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Herbie, the Big Boss of the Black Market

Zu Ende des Krieges nahmen sie die Stadt. Die Bevölkerung empfing sie als Befreier. Schon oben aus der Luft hatten sie sich entschieden, nach Heidelberg sollten die Headquarters, das blieb verschont, Mannheim mit seinen Industrieanlagen musste daran glauben. Trotzdem waren die meisten froh, als ihre Panzer durch die Straßen rollten. Mit vierzigtausend Mann schlugen sie ihre Quartiere auf. Und sie blieben Jahrzehnte. Mit ihnen kamen nicht nur Konsumgüter und Aufbauhilfen, sondern auch der Blues und der Jazz. Eine Stadt, die schon immer eine Identitäten in der Musik gefunden hatte, konnte da nicht ruhig bleiben. Clubs entstanden und es wurde heiß in den Quadraten. Da die unteren Dienstgrade mehrheitlich mit Schwarzen belegt waren, kamen die Rhythmen aus Louisiana, Alabama und Tennessee schnell in die Quadrate. Rotlichtbezirke entstanden, die bald jegliche Proportionen der Stadt außer Kraft setzten.

Die Zahlkraft der GIs war immens und es krachte aus allen Fugen. Viele junge Deutsche, die aus dem Kapitel der vergangenen Geschichte entfliehen wollten, wurden von dem Lebensgefühl angesteckt und es dauerte nicht lange, bis einige respektable lokale Musikerinnen und Musiker zusammen mit den amerikanischen Bands auf den Bühnen standen und das Publikum entflammten. Und dann kamen die Großen. Louis Armstrong gastierte in der Stadt, er brachte es sogar auf eine Suite im ersten Hotel am Platz, später folgten Miles Davis und jüngere Jazzer.

Die Coleman Barracks waren legendär, dort, im Mannheimer Norden, residierte der Süden der USA. Steigt man heute noch in ein Taxi, in dem ein älterer Fahrer sitzt und schreit beim Einsteigen, Hey Man, bring me to the chicken house, dann lacht er und schwärmt von den alten Zeiten, die leider vorbei sind. Der Prozess ging über Jahrzehnte. Als Deutschland das vollzog, was so gerne das Wirtschaftswunder genannt wird, drehten sich die Verhältnisse. Die Deutschen hatten plötzlich das Geld in der Tasche und die GIs waren klamm bei Kasse. Vorbei die Zeiten, in denen sie mit Straßenkreuzern durch die engen Gassen geschlichen waren und faszinierte Blicke auf sich gezogen hatten. Nun fuhren sie in Kleinwagen herum und verschwanden immer mehr aus dem öffentlichen Bild.

In diesen Jahren suchten die GIs ihre Einkommen ein bisschen aufzubessern, indem sie vor allem Bourbon und Zigaretten aus den PX-Läden unter der Zivilbevölkerung zu verhökern suchten. Dafür brauchten sie Kontaktmänner, die sie zumeist in den vielen kleinen deutschen Bands fanden. Herbie war so einer, er spielte in einer Rock ´n´ Roll Band und kannte eine Menge Leute. So konnte es passieren, dass man am Wochenende auf einer Privatfete saß und es irgendwann gegen Mitternacht an der Tür klingelte und Herbie die Wohnung betrat, eskortiert von zwei mächtigen GIs. Herbie zu verstehen war nicht so einfach, er kam aus einem kleinen Ort in der Pfalz mit einem unaussprechlichen Namen und kauderweschlte ein Englisch, das nahezu nicht dechiffrierbar war.

Natürlich wussten wir, wenn Herbie mit diesen gewaltigen Gestalten auftauchte, was Sache war. Wir boten den Herrschaften dann Bier oder Wein an und es dauerte nicht lange, bis die Herren dann selber die Verhandlungen führten, die eigentlich keine waren. Eine halbe Gallone Jim Beam ging für 25 Mark über den Tisch, eine Stange Zigaretten kostete 15 Mark. Hatten alle ihre Wünsche geäußert, dann ging einer der beiden Adjutanten unten zum Wagen und brachte die Ware. War der Deal gelaufen, schüttelten wir uns alle die Hände und Herbie war dann an der Reihe, das Ritual zu beenden, Hey Guys, who is the big boss of the black market? Worauf hin seine Begleiter dann skandierten You, Herbie, it´s You und dabei so tief und amüsiert lachten, dass nichts blieb als gute Stimmung. Soviel ich weiß, lebt Herbie wieder in der Pfalz und die sympathischen Jungs haben hoffentlich einen netten Club in Baton Rouge oder Memphis.

Erschöpft und lakonisch

Jack Bruce & His Big Blues Band Live 2012

Zwei Jahre Cream brachten Weltruhm. White Room, Sunshine of Your Love, Spoonful. Welthits. In der Bilanz stehen bis heute 35 Millionen verkaufte Tonträger. Bevor sich der große Erfolg mit dieser zur Legende erhobenen Band einstellte, hatte es eine andere Entwicklung gegeben. Ganz jung zuerst Cello, viel später der Bass. Aus dieser Sozialisation stammt der Satz, den er nie revidierte, Johann Sebastian Bach habe die besten Basslinien geschrieben. Das behaupteten noch andere Bassleute, sie können es beurteilen. Der Schotte mit dem harten Akzent spielte zuvor, als er London erkundete, in den Bands von Alexis Korner und John Mayall, das waren die Kaderschmieden des folgenden weißen Blues und des Rocks. Was er lernte und sich herausarbeitete war die Entwicklung des Bass zu einem gestaltenden Element in dem Genre. John Entwistle von den Who interpretierte seine Rolle so und John Symon Asher „Jack“ Bruce.

Die großen Erfolge erlebte Jack Bruce zusammen mit Ginger Baker und Eric Clapton. Die Band rockte die Welt für zwei kurze Jahre, dann gingen die drei Alpha Dogs wieder ihre eigenen Wege. Ginger Baker, den Freak, trieb es nach Afrika, Eric Clapton blieb da, wo das Geld verdient wurde und Jack Bruce wurde politischer. Seine Texte nahmen ernst zu nehmende lyrische Formen an, und mit seinem Bassspiel versuchte er immer wieder Elemente des Jazz in die Halle des Populären zu locken. Was ihm mal gelang und mal scheiterte. Dennoch sind die Jahrzehnte, die ihm bis zu seinem Tod blieben, eine wunderbare Illustration seines musikalischen Lebenskonzeptes, bei dessen Rückblick die Cream-Geschichte nahezu als Unfall erscheint.

Um einen Musiker, der soeben verstorben ist, zu würdigen, können entweder die großen Erfolge aufgezählt oder die eigenen Lieblingsstücke präsentiert werden. Oder etwas, das die Werkstätte des Lebens offenbart. Im Jahr 2012 trat Jack Bruce & His Big Blues Band auf. Da war er 69 und gezeichnet. Dennoch ist der Auftritt bemerkenswert, weil er die Titel, die die großen Erfolge markierten, genauso gespielt werden wie die vielen anderen Werke, die in den späteren Jahren entstanden. Zudem hat er in der Big Blues Band, die seinen Namen trug, das realisiert, was er immer im Auge hatte: Der Bläsersatz baut die Brücke zur Avance an den Jazz. Spoonful mit einem Posaunensolo, da wird deutlich, dass schon die Konzeption des Stückes derartige Passagen im Ohr hatte, vor über vierzig Jahren, nur war die Zeit in den westlichen Mittelstandsclubs für so etwas noch nicht reif. Theme from an Imaginary Western ist so eine andere Geschichte, da kommt der Poet zum Vorschein, der die Reise beschreibt, nicht die geographische, sondern die existenzielle, die sich erzählen lässt als eine Reise durch die Natur wie der Erkenntnis, mit allen wunderbaren Erscheinungen, die selbst den vermeintlichen Weg zeichnen. Oder Deserted Cities, wieder völlig anders. Da inszeniert der Musiker das Onomatopoetische der Metropole und der Texter plaudert mal so eben das Wesen der Big Cities aus: Konzentration, Konfrontation und Diversität, das ist schon nahezu genial. Dass so etwas abseits des Mainstreams goutiert wurde, liegt in der Natur der Sache. Und, nahezu zum Abschluss, White Room, die Referenz an die Entfremdung des Individuums in den Zeiten seiner Inthronisierung, musikalisch präsentiert, wie es sich gehört, etwas erschöpft und lakonisch. Der Blick auf die Welt durch einen scharfen, an ihr ermüdenden Geist.

Das Ritual aus New Orleans

The Dirty Dozen Brass Band. Funeral For A Friend

Heute, in Zeiten, wo der Tod und der Umgang mit ihm zu den ausgeprägtesten Tabus gehört, empfiehlt es sich, die Rituale, die sich anlässlich seines Eintretens herausgebildet und funktioniert haben, etwas genauer anzusehen. Viele können sich noch an Zeiten erinnern, als auch noch hierzulande der Tod eines Menschen dazu geführt hat, dass das traurige Ereignis gemeinsam begangen wurde und die Beerdigung oder Beisetzung nach einem Reglement vonstatten ging, das alle noch einmal zusammenschweißte und den Beteiligten das Ereignis des Schmerzes gemeinsam erleben ließ und auch noch eine Perspektive des Danachs vermittelte. Vieles ist dahin, aber die Erzählungen von einer „schönen Leich“, einem „phänomenalen Abgang“ oder „unvergesslichen Leichenschmaus“ flackert doch noch hier und da auf.

Die Dirty Dozen Brass Band aus New Orleans wurde 1977 von dem Trompeter Leroy Jones gegründet. Die Gründung fiel in eine Zeit, als die traditionellen Marching Bands zunehmend weniger gebucht wurden, weil der Zeitgeist eine andere Sprache sprach und weil sie wohl auch zu teuer wurden. Ein Motiv, die Band ins Leben zu rufen war der Wunsch, Jugendlichen, die in Armut aufwuchsen, eine Möglichkeit zu geben, sich mit der Musik zu entwickeln und sozialen Halt zu bekommen. Und natürlich fühlten sich die Akteure dazu verpflichtet, die großartige Tradition der Marching Bands in New Orleans weiter leben zu lassen. Der Erfolg des Konzeptes bestand allerdings darin, sich nicht nur auf das traditionelle Repertoire zu konzentrieren, sondern auch anspruchsvolle Weisen des modernen Jazz mit in den Fokus zu nehmen. Charlie Parkers Moose The Mooche war so ein Titel, der die Dirty Dozen Brass Band in die Schlagzeilen brachte und dokumentierte, welchen Gewinn auch derartige Titel dadurch erfuhren, dass sie für die Straße spielbar wurden. Natürlich unter der Voraussetzung, dass gute Musiker sich dessen annahmen.

Nach großen Erfolgen dieses Konzeptes, denen Tourneen in vielen Teilen der Welt folgten, ergriffen die Mitglieder der Band im Jahr 2004 die Gelegenheit, mit der Band exklusiv auf die Traditionen ihre Heimatstadt hinzuweisen. Mit dem Album Funeral For A Friend spielten sie Weisen ein, die in jedem baptistischen Standardwerk zu finden waren, die einzelnen Titel, die für sich immer wieder einmal von großen Interpreten des schwarzen Jazz aufgegriffen worden waren, aber in diesem Ensemble dem Ritual einer klassischen Beerdigung in New Orleans entsprachen, erhielten nun einen Sinnzusammenhang. Was dabei herauskam, war so gut und kondensiert, dass es sinnvoll wäre, diese Aufnahme in das Inventar des Weltkulturerbes aufzunehmen.

Funeral For A Friend dokumentiert den Ablauf eines Begräbnisses, das mit dem Akt der Trauer beginnt, den Abschied der sterblichen Überreste begleitet und den Weg zur Feier beschreibt, der sich erhebt über den Schmerz und die Aufforderung zu einem lustvollen Weiterleben intoniert. Die Zeremonie beginnt mit Just A Closer Walk, I Shall Not Be Moved und Please Let Me Stay A Little Longer, setzt sich fort mit What A Friend We Have In Jesus und Jesus On The Main Line, geht weiter mit I´ll Fly Away und endet schließlich mit Down By The Riverside und Amazing Graze.

Die Interpretation der einzelnen Stücke zeugt nicht nur von einer tiefen Empfindung für das Ritual selbst, sondern sie dokumentiert, dass wir es hier zu tun haben mit erstklassigen Jazzmusikern, die sehr virtuos ihre jeweiligen Instrumente beherrschen und sehr viel mehr liefern als die Abfolge verschiedener Stücke eines Rituals. Ihnen gelingt es, die Geschichte des Jazz noch einmal ganz anders aufzuschlüsseln, nämlich als Genre hoher spiritueller Substanz.