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Kopf, Bauch und Seele

Willie Nelson, Norah Jones, Wynton Marsalis. Here We Go Again: Celebrating The Genius Of Ray Charles

Nach ihrem Erfolg mit dem Album Two Men And The Blues aus dem Jahr 2008, das auch beiden Akteuren ungeheuren Spaß gemacht haben muss, haben sich die beiden Ikonen wieder zusammengesetzt und einen Live-Auftritt hingelegt, der alles mitbringt, um gute Laune zu erzeugen. Willie Nelson und Wynton Marsalis haben zu dieser Session, die dank der Professionalität von Marsalis und dem Bauchgefühl Nelsons qualitativ alles andere als eine spontane Jam wurde, noch die Sängerin Norah Jones eingeladen. Was dabei herauskam ist fürwahr eine Hommage an Ray Charles, dessen Songs seit langem zum Standardrepertoire gehören, wenn die Musik der USA im 20. Jahrhundert Thema ist.

Und wie das Werk Ray Charles ist auch die von den drei Ausnahmemusikern gewählte Dramaturgie ein Querschnitt durch die Befindlichkeiten. Von Ohrwürmern wie Hallelujah I Love Her So, das genauso intoniert wird wie ein ausgelassener Gospel-Gottesdienst an einem sonnigen Sonntag, aber dann doch mit Trompeten- und Saxophonsequenzen kurzweilig in den Cool Jazz gehoben wird, bis hin zu verzweifelten Stücken wie Losing Hand, in dem schwerbluesig das Schicksal der Outcasts beweint wird, ist alles vertreten. Man merkt, dass Marsalis und Nelson an ihrem Konzept festhalten, bestimmte Musiker und Genres dem Publikum so darzubieten, wie sie aus ihrer Sicht in einer Anthologie der modernen Musik Amerikas zu bewerten wären. Das tun sie mit der amerikanischen Fähigkeit, pädagogische Vorhaben mit Spaß und exzellenter Laune umzusetzen.

Den Kontrapunkt zu der meisterhaften maskulinen Inszenierung bietet Norah Jones, der es gelingt, bei Stücken wie Come Rain Or Come Shine oder Cryin Time mit einer angeborenen Rhythmik und ungeheurem Sentiment den femininen Anteil dieses Genres kraft- und gefühlvoll zum Ausdruck zu bringen. Sollte man bei der Inszenierung der drei eine Zuordnung wagen können, dann ist die Wahl der Musiker allein eine geniale Komposition. Marsalis (Kopf), Nelson (Bauch) und Jones (Seele) bringen alles mit, was den Genius des Phänomens Ray Charles so einzigartig machte.

Das Vorhaben Wynton Marsalis, den Jazz und seine Derivate zur Klassik der amerikanischen Moderne zu erklären und als solches auch pädagogisch weiterzuvermitteln, hat in vor allem in der Jazzwelt zu großen Auseinandersetzungen geführt, weil viele befürchteten, er verfrachte die amerikanische Musik der Straße und der Bars in sterile Museen. Two Men With The Blues und Here We Go Again demonstrieren das Gegenteil: Marsalis und sein kongenialer Mitspieler Willie Nelson sowie in diesem Fall Norah Jones inszenieren die Stücke von Ray Charles so, dass man mittanzt und sich trotzdem Gedanken darüber macht, was das historisch alles zu bedeuten hatte.

Das Vermächtnis

Micheal Brecker. Tales from the Hudson

Viele Wege ist er gegangen, der große Virtuose des Tenorsaxophons. Micheal Brecker war der Leuchtturm des Jazz im ausgehenden 20. Jahrhundert. Der Maniac, der wie besessen an seiner Fertigkeit arbeitete, der Perfektionist, dem nichts genügte, der täglich Arbeitstage am Tenor verbrachte wie andere Leute im Büro. Acht Stunden täglich waren für ihn normal, auch, als er längst etabliert war und den Zwang, Geld zu verdienen, hinter sich hatte. Als Studiomusiker für die Popgrößen hatte er für das nötige Kleingeld gesorgt, um seiner großen Obsession, dem innovativen Jazz, schrankenlos frönen zu können. Durch die Genres war er durch, Postbebop, Funk, Rock, Pop, überall hatte er sich herum getrieben, um dann in den letzten zehn Jahren seines viel zu kurzen Schaffens dem Jazz einen Impuls zu geben, der bis heute nachwirkt.

Die große Erzählung, die uns Micheal Brecker, der im Jahr 2007 verstarb und nur 58 Jahre alt wurde, hinterließ er der Nachwelt mit dem 1996 erschienenen Album Tales from the Hudson. Es ist ein Flug durch das schöpferische Leben Breckers und die Titel sind wie orthographische Inschriften. Mit Slings and Arrows akzentuiert Brecker die archetypischen Qualitäten des Jazz. Bei Midnight Voyage dechiffriert er die Gesetze des Kraftfeldes von Hochspannung und Trance, welche er zu beherrschen vorgibt. Der Song for Bilbao, in seiner Eingängigkeit und kontrapunktischen Brillanz wie eine Hommage an Kurt Weill anmutend, belegt die Offenheit des Innovators für jegliches Genre. Mit Beau Rivage setzt er die Reise fort um mit African Skies dort anzukommen, wo vieles begann, das im amerikanischen Jazz endete. In diesem Stück ist das positiv Barbarische, nicht Domestizierte mit den Melodielinien ebenso eingefangen wie eine originäre, temperamentvolle Rhythmik, die auf die Zivilisierungsprozesse wie eine Infusion wirken.

Das Stück Naked Soul kann als das eigentliche Vermächtnis Breckers begriffen werden. Nachdem man auf der vorherigen Erkenntnisreise die Vögel hat förmlich schreien, die Winde pfeifen und die See klatschen gehört, scheint in diesem kontemplativen, melancholischen, einzigartig melodiösen und dann wieder dissonanten Werk die Einsicht auf, dass die Kreatur auf dem langen, argen Weg der Erkenntnis die letzten Einsichten mit sich selbst ausmachen muss. Sie sind nicht teilbar, doch selbst die Stille der Einsamkeit erzeugt eine Melodie.

Die Musiker, die Micheal Brecker auf dieser Reise begleiteten, waren Pat Metheny, Jack DeJohnette, Dave Holland, Joey Calderazzo, McCOY Tyner und Don Alias. Die Agglomeration von Können, Perfektion, Intuition, Empathie und Kreativität muss nicht unbedingt zu etwas Einzigartigem führen. Micheal Brecker jedoch hat es mit seinem genialen Duktus vermocht, dieses hochkarätige Ensemble in seine Erzählung einzubinden. Tales from the Hudson ist eines der großartigsten Alben des Jazz im 20. Jahrhundert.

Große Magie aus dem Bauch

John Coltrane. Olé Coltrane

Der große Erfolg für die Dimensionen des Genres war längst da. Nach den Bahn brechenden Aufnahmen mit Miles Davis war John Coltrane in kurzer Zeit zum Superstar des Jazz avanciert. Niemand zog mehr Publikum an, niemand genoss derartigen Kultstatus. Wegen John Coltrane erlebten die Musikschulen dieser Welt einen Ansturm von Saxophonschülern und sprengten damit alle Konzepte. Es sprach für den Virtuosen, dass ihn dieses Renommee nicht von seiner eigenwilligen Art, durch die Akkordfolgen zu jagen, abbrachte. John Coltrane erwachte erst aus dem Innovations- und Geschwindigkeitsrausch, als das relative Massenpublikum seinen extrem ausgedehnten Soloexkursen nicht mehr folgen konnte und wollte. Wie aus einem Traum gerissen, rieb er sich die Augen und nahm die Kritik ernst.

So kam es, dass John Coltrane, was anderes wäre undenkbar gewesen, mit den damals als creme de la creme geltenden Jazzmusikern am 25. Mai des Jahres 1961 in New York City ein Studio betrat um etwas einzuspielen, das Eingängigkeit und Exzentrik vereinte. Dabei wurde er begleitet von niemandem weniger als Eric Dolphy (flute & alto sax), Freddie Hubbard (trumpet), McCoy Tyner (piano), Reggie Workman (bass), Art Davis (bass) und Elvin Jones (drums). Mit dieser Band spielte Coltrane vier Titel ein.

Den Titel des Albums, Olé, gibt das erste Stück, bei dem eine vor allem von McCoy Tyner mit einer reduzierten Akkordfolge einen iberischen Rhythmus vorgibt, der Strenge und Temperament verbindet und durchaus an kompositorische Stilvorgaben Ravels erinnert, weil das Repetitive eine zentrale Rolle spielt. Dem Ensemble gelingt es, den Rhythmus über die gesamte Länge genau an der Grenze zwischen Ausbruch und Implosion zu halten. Sowohl Coltrane, der seine Exkurse mit dem Sopransaxophon bestreitet als auch Eric Dolphy und Freddie Hubbard bieten bei aller improvisatorischen Freiheit einen nachvollziehbaren Diskurs, der alles andere als ermüdend ist. Im Gegenteil, zusammen mit dem Rhythmus entsteht eine Magie, die ihres gleichen sucht. Die Rezeption des Albums in der ganzen Welt und in unterschiedlichen Kulturkreisen mögen nicht nur belegen, dass ein John Coltrane das Entree des Jazz zur Weltmusik beschaffte, sondern die ersten Stücke auch zu dem Gelungensten gehören, was je geleistet wurde.

Handelt es sich bei Olé sicherlich um das herausragendste Stück, das weltweit für schweißnasse Rücken sorgte, so sind Dahomey Dance, Aisha und To Her Ladyship allesamt Referenzstücke für den Coltrane, dem es gelang, sich trotz seiner nahezu kosmischen Improvisationsreisen wieder auf eine Verbindlichkeit festzulegen, die es andren erlaubte, noch mit ihm zu kommunizieren. Olé Coltrane ist eines der besten und wirkungsstärksten Alben der Jazzgeschichte. Und sitzt du in irgend einer Bar in den Tropen, von der Hitze niedergedrückt und fängst irgendwann an, dich rhythmisch zu bewegen, dann läuft bestimmt Olé!