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Psychopathologie als Kollektivsymbolik

Claire Danes, Damian Lewis. Homeland, Season 1

Dass sich die Welt nach dem 11. September 2001 geändert hat, wird immer wieder aus unterschiedlichen Blickwinkeln festgestellt. Wie sie sich verändert hat, hängt zumeist von der jeweilig gewählten Perspektive ab. Sicher scheint zu sein, dass sich ein vermeintlich politischer Konflikt, der zwischen dem christlich-kapitalistischen Westen und dem merkantil-islamischen Osten entstanden ist noch andere, schwerwiegende Symptome zu verkraften hat als sie in Kategorien der Geostrategie, der Ökonomie oder der Außenpolitik zu begegnen wären. Dabei handelt es sich um Dimensionen der Psychopathologie, die verursacht wurden durch allseitige kriegerische und terroristische Akte, die zu Verletzungen, Traumatisierungen und Schockerlebnissen geführt haben.

Ausgerechnet einer TV-Filmserie, diesmal von FOX und nicht aus dem Hause HBO, bleibt es vorbehalten, das Thema der psychischen Implikationen dieses Kultur- und Interessenaufpralls zu thematisieren. Kein Wunder, dass die Vorlage einer israelischen Serie entlehnt wurde, weil dort das Thema weit länger zum Alltag gehört als in Washington oder Berlin. Die erste Staffel von Homeland setzt auf eine einfache Regieanweisung: US-Marine gerät bei einem Einsatz im Irak in Gefangenschaft und landet bei Al Quaida. Nach acht Jahren wird er wie ein Wunder befreit und kehrt in die Heimat zurück. Natürlich wird er zum Politikum und natürlich liegen der CIA Hinweise vor, dass ein US-Soldat umgedreht worden sein soll. Das alles ist ein schlichtes und nicht besonders aufregendes Konstrukt.

Wie allerdings sowohl das Regiebuch als auch Damian Lewis als Nicholas Brody und Claire Danes als Carrie Mathison ihre Rollen ausfüllen, das ist eine neue Dimension der subkutanen Dramatik. Hier die strebsame und durch eine bipolare Störung forcierte CIA-Agentin, dort der durch Folter- und Verlusterlebnisse traumatisierte Soldat, der in ein Karussell der Loyalitäten geraten ist. In dem gesamten Konsortium der Akteure ist es ausgerechnet die Manisch-Depressive, die der Interpretationswahrheit der verworrenen Ereignisse am nächsten kommt und ihr Pendant, der Held, lässt menschliche Qualitäten wie Loyalität und Treue ebensowenig missen wie die kaltblütige innere Logik der Zerstörung. Beide Pole ziehen sich an und stoßen sich ab, aber sie sind die einzigen, die das gesamte Spiel zu durchschauen scheinen. Um sie herum erleben sie eine Welt, in der die Vertreter von Recht und Gesetz sich nur noch durch den Rechtsbruch zu helfen wissen und kalte Revanchisten aus Trauer zu Verzweiflungstätern werden.

In den Folgen der ersten Staffel wirkt nichts holzschnittartig und kein Klischee ist so schal, als dass es abstieße. Das Bezwingende ist die Raffinesse, mit der es gelingt, das scheinbar Absurde als folgerichtig in die Welt zu bringen. Dadurch kommt es zu einer Signatur für den Zustand der Protagonisten in diesem Konflikt: Jede Seite hat humane wie machtpolitische Argumente, um das Fortschreiten der Destruktion zu rechtfertigen. Dass die Akteure dabei unzweifelhaft und unwiederbringlich vor die Hunde gehen, ist unumgänglich. Fast könnte man sagen, um in der psychopathologischen Metaphorik zu bleiben, in dieser bipolaren Welt ist die Störung zum Normalzustand geworden, und diejenigen, die sich der Störung als Konsens der Konflikteure widersetzen, haben sich selbst auf die Liste der zu Zerstörenden gesetzt. Das einzige, das bei Homeland versöhnt, ist die Gewissheit, dass die Designer der Serie das Absurde durchschaut haben. Aber das ist der richtige Genuss im falschen!

Die praktische Kollision

Soll man Marxens Unterscheidungen noch bemühen? Die Frage beantwortet sich gleich, wenn man nach etwas Besserem sucht und passen muss. Gemeint ist die Differenzierung einer Gesellschaft in Unterbau und Überbau. Vor allem in seiner Schrift Die deutsche Ideologie hatte Marx eine weniger ökonomische und mehr soziologische Analyse der deutschen Gesellschaft vorgenommen. Und wie es ihm mit seiner von Dialektik durchtränkten Vorgehensweise eigen war, entsprang aus der historischen Analyse gleich auch noch ein Modell mit weitergehendem Geltungsanspruch.

 Demnach geschieht in dem Unterbau der Gesellschaft die Wertschöpfung unter den spezifischen historischen Bedingungen und Eigentumsverhältnissen. Dort werden Waren produziert in Fabriken, die Privateigentum sind und wiederum auf Märkten feilgeboten, auf denen die Anbieter mit ihren Produkten in Konkurrenz zueinander stehen. Im Überbau hingegen bilden sich die sozialen Verkehrsformen ab, die sich aus den Machtverhältnissen des Unterbaus ableiten, im Überbau jedoch auch eigendynamisch entwickeln können. Die spannende Frage, die Marx anhand historischer Ereignisse stellt, ist die, was passiert, wenn die Protagonisten des Überbaus in Widerspruch zu den Interessen des Unterbaus stehen? Marx nannte ein solches Moment die praktische Kollision. Und er schloss, dass sich im Falle einer solchen praktischen Kollision schnell zeigen werde, ob die im Überbau agierende Opposition den Unterbau negiert oder nur zum Schein die Stimme der Rebellion erhebt.

Das Theorem der praktischen Kollision ist hilfreich, wenn man sich gesellschaftliche Krisenzustände ansieht, eigentlich egal wo auf der Welt. Gerade in einer vom Warenüberfluss geprägten Welt neigt man in der Begutachtung kritischer Zustände dazu, die ökonomischen Interessen bestimmter Gruppen zu bagatellisieren. Die Intervention der Militärs in Ägypten zum Beispiel hatte in erster Linie ökonomische Gründe.

In einer warenproduzierenden, sprich kapitalistischen Gesellschaft, hat die ökonomische Klasse, die als die mächtige bezeichnet werden muss, in der Regel das Sagen. Die einzige Möglichkeit, dem freien Unternehmertum in seiner Machtentfaltung beizukommen, sind durch demokratische Mehrheiten zustande gekommene Gesetze und die Vergesellschaftung der ökonomischen Prozesse per se. Unter dem Vorzeichen des Sozialismus hat das 20. Jahrhundert hinreichend Beispiele dafür geliefert, wie die Politik der Ökonomie den Rang abgekauft und deren Klasse domestiziert hat. Das Resultat war der wirtschaftliche Kollaps.

 In der post-sozialistischen Ära glaubte man zunächst an den Triumph des ungezügelten Kapitalismus. Und angesichts des Erscheinungsbildes des Weltfinanzwesens schien es auch so zu sein. Was man aber bei genauem Hinsehen feststellen musste, war die Tatsache, dass die Verstaatlichung wirtschaftlichen Handelns in einem Ausmaß zugenommen hatte, das weit mehr an die historischen Vorläufer des Sozialismus als an den immer wieder an die Wand gemalten Manchester-Kapitalismus erinnerte.

 Zu den Staaten der prototypischen Verstaatlichung ökonomischer Prozesse gehört die Bundesrepublik. Das Phänomen, dass sich dahinter verbirgt, ist die Synchronisierung der Formen des sozialen Verkehrs im Überbau mit den Machtverhältnissen im Unterbau. Eine Chance auf eine Opposition im Überbau, die im Falle einer Krise zu einer praktischen Kollision führte, ist nahezu ausgeschlossen. Wir haben es mit einer Machtkonzentration des ökonomisch-politischen Komplexes zu tun, der die Expansion der Verstaatlichung aller Lebensbereiche vorantreibt. Symptom dessen ist das, was wir den Regelungswahn bezeichnen. Es geht aber um mehr, es geht um die Abschaffung der Bürgerrechte. Und diejenigen, die sich zur Wahl stellen, sollten wir doch einfach fragen, ob sie den Prozess der Verstaatlichung in seinem Fortgang unterstützen wollen oder ob sie gewillt sind, der Entmündigung ein Ende zu setzen.

Die Bürokratisierung der Malaise

Am ersten Mai, dem Tag, den man vor nicht allzu langer Zeit als den Kampftag der internationalen Arbeiterklasse tituliert hat, traut man seinen Ohren nicht. Da treten Gewerkschaftsvertreter mit Parolen auf, die aus den frühen Zeiten des Proletariats stammen, als es noch eine Klasse war, deren Zukunft vor ihr lag. Gerechter Lohn, ja, da hört man fast die brüchige Stimme der Ahnen, denn die wahren mit solchen Kategorien angetreten, bevor der Marxismus die Klassenfrage stellen konnte. Nun, mehr als ein Jahrhundert danach, muss man lange suchen, um noch klassische Proletarier im Zentrum Europas auszumachen. Die Geschichte, die damals noch als eine Lokomotive bezeichnet wurde, ist erbarmungslos weiter gezogen und hat die große Mutter Proletariat längst beerdigt. Stattdessen sind neue Schichten und Branchen entstanden, selbst die Analyse der Ware, die Karl Marx in seinem berühmten Kapital betrieben hatte wie in einem Chemiebaukasten, fällt angesichts der Virtualität und Fiktion vieler Dienstleistungen selbst den geschultesten Geistern sichtlich schwer.

Dabei gibt es doch genügend Ergebnisse, die aus dem Kapitalismus resultieren, die die organisierte Opposition so nicht hinnehmen dürfte. Die millionenfache Arbeitslosigkeit zum Beispiel, die nicht der Boshaftigkeit einzelner Kapitalisten zugeschrieben werden kann, sondern nichts anderes ist als die logische Konsequenz der weltwirtschaftlichen Entwicklung, die kein Mensch aufzuhalten in der Lage ist. Was man machen könnte, wäre sich der Tatsache zu stellen, dass der Weltmarkt für diese Menschen keine Chance mehr parat hat. Und dafür zu kämpfen, dass man ihnen mit politischen Programmen Arbeit, Bildung, Selbstwertgefühl und das Bewusstsein vermittelt, dass sie etwas tun, das gesellschaftlich notwendig und wichtig ist.

Oder das Elend, welches sich aus diesem und noch anderen Gründen hinter dem verbirgt, das da Integration genannt wird. Da wären einfache Bekenntnisse erforderlich. Menschen, die sich schon lange nichts mehr unter dem Begriff der internationalen Solidarität vorstellen können, einfach die Jobs zu geben, die sie aufgrund ihrer Qualifikation und Befähigung verdient haben.

Stattdessen kapriziert sich das korporierte Erbe der einstmals so mächtigen Arbeiterbewegung auf moralische Slogans und, wenn es ums Geld geht, auf Budgets, mit der Bürokratisierung aufgebaut und kultiviert wird. Sobald Strukturen und Apparate errichtet sind, bilden sich Industrien, die die Malaise zwar verwalten und von der regelrechte Lobbys leben, die zu der Lösung des Problems weder in der Lage sind noch über die Motivation verfügen, dieses auch zu tun.

So sehr die Fähigkeit, Infrastrukturen und Apparate zu bilden, als eine zivilisatorische Leistung angesehen werden müssen. So wenig hat sie etwas mit dem zu tun, was als der Grundgedanke jeder sozialen Emanzipation zu sehen ist. Es ist das traurige Ende einstiger Macht.