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By the way…

Ein englischer Freund, der sich schon lange in unseren Gefilden herumtreibt und den ich immer wieder zufällig treffe, kommt jedes Mal, egal, um welches Thema sich das Gespräch dreht, zu einer seiner Schlussfolgerungen aus den langen Jahren, die er hier verbracht hat. Ihr Deutschen, so sagt er dann, ihr Deutschen habt den Drang, alles, jede Kleinigkeit, zu einer dramatischen, existenziellen Frage hochzupeitschen. Wenn hier einer den Müll nicht trennt, oder an der Ampel bei Rot noch hinübereilt, obwohl eine Mutter mit Kind bereits wartet oder sich jemand irgendwo ungefragt eine Zigarette ansteckt, dann brennt es lichterloh. Dann versinkt die Welt im Unrat, dann hat die zukünftige Generation keine Orientierung oder ein rücksichtsloser Teil der Gesellschaft vergiftet den anderen Teil kalten Gemütes. Ganz Unrecht hat der englische Kollege aus meiner Sicht nicht. Ich habe auch schon versucht, mit ihm etwas anderes zu diskutieren, das gar nicht dazu passt. Aber das passt ihm nicht, wer weiß warum.

Verfügen wir auf der einen Seite über das nötige Quantum an Hysterie, wenn es um kleine Unlässlichkeiten geht, so steht auf der anderen Seite, vor allem gegenüber den wirklich existenziellen Dingen, eine Fähigkeit zur Verdrängung, die noch mehr beängstigen muss als das Ausrasten bei Kleinigkeiten. Allein die Politik der letzten Jahre beinhaltete Dinge, die in jedem anderen Land zumindest heftige Debatten entfacht, die die Frage nach dem Selbstverständnis der Nation und ihrem vermeintlichen Willen gestellt hätten. Stichworte wie die Ukraine, Syrien oder Griechenland mögen genügen, um zu demonstrieren, dass das Deutschland, das sich da plötzlich der Welt präsentiert hat, krass von dem Bild abweicht, das in den Jahrzehnten nach dem II. Weltkrieg gezeichnet wurde. Und getragen wurde dieser rasante Wandel aus einem Moralismus heraus, der die neue Überheblichkeit in Reinkultur darstellt.

Letzteres ist übrigens das, was bei allen kontroversen Einschätzungen zur Erweiterung der EU, zur Durchlässigkeit von Migranten, der Finanzpolitik gegenüber überforderten Volkswirtschaften, zu den Waffenlieferungen an Saudi-Arabien etc. am meisten verstören sollte. Diese lächelnde, gegen jeden Anflug von Selbstkritik imprägnierte Arroganz und Selbstgewissheit, diese bar jeglicher Erfahrung bezüglich anderer Lebensumstände an den Tag gelegte Besserwisserei, sie geht vom dumpfen Einpeitscher bis hin in die politischen und medialen Eliten. Und dort, in deren Sphären, wird vorgelebt, wie vermeintlich mit der Welt umgesprungen werden muss. Von der Hygiene, vom Milieu, von der Sprache und von der Engstirnigkeit biete sich dort derweil die größte Analogie zum historischen Faschismus. Insofern sind wir voll auf Kurs und keiner merkt, von wo die Gefahr ausgeht. Die neue Rechte, sozial und numerisch überschaubar, ist ein unappetitlicher Haufen, ja, aber gefährlich? Da sind andere längst unterwegs, und der Bauch spürt es auch, aber der Kopf befindet sich schon in der Falle.

Was der deutsche Michel mit der Zipfelmütze, der sich immer nur die Augen reibt und leicht überfordert erscheint ist in England John Bull. John Bull ist eine treue Seele, die schuftet und schuftet und die sich nach Ruhe und Frieden sehnt. Und nicht selten wird auch dieser John Bull an der Nase herumgeführt und er wird Opfer seiner Gutmütigkeit. Wenn er das jedoch bemerkt, dann schlägt er ziemlich trocken und humorlos zurück, während klein Michel unter dem Tisch liegt, mit den Beinen strampelt und Gott und die Welt, nur sich selbst nicht, für seine Lage verantwortlich macht. Wie schön, wenn er dann einen Nachbarn entdeckt, der den Müll nicht trennt!