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Kollektiver Selbstbetrug und Havarie

Wer bereits im Alltag die Gewohnheit angenommen hat, sich die jeweiligen Umstände schön zu reden, wird dieses in schwierigeren Zeiten nicht abstellen. Denn was in der täglichen Routine funktioniert, wird wiederholt. Und so verwundert auch nicht, dass die kleine, verständliche, aber letztendlich doch fatale Lüge, die sich hinter einer symbolischen Handlung verbirgt, regelrecht kultiviert worden ist. Egal, welche persönliche oder gesellschaftliche Erscheinung dazu aufruft, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, die Konsequenz, die sich daraus ergibt, oder besser gesagt, ergeben müsste, wird in den meisten Fällen nicht gezogen. Wir haben uns daran gewöhnt, die Kenntnisnahme eines Problems oder eines Missstandes zu akzeptieren, wir weisen auf die Notwendigkeit einer Veränderung hin, aber dann mündet alles in einer symbolischen Handlung und damit ist alles erledigt. Zumindest im Bewusstsein der meisten Beteiligten.

Wenn man so will, kann das als eine Art psychische Erkrankung des kollektiven Bewusstseins bezeichnet werden. Denn die Routine ist eingespielt. Und komme niemand und sage, es handle sich um eine Übertreibung. Die meisten Probleme, mit denen wir hier und heute gesellschaftlich und politisch konfrontiert sind, kamen nicht über Nacht oder unter so einer großen Überschrift wie der Zeitenwende. Tief im Innern wissen wir das seit gefühlt ewigen Zeiten. Ob es sich um die Belastung der Natur handelt, um die Verknappung von Rohstoffen, ob es sich um die Qualität der Bildung handelt, um die Infrastruktur, das Gesundheitswesen, auch das Phänomen des Fachkräftemangels wurde bereits vor Jahrzehnten prognostiziert und, vergessen wir nicht den heutigen, wiederum symbolträchtigen Tag, die Gleichstellung von Frauen ist seit Jahrzehnten ein Thema und die Fakten sprechen immer noch eine andere Sprache.

Das Schema, wie mit diesen Themen, bei deren Nennung man bereits Langeweile verspürt, weil sie immer wieder in der gleichen Version auftauchen und sich nichts grundlegend verändert, ist bekannt. Das Problem wird benannt, es wird etwas unternommen, das es nicht löst, aber zeigt, dass es wahr genommen wird und der Zustand ändert sich nicht. Dennoch sind zunächst die meisten Menschen damit zufrieden. Und irgendwann, wenn die ebenfalls seit langem prognostizierte Eskalation stattfindet, weil sich eben grundlegend nichts geändert hat, taucht es wieder auf der Tagesordnung auf. Dann wird von denen, die in der Verantwortung waren, argumentiert, dass man einiges getan hätte, um das Problem zu lösen und die anderen behaupten, das sei bei weitem nicht genug gewesen. Ernsthafte Konsequenzen hat dieses Possenspiel nicht. In der Regel.

Und so dümpelt das Schiff der Gesellschaft in seichtem Gewässer dahin, die Passagiere leicht benebelt vom kollektiven Selbstbetrug, bis tatsächlich eine Havarie passiert, die, hätte das Navigationssystem funktioniert, wäre die Besatzung nüchtern und wach, wären die Notfallpläne aktuell und das technische Gerät intakt und verfügbar, zu vermeiden gewesen wäre. Da man sich jedoch mit symbolischen Handlungen zufrieden gestellt hat, ist dies nicht der Fall und das Ausmaß des Schadens ist immens. Und wenn die Havarie groß genug ist, dann sinkt das Schiff mitsamt der Besatzung und den Passagieren. 

Mache sich niemand etwas vor. Im Kleinen wie im Großen, im Privaten wie im Politischen ist es notwendig, der Realität ins Auge zu sehen und das zu tun, was die Realität von uns verlangt. Das ist oft unangenehm, manchmal auch schmerzhaft, aber es birgt in sich die Chance, auf eine Zukunft zuzusteuern, die man, wenn man romantisch veranlagt ist, auch als schöne Aussicht bezeichnen könnte. Der kollektive Selbstbetrug führt in die Havarie. 

The Huns Like Diesel

Hat noch irgend jemand Lust, über das Thema Diesel zu diskutieren? Wahrscheinlich nicht. Die Verwerfungen über einen Verbrennungsmotor, der  – aus welchen tiefenpsychologischen Gründen auch immer – vor allem von den Deutschen präferiert wird, sind erheblich. Wer sich die Chronologie der Ereignisse noch einmal vergegenwärtigt, bekommt regelrechte Beklemmungen. Denn die Abfolge des Geschehenen offenbart eine Aneinanderreihung von Betrug und Manipulation. Auf vielen Seiten! Und manchmal, so ganz nebenbei, kommt ein Gefühl auf, dass es diese Art der Aufarbeitung von Problemen ist, die immer wieder in Deutschland die Legitimation von Politik als solcher zur Disposition stellt. Das, was sich durch alles, jedes Ereignis und das Bekanntwerden jeder Faktenlage durchgängig vermissen lässt, ist nämlich eines: Konsequenz.

Es begann mit einem Reklamebetrug. Deutsche Dieselhersteller warben mit Schadstoffwerten, die nicht der Realität entsprachen, und zwar bewusst. In den USA hatte das weitreichende Folgen. Unabhängig von den dort möglichen Schadensersatzklagen, bot sich vor allem für die amerikanische Konkurrenz die Möglichkeit, die Dieselanteile auf dem Markt zurückzudrängen. 

In Deutschland wurde zunächst der Tatbestand geleugnet, und dann, als es nicht mehr ging, als Faktum akzeptiert. Die Kardinalkritik am Dieselmotor wurde gleich mit übernommen, was zu einer tiefen Irritation im Lande führte. Wieso waren Diesel, die vorher sogar steuerlich begünstigt waren, plötzlich für die schlechte Luftqualitätswert in Ballungszentren allein verantwortlich? Das, was vorher den Benzinmotoren attestiert wurde, galt plötzlich für den Diesel und die ehemaligen Dreckschleudern wurden über Nacht ökologische Vorzeigeobjekte. 

Es hätte für die Politik gereicht, wenn sie sich auf den Vorwurf der Messmanipulation beschränkt hätte. Was sich daraus an Schadensanspruch ergeben kann, ist durchaus beachtenswert. Dass die Bundesregierung aber die Argumentation der amerikanischen Behörden und der hinter ihnen stehenden dortigen Automobilindustrie übernahm, führte in die Sackgasse, die überall nur noch Überdruss erzeugt. 

Fragen, die in diesem Zusammenhang zielführend hätten sein können, fanden keine Beachtung. Wichtig ist es, zu erfahren, wie hoch tatsächlich die urbanen Belastungen sind und wodurch sie verursacht werden. Vergleichsgruppen wurden nie zugelassen, wie zum Beispiel der globale Beitrag durch Schiffsdiesel, der immens ist und die Relationen gewaltig verschiebt. Interessant ist auch die These des im Internet nun wie ein Pabst gehandelten Lungenarztes, der die Belastungen durch Dieselfahrzeuge in den Städten als eine Petitesse bezeichnet. Und zumindest von offizieller Seite wird panisch die notwendige Entscheidung verschleppt, die sich gegen die Automobilkonzentration in Städten per se wenden muss. Die gesamte Diskussion ist so verworren, dass das, was die Gesellschaft von Politik erwartet, nämlich Klarheit zu verschaffen und Entscheidungsoptionen zu eröffnen, nicht mehr sichtbar ist. 

Es scheint nicht nur so zu sein, dass die Deutschen den Diesel lieben, es scheint auch so zu sein, dass sie über ihren geliebten Diesel so diskutieren, wie sie immer diskutieren, verworren, unlogisch und ohne strategische Perspektive. 

Dass zudem quasi über Nacht noch die Preise für Dieselkraftstoffe denen des Normalbenzins angepasst wurden, führt nur noch zu individueller Unmutsbezeugung. In Frankreich brannte gleich die Hütte. Irgendwie kommt das Gefühl auf, dass der an eine psychische Deformation erinnernde Zustand des kollektiven Bewusstseins im Moment eine typisch deutsche Angelegenheit zu sein scheint. In England kursiert schon immer der Spruch „The huns like Diesel“. Mit Hunnen sind die Deutschen gemeint. 

Hunnen? Hunnen führen jetzt zu Tausenden mit ihren Dieselautomobilen nach Berlin, parkten alle vor dem Reichstag, und setzten ihre Karossen kollektiv in Brand. 

„Die Menschen sind keine Esel!“

Heinrich Heine schuf das Bild, dass die Menschen keine Esel seien. Sie würden gleich verstehen, dass Rindfleisch und Zuckererbsen bekömmlicher seien als altes Brot. Ein schönes Bild, aber wohl auch ein allzu optimistisches Kalkül. Aus heutiger Sicht wäre es nicht mehr anwendbar, wahrscheinlich finge es mit einer Diskussion über das Rindfleisch an. Aber was wäre die richtige Bemerkung, um ein optimistisches Bild in schwierigen Zeiten zu malen? Vielleicht ginge es in die Richtung, das die Menschen keine trivialen Maschinen sind und exklusiv Befehlen gehorchen, die einer interessengeleiteten Rationalität folgen. Und, wenn sie schon keine Esel sind, dann sind sie vielleicht neuzeitliche Seismographen. Die Ratio liegt oft geschändet auf den Boulevards, aber die Empfindung führt sie nicht selten auf den richtigen Weg. Viele Menschen merken, wenn etwas nicht stimmt. Auch wenn sie es nicht gleich erklären können.

Was liegt dieser seismographischen Eigenschaft zugrunde? Auf jeden Fall die eigene praktische Erfahrung, das, was jeder einzelne Mensch in seinem bisherigen Leben durchlaufen hat. Das fängt mit den Ur-Erlebnissen an und endet mit den so genannten eigenen Weisheiten. „Wirklich große Leute“, so pflegte meine Großmutter, die alle den roten Zaren nannten, zu sagen, „die wirklich großen Leute, die erkennst du daran, wie sie die kleinen behandeln“. Einfach, aber wahr. Und das Ergebnis einer lebenslangen Beobachtung. Und wenn es nicht rational verarbeitet wird, dann existiert es dennoch bei vielen im Gefühl. Die kollektive Erfahrung existiert, auch wenn sie nirgendwo gemessen wird. Das führt nicht selten zum Entsetzen derer, die doch wie triviale Maschinen funktionieren, wie man nach der Wahl Donald Trumps hierzulande beobachten konnte.

Und so hat jede Epoche ihre eigenen, tief in der kollektiven Psyche liegenden Momente, die zumeist erst hinterher, im Sinne einer historiographischen Rekonstruktion, bewusst wahrgenommen und sichtbar werden. Ein gutes Beispiel dafür ist die heutige Aufarbeitung des Ausbruch des I. Weltkrieges. Da reden Historiker ganz bewusst von Schlafwandlern, die in den Krieg hineingeschlittert sind, und Unrecht haben sie nicht. Selbstverständlich existierten handfeste Interessen, aber was war es, das kollektiv und psychisch, und auf allen Seiten dort in Gang gesetzt wurde? Und es setzte sich fort in einer deutschen Revolution, die zu Beginn, während der 15 Weimarer Jahre und final 1933 vor allem an der Unfähigkeit scheiterte, sich psychisch von der Autorität loszusagen und ein eigenes, selbstbestimmtes Leben ohne das Über-Ich und die eigene psychische Krise zu überleben. 

Es ist anzuraten, sich die Äußerungen der kollektiven Psyche oder, vielleicht noch zeitgemäßer, die Funktionsweise, das Programm und die Apparatur der kollektiven Befindlichkeit angesichts der Multifunktionskrise, in die wir hineinschlittern, genau zu beobachten. Denn dort lauern die Antworten auf die Reaktionen auf die konzentrierte Phase der Instabilität. Und, daran hat sich nichts geändert, es ist zu verorten, inwieweit das kollektive Bewusstsein umgeht mit Ursache und Wirkung. letztendlich wird es wieder die Frage sein, ob dieses große Unbewusste in der Lage sein wird, sich von den institutionellen Schranken der sittlichen Überwachung zu lösen und stattdessen etwas Neues zu setzen. Frei von desaströser Vergangenheit, deren Logik auf einer mentalen Käfighaltung beruht. Das ist viel verlangt. Achten wir auf das Seismographische!