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Langer Atem

Es ist ein Phänomen, das immer wieder auftaucht, ohne dass es dezidiert auffiele. Es dominiert unser tägliches Leben wie die internationale Politik. Zumindest in unserem Wahrnehmungskreis. Anderen Kulturen kann anderes bescheinigt werden. Zum Beispiel den Chinesen. Die spielen insgesamt in einer anderen Liga. Und zwar schon immer. Hierzulande war das auch einmal anders, aber das hat sich geändert mit der Art und Weise, wie wir leben und unser Leben gestalten. Es geht um die Langfristigkeit oder die Planungszyklen. Im Großen wie im Kleinen. Verlangte man noch vor ein oder zwei Genrationen von jungen Menschen, dass sie mit Eintritt ins Erwachsenenalter wussten, wie sich die Jahrzehnte des bevorstehenden Lebens gestalten sollten, so reicht heute nicht selten die Auskunft aus, mal sehen, was passiert. Das gilt als flexibel, eine nicht hoch genug zu schätzende Eigenschaft. Natürlich ist diese Entwicklung auch ein Zoll an die immer geringeren Halbwertzeiten des Bestands. Ob es allerdings reicht, darauf zu verweisen und seiner Wege zu gehen, ist eine andere Sache.

Was im Privaten mal gut gehen kann und mal fatale Folgen hat, ist in der Politik jedoch eine Malaise, die das ganze System gefährdet. Das oft schnelle Umschwenken von einer Position zur anderen, je nach Lage der demoskopischen Daten, führt nämlich zu einer stetigen Bestätigung des ausgeprägten Vorurteils in der Bevölkerung, dass die Politik ein unberechenbares Gewerbe ist, auf das weder Verlass ist noch dass ihm zu vertrauen wäre. Politikerinnen und Politiker, die sich jedoch anders verhalten, werden nicht selten genau von dieser Kritik wieder bestraft. Halten sie nämlich an Positionen fest, von denen sie überzeugt sind, dann werden sie als starrköpfig diskriminiert und sie erhalten bei der nächsten Wahl die Quittung. Es ist eine Zwickmühle. Wer Stetigkeit will, muss sich warm anziehen. Aber ohne Stetigkeit wird es keine Strategie geben, die ernst zu nehmen wäre. Die Strategielosigkeit wiederum ist aber der Zustand, den fast alle beklagen.

Richtig gefährlich wird das Leuchten der kurzen Aufmerksamkeit in der internationalen Politik und ihrem wesentlichen Handlungsfeld, der Diplomatie. Nur eine kurze Revue der letzten wenigen Jahre, quasi aus der Hüfte, gibt uns einen Eindruck von den Schlaglichtern der Aufmerksamkeit, die Reihenfolge willkürlich, und bewusst nur topographisch: Fukushima, Tunis, Tripolis, Kairo, Bahrain, Istanbul, Aleppo, Mosul, Gaza, Lampedusa, Bangkok, Kiew, Hongkong, Kobane. Es fehlen viele Orte, in denen Ereignisse stattfanden, die eine Strategie in der internationalen Politik erfordern und die in sehr starkem, beunruhigendem Ausmaß dokumentiert haben, dass das nicht der Fall zu sein scheint. Zumindest ist keine öffentlich sanktionierte Strategie zu erkennen, was der Verschwörungsformel wiederum zur Konjunktur verhilft.

Stattdessen konnte beobachtet werden, dass die Aufmerksamkeit schlaglichtartig auf ein einziges Ereignis gerichtet wird, sowohl medial als auch politisch. Dann berichten schlecht ausgebildete Journalisten irgendwelche Erlebnisse, die sehr interessengeleitet sind und die Politik wird gezwungen, auf die stets moralisierte und skandalisierte Situation zu reagieren. Das heißt dann, sie gingen auf die Sorgen und Ängste der Bevölkerung ein. Das Verwirrspiel hat natürlich einen Zweck, aber von Strategie ist dennoch nicht viel zu sehen. Gestern noch waren die Demonstrationen in Istanbul weit über den Siedepunkt erhitzt, heute sind es Gefechte in der Ostukraine und morgen Polizeiaktionen in Hongkong. Und die internationale Politik wie das mediale Gefolge springen von einem Event zum nächsten. Es ist wie an der Börse. Der lange Atem ist dem Gehechel gewichen. Werte, für die es sich zu leben und Strategien, für die es sich zu kämpfen lohnt, brauchen lange Linien.

Bauernopfer

Die Stadt Kobane, wie sie zumindest von ihren zumeist kurdischen Einwohnerinnen und Einwohnern genannt wird, wird wahrscheinlich als Bezeichnung eines tragischen Ereignisses in die Annalen eingehen. Vieles spricht dafür, dass die mittlerweile durch Flüchtlinge auf 100.000 angestiegene Bevölkerung in einem grausamen Spiel agierender Mächte geopfert werden wird. Das aus der Ferne betrachtete Chaos sich bekämpfender Mächte hat eine relativ klare Struktur. Es geht um Interessen, die auch in der Ukraine präsent sind und die wohl versteckt werden hinter dem Schicksal der jeweiligen Zivilbevölkerung.

Der seit zwei Jahren tobende Bürgerkrieg in Syrien hat etwas mit der Infrastruktur der Ölwirtschaft zu tun. Genau genommen geht es darum, ob eine Liaison von Syrien, Iran und Russland den Zugang für eine Pipeline ans Mittelmeer bekommt bzw. optional behält. Das steht den Interessen vor allem der USA und Saudi Arabiens entgegen, die ihrerseits diesen Zugang ein für alle Mal verhindern wollen. Um diese Interessen durchsetzen zu können, wurden vor allem Schergen sunnitischer Couleur protegiert, die diesen ökonomisch motivierten Auftrag politisch und religiös interpretieren. Dass letzteres dazu geführt hat, dass die einfachen Kämpfer nun auch gegen die USA mobilisieren, ist ein Kollateralschaden, der einst auch bei Al Qaida in Afghanistan zu verzeichnen war und der wohl einfach nicht auszuschließen ist.

Die Mobilmachung der öffentlichen Meinung in den USA, in Großbritannien und in Frankreich setzte erst ein, als jeweilige Landsleute von ISIS-Mitgliedern vor laufender Kamera geköpft wurden. Das ging auf die Galle, die Zigtausend zählenden Opfer im Irak, die dem voraus gingen, reichten im Emotionsdepot nicht aus, um eine militärische Intervention gegen ISIS zu begründen. So funktioniert das, selbst die moralische Entrüstung hat einen zentralen rassistischen und nationalistischen Aspekt. Dass bei dem Vormarsch von ISIS nun ausgerechnet die Kurden um ihre Existenz bangen müssen, hat einen besonderen Geschmack. Denn die Kurden waren vor allem im letzten Jahrzehnt in der Region der treueste Bündnispartner der USA in der Region.

So wundert es nicht, dass die USA offiziell vorgeben, Kobane vor der ISIS-Invasion retten zu wollen, andererseits aber eigenartigerweise mit ihren Drohnenschlägen dort nichts mehr treffen. Und die benachbarte Türkei, ihrerseits NATO-Vollmitglied, begreift erst jetzt, dass die Hinnahme des sunnitischen Blutrausches gegen die Kurden in der Grenzstadt den Bürgerkrieg im eigenen Land zu Folge haben kann. Es wird deutlich, dass insgesamt einige Verwirrung entstanden ist bei der Inszenierung des Chaos. Big Oil, bzw. Big Oils Kommissionäre sind gegenwärtig gezwungen, die verschiedenen Bündnispartner zu priorisieren. Dabei kann es vorkommen, dass die eine oder andere Volksgruppe dem fundamentalistisch begründeten Flächenbrand zum Opfer fallen kann. Es wird deutlich, dass die wirtschaftlichen Interessen alles andere dominieren, sozusagen im vollen Spektrum.

Umso schwieriger wird es nun, die geplanten militärischen Operationen moralisch zu begründen bzw. die Nicht-Intervention zu erklären. Letzteres wird momentan mit grotesk schwachen Phänomenen erläutert. Das Weiße Haus erzählt der staunenden Weltgemeinde, dass die Drohnen ihre Ziele verfehlen und die hiesige Verteidigungsministerin stellt sich vor die Kameras und erzählt dem verwirrten Publikum, die Flugzeuge der Bundesluftwaffe schafften es aufgrund technischer Mängel nicht bis an die kurdische Grenze. Nein, da wird eine Stadt geopfert, um danach moralisch begründet noch einmal so richtig aufrüsten zu können. Aber es sollte klar sein, dass es weder um Moral noch um Menschen geht. Es geht um die Legitimation gewaltsamen Zugriffs, jenseits von Wert und Moral. Um das zu erreichen, wird Kobane geopfert.