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Nur Gast auf dieser Erde

Oskar Maria Graf, der seinen Anarchismus immer auf das bayrische Katholisch-Sein zurückführte, zitiert die biblische Weisheit immer wieder in seinen Romanen. Ihr seid nur Gast auf dieser Erde, heißt es dort, und was als einer der Eckpfeiler der abendländischen Ethik zu verstehen ist, nämlich das Postulat zu Demut und Nachhaltigkeit des eigenen Handelns, hat in Grafs Romankontexten immer auch die Aura der Drohung. Warte nur ab Bürscherl, auch deine Tage sind begrenzt, und wenn du in Macht und Reichtum stehst, der Tag wird kommen, an dem dich der Sensenmann zu deiner letzten Reise holen wird, oder, wie es Heinrich Heine so treffend formulierte, wenn Tantalus mit seinem schweren Wagen vorfährt, um dich zu holen.

Gast-Sein birgt also beides, zum einen eine ethische Verpflichtung, zum anderen einen unsicheren Status. Doch es kann auch mehr bedeuten als Demut, Nachhaltigkeit und eine innere Unsicherheit. Die Reise vom Okzident in den Orient bringt da eine Erkenntniserweiterung, die die Horizonte öffnet. Dort ist die Rolle des Gastes weiter gefasst. Der Gast im Orient hat durch den hohen Stellenwert, den das Gastrecht genießt, eine temporär privilegierte Stellung. Wenn er diese Stellung nicht ausnutzt und sich übergebührliche Rechte herausnimmt, dann hat er Möglichkeiten, die selbst über die des Gastgebers hinausgehen. Ist der Gast in der Lage, dem Gastgeber den Respekt zu bezollen, der ihm gebührt und glänzt zudem über Tugenden wie der der Bescheidenheit und der Einsicht in die Relativität seines Status, dann kann er in den Diskurs Aspekte einbringen, die unter normalen Umständen unter den Gravitätskräften des Alltags zermalmt würden. Das alles erfordert eine ungeheure, eine subtile und hoch sensible Sensorik beider Seiten, der Gastgeber wie der Gäste.

Generell ist das Temporäre ein Zustand, dem Rechte zugebilligt werden, die der Standard, das Prinzipielle oder das Lange-Währende nicht genießen. Das wissen wir alle. Wenn wir wissen, dass die Zeit begrenzt ist, in der wir etwas ertragen müssen, dann halten wir es aus. Wüssten wir nicht, wann bestimmte Zustände zu Ende sein werden, dann ertrügen wir es vermutlich nicht und würden rebellischer. Auch an diesem Beispiel zeigt sich der schützende Kordon um das Provisorische. Das ist vielleicht die viel wichtigere Botschaft des Bildes vom Gast auf dieser Erde. Fast drängt sich die Neigung auf zu sagen, dass Demut und Nachhaltigkeit nie verkehrt sind, aber das Recht, auf Dinge hinzuweisen, die Veränderungen nach sich ziehen, scheint angesichts die Fliehkräfte in einem technokratischen Zeitalter noch bedeutender zu sein. Das Temporäre der menschlichen Existenz wäre so auch die nahezu aus dem Wesen heraus zu erklärende Chance, die Veränderung und Gestaltung der Welt in Betracht zu ziehen.

Gestaltung schließt weder Demut noch Nachhaltigkeit aus. Gestaltung ist das Stadium nach der Negation, zuweilen auch der Zerstörung des Alten. Menschen, die ihre Existenz der Gestaltung verschreiben, zeichnen sich in der Regel immer durch den Respekt vor den Leistungen anderer aus. Sie wissen um die Energie, die Substanz und die Passion, die in der Gestaltung stecken. Und sie wissen nicht nur retrospektiv um die Historizität menschlichen Handelns. Auch um die Historizität ihrer selbst. Das ist der Preis für die Gästeliste. Doch die Namen auf ihr sind die schlechtesten nicht.

Inquisition als Dernier Cri

Journalistisch ist es wie ein üppiges Bacchanal. Was wäre bloß, gäbe es nicht in der Provinz einen Bischof, dessen Namen bis vor kurzem niemand kannte und der verantwortlich zu sein scheint für ein Bauvorhaben, dessen Preise explodieren. Nicht, dass es nicht Projekte dieser Art gäbe, gegen die der Sitz in Limburg wie eine Petitesse erscheint. Die Elb-Philharmonie zum Beispiel, der Stuttgarter Bahnhof oder, schlimmer noch, der Berliner Flughafen BER. Bei letzterem wird von mehr als eine Milliarde gesprochen, wobei keiner mehr so richtig zu wissen scheint, mit wieviel er veranschlagt wurde und wieviel er letztendlich kosten wird. Bis auf eine laue Polemik und der einen oder anderen Diskussion um Projekte, bei denen es um die direkte Verwendung von Steuergeldern geht, hielt sich die Berichterstattung bei den genannten weitaus skandalöseren Geschichten in bescheidenen Grenzen.

Bei dem etwas wie ein Maniak aussehenden kleinen Bischof von Limburg ist das anders. Der verstopft die News Ticker wie einen alten, maroden Siphon. So, als gäbe es keine tatsächlichen Probleme in unserer bewegten Welt, als verhandelten die Parteien nicht über eine neue Regierung, die sich mit den Auswirkungen der Weltfinanzkrise, den Lebensbedingungen im eigenen Land, den notwendigen Investitionen in die Zukunft, der europäischen Wirtschaft oder einer endlich einmal durchdachten Einwanderungspolitik wird befassen müssen, schwirmelt der Name Tebartz-van Elst wie eine Droge durch die medialen Hirne.

Dabei gehörte es immer zum Wesen des Katholizismus, dem Herrn und seinen Vertretern auf Erden den Prunk zu gönnen, der der großen Gemeinde der Gläubigen in ihrem irdischem Dasein verwehrt blieb. Nicht nur der römische Petersdom oder der zu Köln, in ganz Europa existieren Belege dieser großartigen Architektur, die dem Gedanken der Herrlichkeit folgte und die sich nicht an profanen Kategorien wie der der Zeit oder des Geldes orientierten. Irgend etwas hat sich wohl verändert in der Welt der Katholiken und in der der öffentlichen Meinung. Und, man sollte vielleicht und gar nicht so zynisch die Frage formulieren, ob sich das zentraleuropäische Christentum vom Urgedanken des Katholizismus weg bewegt und sich der protestantischen Kälte und Unduldsamkeit zuwendet?

Wenn es so ist, dann würde das in Deutschland niemanden besonders verwundern, denn es läge im Trend vom Wechsel der Bonner zur Berliner Republik. Verwunderlich ist nur, dass die Maßstäbe hinsichtlich der tatsächlichen Größenordnungen bei dem konkreten Fall des Limburger Bischofs und seiner geplanten Residenz gravierend verrückt wurden. Wieso, so die mehr als berechtigte und gerechte Frage, ist der öffentliche Diskurs nicht ähnlich aufgeregt bei den politisch auf den Weg gebrachten Projekten, die teils selbst ohne Zusatzwünsche hinsichtlich individuellen Luxus dermaßen aus dem Ruder gelaufen sind. Nirgendwo eine politische Konsequenz, kein Rücktritt, ein Stopp. Nichts, wonach die Journaille und der vermeintliche Zorn der Öffentlichkeit im Falle Tebartz-van Elst so dürstet, wurde jemals im Falle der politischen Dimension so hart gespielt.

Der Verdacht liegt nahe, dass es sich bei dem medialen Design abermals um eine Finte propagandistischer Logik handelt. Das Kalkül ist so alt wie einfach: Greife einen Fall auf, skandalisiere ihn und benenne einen Sündenbock. Etwas Wahres ist natürlich daran, denn so ganz wirsch wirkt dieser Sündenbock nicht. Die Frage sollte dennoch sein, wovon er ablenken soll. Das ist schäbig. Inquisition als Dernier Cri! Und das Volk? Es schreit „Kopf ab!“, geht nach Hause und legt sich ins Bett!