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Studien zur Befindlichkeit des Journalismus

Uwe Krüger. Mainstream. Warum wir den Medien nicht mehr trauen

So, wie es einige Zeit gebraucht hat, um den verschiedenen kontroversen Themen der jüngsten Vergangenheit ein wenig Raum zur näheren Betrachtung zu lassen, so war das auch erforderlich, die Art und Weise, wie über die kontroversen Themen in den Leitmedien berichtet wurde, kühleren Kopfes zu untersuchen. Angefangen hatte vieles mit der Weltfinanzkrise und der Rettung systemrelevanter Banken, es ging weiter mit der EU-Kreditpraxis und der Verschuldung Portugals, Spaniens und Griechenlands, daran daran an schloss sich eine nie dagewesene Austeritätspolitik, es ging weiter mit dem Junktim der EU-NATO-Osterweiterung, vor allem in der Ukraine, und es setzt sich fort mit der Position der Bundesregierung in der Frage von Massenmigration und den damit verbundenen europäischen Verwerfungen in der EU und dem Verhältnis zur post-putschistischen Türkei und deren Interventionen in Syrien, es gab und gibt genug Themen, über die heftig gestritten werden kann. Was sich quasi zeitgleich entwickelte, war der große Unmut über die Berichterstattung in den so genannten Leitmedien, und dort wiederum besonders in den öffentlich-rechtlichen, die bekanntlich in Deutschland mit einem Monopol ausgestattet sind.

Nun liegt eine Untersuchung von Uwe Krüger vor, die den Titel trägt: Mainstream. Warum wir den Medien nicht mehr trauen. Und, um das gebührende Lob gleich vorneweg auszusprechen, Uwe Krüger erliegt nicht der Versuchung, durch Simplifizierung zu einem schnellen Urteil zu kommen. Wohltuend geht er vom Beginn der, wie er es nennt, Vertrauenskrise zwischen den Produzenten von Nachrichten und deren Konsumenten aus und versucht, Prozess wie Apparat der Meinungsmache im Alternativlos-Deutschland zu dechiffrieren.

Zum einen verfolgt er eine die einzelnen Institutionen untersuchende soziologische Linie, in der vor allem deutlich wird, dass mit der wirtschaftslibertären Ideologie auch die Zeiten für Aufsteiger aus dem Lager der sozialen Underdogs zum Top-Journalisten vorbei sind. Anhand der Auswahlpraktiken der renommierten Journalistik-Schulen zeigt er, dass dort der Prototyp des Mittelklassen-Talentes die besten Chancen zur Annahme besitzt. Zum anderen dokumentiert er, vor allem anhand zahlreicher Beispiele aus den oben genannten Themenkrisen, dass sich innerhalb der Institutionen bestimmte Netzwerke und Lobbys festgesetzt haben, die den dort zu produzierenden Mainstream definieren. Nahezu alle Alpha-Tiere aus den Leitmedien sind Mitglieder us-amerikanischer Think Tanks, die durch Einladungen, Privilegien und Karrieresprünge so manches bewirken können.

Damit einher geht der bereits seit vielen Jahren sich fortsetzende Trend, sich als eine die Politik der Regierenden erklärende, und nicht kritisch zu durchleuchtende Institution zu begreifen. Verdeutlicht wird dieses durch das Phänomen, dass in der Berichterstattung über von der Regierung noch nicht thematisch besetzte Sachverhalte durchaus kritische Ansätze noch zum Vorschein kommen. Hat die Regierung jedoch ein Thema okkupiert, erfolgt Hofberichterstattung. Ebenfalls interessant ist der Proporz von Zustimmung und Kritik in den einzelnen Beiträgen. Der Verweis der kritisierten Medien, sie produzierten ebenso viel Kritisches wie Affirmatives, trifft sogar zu. Nur sind die kritischen Kommentare nie im Zentrum, sondern immer an den Rändern der Zeitung oder bei Rundfunkbeiträgen mitten in der Nacht.

Krügers Studie ist auf jeden Fall die Lektüre wert, wenn der Satz stimmt, dass die Reduktion von Komplexität schnell zu propagandistischen Formen des Urteils führen kann. Es ist sachlich und informativ, nur zum Schluss wirkt er ein wenig hilflos, wenn er vor allem an die Journalisten appelliert, die Nutzer als mündig zu betrachten und mit ihnen auf Augenhöhe zu kommunizieren. Bei denen, die den Weg zur Propaganda eingeschlagen haben, wird das wenig nützen. Und diejenigen, die das begrüßten, fristen mit journalistischen Minijobs ihr Dasein.

Diabolische Quellen

Nicht selten gehen ökonomische Entwicklungen und lancierte politische Vorhaben Hand in Hand. Bestimmte wirtschaftliche Trends begünstigen den demokratischen Kontrollverlust und schaffen damit einen Freiraum für politische Manöver im Dienste handfester Interessen. Eines der furiosesten Beispiele für diesen Trend ist die Entwicklung des Rundfunk- und Pressewesens. Dort hat sich eine Zweiklassengesellschaft von Redakteurinnen und Redakteuren etabliert, die es in sich hat. Zum einen ist das tarifliche Portfolio vernünftig definierter Journalisten längst passé. Vorbei die Zeiten, in denen angehende Journalisten diesen Beruf von der Pike auf lernten, fest bei einem Haus angestellt waren und nach einem feststehenden Tarif bezahlt wurden.

Die aus dem Tarif und der Festanstellung erwachsene Unabhängigkeit ist dahin. Stattdessen hat sich ein Heer von so genannt freien Mitarbeitern gebildet, das nach von den Auftraggebern definierten Einzelleistungen honoriert wird. Wer nicht das liefert, was in das intendierte, meinungsbildende Schema passt, ist schlichtweg raus aus dem Spiel. Die Folge ist eine bittere Abhängigkeit, die zu dem führt, was irritierender Weise, aber nicht unbedingt falsch als Prostitution bezeichnet wird. Von einem Pressekodex kann dabei nicht mehr gesprochen werden. Es handelt sich um die Vergabe von Dirty Jobs. Wer essen will, macht mit, wer nicht mit macht, schreibt Werbebroschüren für Discounter.

Das Pendant zu dieser wirtschaftlichen und mentalen Pauperisierung bilden diejenigen, die als Galionsfiguren der Meinungsmacher fungieren und bezeichnet werden müssen. Auch sie sind nicht selten Freelancer, betreiben aber eigene Agenturen und werden als Dauerpropagandisten verpflichtet. Ihre Honorare haben eine Dimension erreicht, die alleine darauf hinweisen, dass es sich um Aufträge handelt, die nicht koscher sind. 70.000 Euro pro einstündigem, wöchentlichen Setting streichen die Protagonisten dieses Milieus ein. Sie haben das, was als journalistische Hemmschwelle bezeichnet werden muss, längst abgelegt und sind sich für keine manipulativen Sottisen zu schade. Ein Blick in die Polit-Talkshows der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten illustriert, was damit gemeint ist. Von ihrem Bildungsgrad her wissen sie, was sie tun, aber es ist ihnen egal. Der Zweck heiligt die Mittel.

Vieles von dem, was so gerne von Kritikern als Lügenpresse oder Propaganda bezeichnet wird, basiert auf diesem ökonomischen Setting. Hier das Heer der rechtlosen und einem prekären Markt ausgelieferten Zulieferern und dort die Showmaster der Mystifikation, die mit rhetorischer Finesse die politische Agenda bestimmter Strategiegruppen an den Mann bringen. Letztere haben ihr Handwerk dort gelernt, wo die schillernden Strategien ausgeheckt werden. Immer häufiger sind es so genannte Think Tanks oder Denkfabriken. Einer der bekanntesten Nachrichtenjournalisten des ZDF entstammt einem solchen amerikanischen Think Tank und seine Thesen lassen sich direkt in den Papieren dieser Vereinigung nachlesen. Wer erwartet, dass sich die Auftraggeber, in diesem Fall als staatliches Monopol geschützte Institutionen wie die den öffentlich -rechtlichen angeschlossenen Rundfunk- und Fernsehanstalten ein solches Vorgehen verbitten würden, sieht sich getäuscht. Die Denkfabriken und Think Tanks sind zu ohne Umschweife autorisierten Quellen dieser Anstalten avanciert.

So verwundert es nicht, dass in Bezug auf die Berichterstattung über internationale politische Zusammenhänge mittlerweile ohne Skrupel die Denkfabriken und Think Tanks als hervorragende Quelle angegeben werden. Um es zu verdeutlichen: Es handelt sich dabei in der Mehrheit um von bestimmten Strategie- und Wirtschaftslobbys finanzierte Institute, die die Interessen im internationalen Kontext ausloten. Die Krise des Journalismus ist die legale Infiltrierung desselben durch diese Lobbys. Es geht längst nicht mehr darum, diese oder jene Interessen geleitete Information im Einzelfall zu problematisieren. Es geht um die Zerschlagung dieses Systems zugunsten der Installation eines handwerklich sauberen Journalismus. Wenn nötig als Gegeninszenierung. Da ist Kreativität gefragt!

Journalistische Erlebniswelten

Hugo Portisch. Aufregend war es immer

Die Art und Weise, wie die namenlosen Zeitzeugen ihre Geschichte erlebt haben, geht sehr oft in der Vergessenheit verloren. Die mündliche Erzähltradition hat mit den Berufsgruppen, aus denen sie erwachsen ist, zumeist ihre Kontinuität verloren. Längst passé die Zeit der fahrenden Gesellen, die mit ihren Geschichten ein Sittenbild der Gesellschaft mit entwarfen, längst passé die Zeit der familiären Überlieferung, in der abends in der Küche die Eltern den Kindern erzählten, mit welchen Geschichten sie selbst aufwuchsen. Das, was heute in Bezug auf die konkret erlebte Geschichte geblieben ist, sind die Informationsschnipsel in den sozialen Netzwerken, die zumeist geographische Angaben und Bildmaterial hinterlassen, und selten so etwas wie soziale Erfahrung kolportieren.

Existieren keine Geschichten über die konkret erlebte Geschichte, dann bleiben die Werke der Historiker, deren Anspruch genau die subjektive Tönung ausklammert und in einer Sprache verfasst sind, die Distanz und Langeweile produzieren. In diesem Kontext sind Dokumente von Zeitzeugen vielleicht die letzten Medien, die in der Lage sind, eine Brücke zwischen historischer Faktizität und Erlebniswelten zu schlagen. Die österreichische Journalistenikone Hugo Portisch, mittlerweile 88 Jahre alt, hat nun Erinnerungen zu Papier gebracht, die dieser Kategorie zugerechnet werden können. Unter dem Titel „Aufregend war es immer“, der bereits seine Stärke beschreibt, erzählt er über seinen Werdegang als Journalist im Österreich nach dem II. Weltkrieg und seinen mit dem Beruf verknüpften Erlebnissen in den folgenden Dekaden bis heute.

In einem unterhaltsamen Erzählstil erfährt die Leserschaft sehr viel über den Übergang Österreichs von einem Anschlussstaat des Dritten Reiches über eine Besatzungszone bis hin zu einem souveränen Staat. Da ist in vielerlei Hinsicht auch aus deutscher Perspektive interessant, denn der Staatsvertrag, der die Souveränität besiegelte, ist hier bis heute ein nicht einmal mehr formulierter Traum. Aber auch die Einblicke, die Portisch auf seinen unterschiedlichen Stationen als Journalist erhielt, sind aus heutiger Sicht sehr interessant. Innerhalb Österreichs zum Beispiel der Versuch der großen Parteien mittels eines ausgehandelten Proporzes die öffentlich rechtlichen Medienanstalten zu okkupieren und die damit verknüpften, erfolgreichen Initiativen der Presse, diese Vereinnahmung zu verhindern. Oder die Rundreise durch die USA, in der die jungen Journalisten des Anschlussstaates einen Einblick in den eine Demokratie kontrollierenden Journalismus erhielten. Das war vor den Zeiten, als auch dort das Konzept des Embedded Journalism der Freiheit ein Ende bereitete.

Ebenfalls kurzweilig erzählt erhält die Leserschaft einen Einblick in die Denkweise der sowjetischen Administration während des Kalten Krieges, die Besonderheiten des kubanischen Sozialismus und das amerikanische Desaster in der dortigen Schweinebucht, die Konzepte der aufsteigenden neuen Supermacht China, die Motive und Operationsweise des vietnamesischen Vietcong, die Verwicklungen der westlichen Entwicklungspolitik auf dem afrikanischen Kontinent, die innere Logik der amerikanischen Atomstrategie und die mutierenden Spezifika eines neu aufflammenden Ost-West-Konfliktes.

Die Erzählungen Hugo Portischs werden getragen von dem Willen, seine Erfahrungen einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Insofern sind sie ein gut lesbares historisches Dokument, dessen Qualität nicht zu unterschätzen ist. Die Leserschaft hat dennoch die Gelegenheit wie das Recht, sich eine eigene Meinung zu bilden. In dem einen oder anderen Fall sind die Schlussfolgerungen des Autors auch nicht die, die jeder favorisieren muss. Aber so ist das nun einmal mit persönlichen Erfahrungsberichten. Wer sich für die Weltpolitik der Zeit nach dem II. Weltkrieg bis heute interessiert, findet in „Aufregend war es immer“ eine sehr unterhaltsame und informationsreiche Lektüre.