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Eine Ordnung ohne kollektive Identitäten?

Schön war es, als die Welt noch relativ einfach nach Kategorien geordnet werden konnte. Nicht wegen ihres Zustandes. Nein, aber weil die Fronten der Begrifflichkeit eindeutig gezogen waren. Allein das XX. Jahrhundert hatte einen großen Wechsel der Ordnung erlebt, nämlich von Kolonialismus mit den europäischen Imperien hier und den kolonisierten Völkern dort hin zu dem, was Mao Zedong so treffsicher in der Theorie der drei Welten zusammen fasste. Die beiden Supermächte USA und UdSSR, die so genannten Mittelmächte wie die west- und zentraleuropäischen Staaten sowie die Dritte Welt, d.h. die ehemaligen Kolonialstaaten. Mit der Implosion der Sowjetunion im Jahr 1990 wurde diese klare Ordnung zerstört, die Staatspolitologen der USA sprachen gar vom Ende der Geschichte. Das ist jetzt 25 Jahre her und nicht nur diese Autoren beklagen heute die Unübersichtlichkeit der Welt.

Asymmetrische Kriege, politisch permissive Kontinente, eine strategisch überdehnte Supermacht und eine schwere Dichotomie der neuen Welt zeichnen den Globus aus. Das kritischste Phänomen ist nicht unbedingt die Indifferenz der europäischen Politik, wiewohl sie bei jeder Betrachtung Bestürzen auslösen muss. Und auch das Schlingern der USA zwischen unterschiedlichen Rollenverständnissen macht nicht das primäre Problem aus. Die prekärste Situation ist aus der Diffusion der ehemaligen Dritten Welt entstanden. Während eine Macht wie China vor Szenarien steht, in denen sie zumindest als eine globale Hegemonialmacht eine Rolle spielt, sind große Kulturvölker wie die des Irans und Pakistans in Dauerkrisen verwickelt, die mit regionalen Kämpfen um Vormacht, aber auch in einer mangelnden Kohäsion der eigenen Staatsgebilde zu suchen sind.

Armut, mangelnde Teilhabe, Entrechtung, ökologische Desaster und Genderterror sind die signifikanten Symptome der Gesellschaften, die nicht nur als permanent krisenhaft charakterisiert werden müssen, sondern auch als perspektivisch bedrohlich für den zivilen Frieden weltweit. Dass in vielen Staaten, in denen die Dauerkrise für den großen Teil der Bevölkerung herrscht, von der islamischen Religion durchdrungen sind, sollte zu anderen Schlussfolgerungen führen als zu der nun immer wieder unterstrichenen Koran-Exegese.

Negativ oder kritisch formuliert sind die Gesellschaften, in denen der Islam herrscht, nicht für das westliche Paradigma einer Industrie- und Waren produzierenden- Ordnung zu haben. Es existiert historisch kein Beispiel für ein artifizielles, industriell hergestelltes Produkt, das aus diesen Ländern stammt. Positiv formuliert verfügen diese Gesellschaften über eine merkantile Kernkompetenz, die bei einer Neuordnung der Welt berücksichtigt werden muss. Alle Versuche des Westens, den östlichen Teil der Welt nach seinem Bild zu formen, sind gescheitert und werden auch in Zukunft scheitern. Gegen die Adaption des westlichen Systems, das mit Begriffen wie Wiegen, Messen und Zählen kolportiert werden kann, steht eine Jahrtausende währende Tradition von Metaphorik und Handelskommunikation. Die Individualität, die den Westen groß gemacht hat, findet im Kollektiv des Ostens wenig Platz.

Armut, mangelnde Teilhabe, Entrechtung, ökologische Desaster und Genderterror sind sicherlich ein Grund, warum junge Menschen aus dieser Welt, auch wenn sie bereits in jener unterwegs sind, genau die Gemeinsamkeit, die in all diesen verfluchten Ländern am meisten heraussticht, den Islam, auf ihr Label erheben, um gegen die Hegemonie des Westens und seinen Wohlstand zu protestieren. Ihre Analyse der Welt wie die daraus gezogenen Schlüsse sind ein Desaster. Es entspricht leider der verbreiteten Vorstellung im Westen, dass nur eine Formung des Ostens nach westlichem Vorbild zum Besseren führen könne. Beide Gedanken sind imperial wie desaströs zugleich. Es wird Zeit, die Unterschiede zu akzeptieren und eine Ordnung anzustreben, in der das Elend bekämpft wird und die kollektiven Identitäten bestehen bleiben.

Der heiße Tanz der kollektiven Charaktere

Zugegeben. Vor allem das taktische Konzept der deutschen Mannschaft gegen Algerien hat eine gewisse Traumatisierung ausgelöst. Die auch auf dieser Blog-Seite dokumentierte Expertise hat dieses Phänomen eher noch beflügelt. Genauso wie die Tatsache, dass der Bundestrainer an seiner Lesart des zu spielenden Fußballs festhalten will. Das ist die eine, weniger amüsante Seite des Turniers, und die Fragen, die sich daraus ergeben, sollten uns die Freude am Rest der Veranstaltung nicht nehmen. Ganz im Gegenteil. Auch der gestrige Abend und die folgende Nacht lieferten beherzte Duelle, gespickt mit latenten und offenen Botschaften und voller Leidenschaft und Herzblut.

Und so, als gäbe es tatsächlich ein Regiebuch für die Mythendeutung während dieses Turniers, waren die Parts so klar umrissen, als seien sie nicht Ergebnis der Realität, sondern etwas Artifizielles. In den letzten beiden Begegnungen des Achtelfinales trafen Argentinien und die Schweiz sowie Belgien und die USA aufeinander und natürlich siegten Argentinien und Belgien. Vermeintlich natürlich und außergewöhnlich knapp, weil in beiden Partien gleichwertige Gegner aufeinandertrafen, die alles in die Waagschale warfen. Alle blieben dem Trend der WM treu, mit Passion zu spielen. Und so wie sie es taten spielten sie tatsächlich, weil es bei einer Niederlage kein Morgen mehr gibt.

Dabei präsentierte sich Argentinien als ein Teil Amerikas, dessen Charakter wohl mit am stärksten von den europäischen Immigranten geprägt wurde, vor allem von denen, die im Turnier das alte Europa repräsentierten. Sie kombinieren das Feuer ihres Kontinents mit den Fertigkeiten der Immigranten, von der Mentalität schwankten sie zwischen beiden Polen, was sie verletzlich macht und nicht umsonst auch im richtigen Leben dazu führt, dass Buenos Aires zur Weltmetropole der psychoanalytischen Heilung avancierte. Die Schweiz dagegen agierte wie eines der nach ihr benannten Uhrwerke. Präzise, unbeirrbar, schlagfest. Das Pendant zu dieser funktionalen Kühle lieferten die Immigranten aus den warmen, merkantilen Zonen dieser Welt und das Team vermittelte das Bild einer Schweiz, um dessen Konturen noch heftig gestritten wird. Dem Deutschen aus dem Markgräflerland gelang es, aus einer skandalisierten Ethno-Mischung eine festgefügte Meritokratie zu schmieden, der es zum Schluss an Glück, aber nicht an Zukunft fehlte.

Und dann kamen Belgien und die USA! Marc Wilmots, das einstige Schalker Kampfschwein, ist dabei, dem neuen Belgien, das seit eh und je zerrissen und immer wieder ohne Regierung ist, eine neue Seele einzuhauchen. Wallonen wie Flamen harmonieren zusammen mit den Immigranten aus den ehemaligen Kolonien und auch in diesem Team zeigte sich, dass die Grundannahme, Diversität als Chance und Potenzial zu sehen mehr verspricht als deren Problematisierung. Vielleicht deutete das belgische Team an diesem Abend mehr an, als nur Fußball. Vielleicht ist in diesem oft belächelten Land mehr an europäischer Perspektive vorhanden als so mancher Monolith glauben will. Und dann noch die USA! Wieder ein Deutscher, dem es vergönnt war, seine Begeisterung einem Team zu vermitteln, zu dessen nationalen Grundqualitäten der Enthusiasmus, die Juvenilität und der Spirit gehören, gemäß einer Zusammensetzung aus unterschiedlichen Immigrationswellen zu aktivieren und auf den Platz zu bringen. Sie gingen unter, knapp, mit fliegenden Fahnen, aber ungebrochen, wie es sich für Nationen, die vom Glauben an ihre Zukunft leben, eben gehört.

Es waren wunderbare Fußballspiele, die den heißen Tanz der kollektiven Charaktere zum Ausdruck brachten, die unterhaltsam und spannend waren und deren Akteure Sympathie ausstrahlten. Da spielte kaum noch eine Rolle, wer unterlag oder gewann. Das war großer Fußball, dem verdient die Nacht gehörte.

Hollands Schwarzer Peter

Ach ja, eine Kommission der UNO hat festgestellt. dass der niederländische Nikolaus, Sinterklaas, und seine Begleitung, der Zwarte Piet, rassistische Züge tragen. Wer weiß, dass Sinterklaas mit dem Schiff daherkommt, so die holländische Besonderheit, und jede Menge Geschenke an Bord hat, der kann sich denken, woher die kommen. Denn zu den großen Zeiten der Niederländer fuhren die Schiffe nirgendwohin, ohne mit gefüllten Bäuchen zurückzukommen. Man nannte diese Zeit den Kolonialismus und die Niederlande haben mit ihrer Ostindischen Kompanie, einem halbstaatlichen Handelshaus, Südostasien ausgeplündert nach allen Regeln der Kunst. Das ging bis kurz nach dem II. Weltkrieg, da verjagten tapfere javanische Rebellen unter dem juvenilen General Sudirman die Niederländer von ihrer Insel und es war bald vorbei mit all dem Tee, dem Tabak, den Edelhölzern, den Gewürzen, dem Gummi und dem Gold.

Jedes Land hat seine eigene Geschichte und es schleppt mit ihr die Gewohnheiten und Betrachtungsweisen hinter sich her, die aus dem Prozess der Erfolge und Misserfolge, der Irrungen und Wirrungen entstanden. Der Kolonialismus war eine nach den Maßstäben der Aufklärung schlimme Zeit. Umso mehr verwundert, dass es zum Teil gerade des Kolonialismus bedurfte, um der Aufklärung das Licht anzuzünden. Geschichte ist zwiespältig. Es gibt keine Guten und keine Schlechten. Das Gute geht zumeist in Kompanie mit dem Schlechten auf seinen Siegeszug und das Schlechte hat zumeist gewaltige Teile an Wahrheit als Alliierte. Das mag einem schmecken oder nicht, aber jedes Geschichtsbuch belegt diese These.

Die Sitten und Gebräuche, die Gesellschaften aus ihrer Geschichte entwickeln, können nun mal nicht anders, als die Irrungen und Wirrungen auf dem argen Weg der Erkenntnis zu manifestieren. Irgendwann, wenn die Erkenntnis zum Allgemeingut geworden ist, dass sie nicht mehr zum Selbstgefühl der Gesellschaft passen, dann legt die Gesellschaft diese Bräuche ab. Betrachtet man die jüngere Geschichte vor allem Zentraleuropas, dann haben sich gewaltige Veränderungen ergeben, was die Rituale aus der eigenen Geschichte anbetrifft. Europa, und vor allem auch die offenen und liberalen Niederlande, haben in der Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit immens schmerzhafte Entscheidungen getroffen. Und sie haben eines nicht gemacht: sie haben nicht verleugnet oder verdrängt.

Dass nun eine UNO-Kommission mit der völlig überraschenden Erkenntnis, so ganz passend zur Vorweihnachtszeit, auf den Markt kommt, der niederländische Nikolaus und sein Gefolge habe rassistische Züge, ist ein Tribut an die jüngere Entwicklung der Niederlande. Eine zu sehr auf Political Correctness und moralischen Rigorismus setzende Politik hat dazu geführt, dass sich immer größere Teile der Bevölkerung von der liberalen, offenen Politik ab- und sich den politischen Kräften zuwenden, die die dunklen Seiten des Kolonialismus glorifizieren. Der Prozess, der gegenwärtig in den Niederlanden zu beobachten ist, hat in den USA bereits stattgefunden, als Clinton durch Bush abgelöst wurde und er wird Nachfolger finden, so ist zu befürchten, auch in Deutschland. Nichtsdestotrotz ist es ein Diskurs, der mit den Mitteln der Demokratie begann und auch fortgesetzt werden wird.

Und es ist kein Zufall, dass der Moralismus, der die aufgeklärten Gesellschaften vergiftet, nun auch in die internationalen Organisationen hochgespült wird. Nicht, dass die Auseinandersetzung mit Kolonialismus, Imperialismus und Krieg nicht auf der Tagesordnung stünde. Was aber auch auf der Tagesordnung stehen muss, ist das Versagen derer, die in der postkolonialen Ära die Verantwortung in den ehemaligen Kolonien übernommen haben. Diese Geschichte ist leider schwärzer als die des zwarte Piet, sie stellt sich dar als ein monumentales Kompendium, in dem Aberglaube, Mord, Folter, Menschenhandel, Korruption, Krieg und Vertreibung die größten Kapitel darstellen. Wenn wir uns die Köpfe heiß reden wegen des niederländischen Nikolaus, sollten wir uns fragen, ob uns die wahren Missstände gar nicht besorgen.