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„Joe, sei nett zu uns!“

Die Reaktionen auf die Entscheidung der führenden amerikanischen Nachrichtensender, Joe Biden zum President Elect zu erklären, sind bemerkenswert. Vor allem ein Interview mit Bundesaußenminister Heiko Maas war aufschlussreich. Was sich anhörte wie eine große Erleichterung, den ungehobelten Trump endlich los zu sein und wie Freude klang, es jetzt mit einem wohl erzogenen älteren Herrn zu tun zu haben, entpuppte sich, wenn man genau hinhörte, als ein waffenklirrendes Bekenntnis zum alten Verbündeten USA. Und zwar in dem Sinne, dass der Kampf um deren Welthegemonie aus vollen Kräften unterstützt werde, wenn nur auch für Deutschland selbst das abfalle, was es erhoffe.  Das hört sich übertrieben an, ist es aber nicht.

Es ist selbstverständlich festzustellen, dass die herrschenden Kreise in den USA nun einmal selbst den Kurs festlegen müssen, den sie fahren wollen in Bezug auf die offenen oder schleichenden Angriffe auf die eigenen Welthegemonie. Es ist jedoch anzunehmen, dass der Kampf gegen China ökonomisch und geopolitisch weiter geführt werden wird und die alte Heartland-Theorie, in der Russland unbedingt als Ressourcenspender gesichert werden muss, eine Renaissance erfahren wird. D.h. in Europa wird es jetzt richtig ungemütlich. Ein Wirtschaftskrieg gegen China kann man in Europa besser verkraften als die USA selbst, aber dafür werden andere Opfer verlangt werden, was man in Militärkreisen auch Sicherung der Flanken nennt. 

Und genau darauf ging Maas auch ein. Er sprach davon, dass man bereit sei, mehr Verantwortung zu übernehmen. Das hört sich, bleibt man bei der Formulierung, immer erst einmal gut an. Denn die Menschen, die tatsächlich bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, sind in post-heroischen Gesellschaften immer seltener geworden. Da hört sich so ein Wort des Bundesaußenministers sehr positiv an, so nach dem Motto, wir sind jetzt nicht mehr hedonistische Mitläufer, sondern verantwortungsbewusste Alliierte. Was das heißt, sagte er auch, vor allem in Afrika und im Nahen Osten sei man bereit, seine Pflicht zu tun. Für die rest-pazifistische Gruppe in der SPD heißt das, man wird sich, sofern irgendwo noch eine Regierungsbeteiligung in Sicht ist, verstärkt an kriegerischen Handlungen beteiligen, wenn es, und auch das eine Lieblingsformulierung des erwähnten Politikers, um unsere gemeinsamen Werte geht.

Das Signal, das von diesen einigermaßen harmlosen Sprachfragmenten ausgeht, ist eindeutig. Es wird darum gehen, verstärkt und vermehrt in den bewaffneten Kampf um die Weltherrschaft der USA mit einzutreten. Dass man dabei an den bis heute relativ gut verdaubaren Verlautbarungen von der Wertegemeinschaft festhält, ist mehr als logisch. Denn sprich man Klartext, so hieße das alles ganz anders. Da würde, mit Verlaub, auch der biologisch-innovativ-disruptiv konstitutierte neue Mittelstand, der nach Mandat und Amt strebt, doch die eine oder andere Zuckung erfahren. 

Deutschland ist eine Industrienation, die auf Märkte wie Rohstoffe angewiesen ist. In Zeiten einer von sich verschiebenden Kräfteverhältnissen hat sich die gegenwärtige Bundesregierung dazu entschieden, den Kampf um die hehren Plätze und Güter an der Seite der USA mit aufzunehmen. Das sind die klaren Worte, die eigentlich ausgesprochen werden müssten, um die Interessen freizulegen, um die es geht. Dass dabei wieder einmal Sozialdemokraten eine führende Rolle spielen, dokumentiert ihren Todestrieb als politische Partei, aber das ist eher eine Randerscheinung. 

Man muss sich die Statements, die aus den Häusern der deutschen Politik, und diesmal Partei überergreifend, noch einmal anhören. Joe, so hieß es da in der Regel, wenn du nett zu uns bist, dann machen wir alles mit.  Mit einer selbstbewussten, eigenständigen und realistischen Politik hat das nichts gemein. Da ist das Muster wieder sichtbar, hier vom Größenwahn gepackt, da bibbernd am Rockschoß hängend.

Ukraine II oder wem die Stunde schlägt

Es hat sich nichts geändert. Nach der Lern-Theorie eine Katastrophe. Nachdem das Abenteuer Ukraine zu einem einzigen Debakel wurde, sollte man meinen, es hätte so etwas wie eine Manöverkritik im eigenen Lager stattgefunden. Aber mitnichten. Das, was in Sachen Belarus noch zu erwarten ist, wird dem Drehbuch der Ukraine folgen. Alle Anzeichen sprechen dafür. Aber was sagt das aus über den Teil der Welt, der behauptet, in ihm seien die Vernunft, die kritische Reflexion und die Menschenrechte zuhause? Die Antwort ist ganz einfach: die einstigen Bewohner sind längst ausgezogen.

Wenn selbst die Utensilien immer dieselben sind, wird es langweilig. Die neue Ikone gegen den Autokraten Lukaschenko, der er zweifellos ist, ist selbst von der ersten Welle der ukrainischen Auflösung begleiteten Dame optisch kaum zu unterscheiden. Jung, unschuldig und reinen Herzens demokratisch, bis sich herausstellte, dass sie kämpfte, um eine korrupte Oligarchin zu werden. Wer sich neben den Empörungswellen fragt, wofür die Dame eigentlich steht, findet zunächst nichts außer der obligaten Freiheitsparole. Dann aber finden sich Aussagen, die ganz im Hymnus des Wirtschaftsliberalismus stehen und für die Verhökerung des Staates sprechen. Da wäre den Weißrussen zu raten, sich bei Ukrainern wie Russen einmal zu erkundigen, wohin das beim gemeinen Volke führen wird. Gemeint sind bittere Verarmung und Hunger. Dass Putin dem freien Treiben der Ausbeinung einer Volkswirtschaft ein Ende bereitet hat, ist die Ursache für seine Dämonisierung. 

Und der europäische Westen hat allen Grund, sich wieder einmal moralisch zu empören! Innerhalb der EU sind die Verhältnisse nicht so, als dass sie sich in einzelnen Fällen von denen in Weißrussland unterschieden. In Ungarn und Polen lebt jeder Widerstand gefährlich, aber dafür eignet sich Polen zunehmend besser als Brückenkopf für Aggressionen gegen Russland. Das war im Falle der Ukraine so und das wird bei Belarus wieder so sein. Und ist es da nicht folgerichtig, nochmal ein paar Kohorten aus Germanistan dorthin zu verlegen? 

Und, an alle, die sich bereit machen für eine neue Empörungswelle. Gäbe es nicht genug Gründe, die ständig reklamierten Werte innerhalb des eigenen Lagers auf ihren Realitätsbezug hin zu überprüfen? Wie steht es eigentlich in Frankreich? Und, was die NATO anbetrifft, die seit der Ukraine als Zwangsangebot immer im Doppelpack mit der EU zur Debatte steht, wie sieht es mit der Türkei aus? Letztere verbrennt gerade in völkerrechtswidrigen kriegerischen Handlungen die syrische Ernte und sie staut das Wasser, damit die Kurden nichts zu trinken haben? Vom Umgang mit der Opposition gar nicht erst zu lamentieren! Da wäre mal etwas, was den Protest anfachen sollte. Doch da schweigt des Sängers Höflichkeit. Schlimmer noch, da wird die Deklaration zum Risikoland in Sachen Pandemie mal schnell annulliert. 

Und dann Joe Biden. Auf den hat die Weltgeschichte gerade noch gewartet. Er war der Beauftragte Obamas für die Ukraine und hat dort eindrücklich demonstriert, was von ihm zu erwarten ist. Neben dem brutalen Interventionismus hat er überzeugend vorexerziert, wie Oligarchentum und Nepotismus funktionieren. Glaubt irgendwer, dieser Senator würde nicht nach der Wurst schnappen, die da aus den weißrussischen Birkenwäldern duftet? Gegen Biden ist Trump, was den direkten Einsatz von Militär anbetrifft, ein Deeskalator.

Es ist hinlänglich bekannt, dass sich die moralische Empörung über Vorkommnisse in Hongkong oder Minsk überschlägt, während sich die Berichterstattung bei analogen Entgleisungen in Paris oder Portland ganz anders darstellt. Genau dieses Vorgehen ist das Gift, dass sich in alle Ritzen der Gesellschaft einschleicht und das Vertrauen in das Handeln der Regierungen im Westen unterminiert. Die Verantwortlichen selbst merken das schon lange nicht mehr. Fast möchte man ihnen raten, morgens einfach mal zum Bäcker zu gehen und ein wenig zuzuhören. Dann bekämen sie vielleicht eine Ahnung davon, was die Stunde geschlagen hat. 

USA: Fall der Titanen

Jetzt werden sich viele freuen. Donald Trump wollte groß auftrumpfen und in Oklahoma seinen Wahlkampf neu starten. Es blieben nicht nur viele Plätze leer im Saal, nein, man hörte auch noch laute Proteste von außen. Er selbst wirkte unkonzentriert und man merkte ihm an, dass er Situationen, in denen er konfrontiert wird und nicht selbst den Mäusefänger spielt, nicht kennt. Insgesamt gut so. Aber ein Grund zum Jubeln? Wer hier, diesseits des Atlantiks, glaubt, mit einem stolpernden Trump sei die die Welt wieder in Ordnung, hat die Lage nicht begriffen. Es geht in den USA nicht um die Figur eines Banausen aus der Bau-Branche, den es in die Politik verirrt hat. Es geht um den letzten Kampf eines weißen, erschöpften Amerikas um die Vorherrschaft im eigenen Land und es geht um ein schwächelndes Imperium in einer von ihm bestimmten Weltordnung. Da reicht es nicht, wenn Donald, der Deutsche, endlich auf die Schnauze fällt.

Hier im heiligen Europa ist der Blick immer ein bisschen gefangen in den eigenen Gepflogenheiten. Das ist verständlich und sollte immer auch ein wenig Gnade walten lassen. Dennoch verstellt es den Blick auf Manches, das wesentlich ist. So ist hier nicht angekommen, dass die Wahl Trumps auch, in starkem Maße und sehr wohl immer wieder ausgesprochen, die Reaktion des weißen Amerikas auf den schwarzen Präsidenten Barack Obama war. Es entzieht sich der Imaginationskraft sehr vieler Menschen hierzulande, was für ein Affront der intellektuell und rhetorisch ausgewiesene Afroamerikaner aus dem urbanen Chicago für die alten Machteliten war. Ein Nigger im weißen Haus! Eine Katastrophe!

Dass für viele, die die USA nur unter der weißen Dominanz gesehen und begriffen haben, ein solches Ereignis eine Art Endkampfstimmung erzeugt hat, ist nicht überraschend. Und so wurde Donald Trump auch, nicht nur, wegen der Rassendominanz ins Amt gespült. Dass sich die demographischen Daten verschoben haben, macht die Sache nur umso skurriler. Denn die sagen, dass die Zeiten der weißen Mehrheit längst vorbei sind. Dass sich der Hass der alten weißen Rassisten gegen die alten Sklaven richtete, macht die Lage nur noch irrationaler. Denn die Konkurrenz um Funktionen und Ämter kommt eindeutig aus Asien und Südamerika. Die US-Bürgerinnen und -Bürger, die einst aus diesen Regionen kamen, sind zahlenmäßig soweit, dass sie sukzessive das Land übernehmen können. Und sie werden es tun. Derweil schlagen die alten Protagonisten aufeinander ein. Ball pompös! Ball fatal! Ball vor dem Fall!

Dass die Demokraten, obwohl sie exzellente, junge und charismatische Vertreterinnen aus den erwähnten Ethnien als Kandidatinnen hätten protegieren können, zeigt sehr deutlich, dass keine der weißen Parteien dem Kampf aus dem Weg gehen kann. Wenn man so will, kann man Joe Biden als den Donald Trump der Demokraten bezeichnen. Im Gegensatz zu ersterem kann dieser zwar mit Messer und Gabel essen, aber er ist in jeder Hinsicht ein ebenso glatter Bellizist wie der Republikaner. Er hat innerhalb der Partei alles rasiert, was in die Zukunft weist. Insofern ist, sollte es so kommen, mit der Wahl Joe Bidens der letzte Kampf der alten weißen Eliten noch nicht zu Ende. Es gehört keine große prognostische Fähigkeit dazu, den USA ein Jahrzehnt großer Auseinandersetzungen innerhalb der eigenen Grenzen zu prophezeien. 

Es wird also zu Sache gehen. Der letzte Kampf der White Anglosaxon Protestants um die Herrschaft ihres Hauses ist auch das Moment, welches das Auftreten in einer sich dynamisch verändernden Welt bestimmt. Ein weniger kriegerisch ausgerichtetes Arrangement innerhalb der Weltgemeinschaft wird erst dann zu erwarten sein, wenn die aus der inneren Dynamik der us-amerikanischen Gesellschaft erwachsenen Verhältnisse sich in den Funktionen des States Ausdruck verschafft haben. Wer das als Spekulation betrachtet, mögen das tun. Ein Blick auf die derzeitige Besetzung der wichtigen Bürgermeisterämter in den großen Städten zeigt jedoch, wohin die Reise gehen wird.