eine Gesellschaft, die die Einfuhrbestimmungen Einfuhrbestimmungen sein ließe und sich fragte, wie die neuen Glieder schnell zu positiven Handlungsträgern würden, hätte die Aufgabe begriffen und zerschlüge schnell die Strukturen, die das verhinderten.

Eine sehr hohe Überlebenskompetenz steht momentan einer groß angelegten Sicherheit von Strukturen gegenüber. Kommt es zur Konfrontation wird es desaströs, doch welchen Charme hätte die Symbiose?

 

Die mystische Dialektik des Übergangs

Es wirkt fremdartig, unheimlich und vielleicht auch verheißungsvoll. Manchmal stellt sich ein Gefühl ein, das diejenigen, die es ereilt, nicht so richtig erklären können. Zunächst meinen die einzelnen Individuen, es würde etwas passieren, das nicht vorhersehbar war und von dem sie auch nicht wissen, wohin es sich entwickelt. Aber sie behalten die Beobachtung für sich. Denn das, was sie zu sehen glauben, bewegt sich jenseits der offiziellen Wahrnehmung und erklärenden Texte. Wie es so schön heißt, es beschleicht ein Gefühl. Interessant wird es, wenn sich mehrere dieser Individuen treffen und während ihrer Interaktion auf das bis dato Unausgesprochene zu sprechen kommen. Dann können sie registrieren, dass das individuell Beobachtete doch zu einer kollektiven Angelegenheit geworden ist.

Das, was die neue Gemeinschaft nun an Informationen austauscht, ist etwas, das als ein Charakteristikum des Wandels beschrieben werden kann. Große Veränderungen kommen nicht immer mit einem Sprecher um die Ecke, der eine große Pressekonferenz einberuft, um die neue Zeit zu verkünden. Große Veränderungen geschehen oft einfach nur im Kleinen, ohne dass ein Bewusstsein darüber herrschte, was da eigentlich vor sich geht. Oft sind es nur kleine, kaum merkliche Veränderungen, die plötzlich das ausmachen, was auch als Übergang von Quantität in eine neue Qualität bezeichnet werden kann. Plötzlich ist das Neue da, und diejenigen, die merken, dass die Routine plötzlich keine Routine mehr ist, sondern bereits eine Premiere, reiben sich verdutzt die Augen.

Und so schafft sich das Neue Bahn und erweckt den Eindruck, als geschehe es ohne den Willen derer, die schon immer dem konkreten Szenario verhaftet waren. Aber auch das stimmt nur zum Teil, denn unterbewusst, im Traumwandlerischen des Bekannten, haben alle bereits auf den Wandel hingearbeitet. Und der kommt dann tatsächlich von vielen Seiten so, als sei er nicht mehr aufzuhalten. Und weil der Schein so ist, darum wirkt er auch auf viele so ernüchternd, weil er den Eindruck vermittelt, es ginge alles nach einem großen Plan vonstatten, der unabhängig von den agierenden Menschen waltet und gegen den nichts auszurichten ist. Doch das Wesen des Scheins ist sein Unterschied zum eigentlichen Wesen. Deshalb sollte es nicht überraschen, wenn so manche Veränderung, die schleichend kommt und die unaufhaltbar erscheint, doch auf Gegenbewegungen trifft, die so wenig vorgesehen waren wie der Wandel selbst und die genauso mächtig in die Szenerie preschen.

So verstörend es oft ist, dass diejenigen, die quasi gesellschaftlich gesetzt sind als konkrete Kräfte im Kampf um die Verhältnisse, sich von den schleichenden neuen Phänomenen so entmutigen und zu Komparsen degradieren lassen, so erregend ist es, wenn plötzlich, wie aus dem Nichts, regelrechte Titanen erwachen, die der neuen Entwicklung zeigen, wer die Rechnung ohne den Wirt gemacht hat. Sie hatte niemand auf dem Zettel, und gerade sie sind es, die scheinbar alles verändern. Das ist so etwas wie die mystische Dialektik des Übergangs, der, und das ist eine Gewissheit, einmal so und einmal so ausgeht.

Diese Zeilen hätten keinen Wert, wenn sich nicht geprüft werden könnten anhand unterschiedlicher Veränderungsprozesse, die in den einzelnen Biographien oder historischen Annalen stehen. So manche Neuerung kam so zum Erliegen, und so manche Verschlechterung stieß dabei an ihre Grenzen. Es besteht also kein Grund, die mystischen Faktoren in Veränderungsprozessen exklusiv depressiv zu beklagen. Denn und zum Beispiel: bei Krieg und Frieden kann sich nicht nur die Zerstörung, sondern auch der Aufstand als faktisches Resultat herausstellen. Das sollten wir nicht vergessen, in Deutschland.