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Von Wölfen und Schafen

Man sagt nicht zu Unrecht den Javanern nach, dass sie die Meister des Lesens von Zeichen, Symbolen und Gesten sind. Es versteht sich von selbst, dass sie ihrerseits diese Sprache beherrschen wie kaum jemand sonst. In meiner Zeit dort kam ich zuweilen aus Besprechungen, deren Verlauf wie Ergebnis ich kaum verstanden hatte. Da waren Gesten und Anspielungen, die nur von denen erfasst werden konnten, die das ganze Konvolut der nonverbalen Kommunikation beherrschten. Es erforderte einen jahrelangen Lernprozess, um in die Nähe dessen zu kommen, was man Verständnis nennt. 

Und nicht selten muss ich an diese Zeiten denken, wenn ich unsere hiesigen Formen der Kommunikation betrachte. Da ist wenig von der sublimen Codierung, die vor allem verhindert, dass Menschen brüskiert oder bloß gestellt werden. Sie bewerkstelligt, dass alle, die den Code beherrschen, wissen, worum es geht, dass aber niemand sein Gesicht verliert. Manchmal glaube ich sogar, dass letzteres hier und in unseren Tagen das exklusive Ziel dessen ist, was den hochtrabenden Namen der Kommunikation trägt. Aber letztendlich nichts anderes als eine ungezogene Form der Beleidigung darstellt.

Und vieles von dem, was sich hier ereignet, würde von den bewunderten wie zitierten Javanern anders gelesen und verstanden, als es den hiesigen Kommunikanten bewusst wäre. Gestern noch musste ich daran denken, was wohl im Lande der Gesten und Symbolik an Entschlüsselung parat wäre, wenn man sähe, dass sich das höchste politische Gremium des Landes mit der Frage beschäftigte, wie und wann es erlaubt sei, Wölfe zu schießen, um die vielen Herden der Schafe zu schützen. Und zu beobachten, mit welcher Verbissenheit die Diskussion geführt wird. Als ginge es nicht nur um Leben und Tod von Schafen oder Wölfen, sondern um das Schicksal einer ganzen Nation. Um dann festzustellen, dass sich hinter den vermeintlichen Fronten derer, die die Schafe und derer, die die Wölfe schützen wollen, zwei gesellschaftliche Archetypen verbergen. 

Ganz genau! Die der Wölfe und die der Schafe. Derer, die etwas reißen wollen und derer, die sich bedroht fühlen und geschützt werden müssen. Und hätten sie, die Javaner, nicht recht, wenn sie es so sähen? Ist das nicht das, was sich hinter dieser hitzigen Diskussion in Wahrheit verbirgt? Ist es nicht tatsächlich ein Showdown zweier psychologischer Typen? Und wenn ja, ist es nicht der Schlüssel, um in die Diskussion ein wenig Verstand und Ratio zu bringen? 

Wie schön wäre es und wie gerne würde ich diese Frage mit meinen ehemaligen javanischen Kollegen erörtern! Was kämen dabei für tiefe Erkenntnisse heraus! Es wäre eine großartige Gesellschaftsdiagnose. Ein Befund, der uns hier so schrecklich fehlt. Das Wissen um die Erfordernisse und Ängste! Eine Vorstellung davon, wie groß das Risiko tatsächlich ist, wenn man etwas wagt. Und eine reale Bilanz dessen, was tatsächlich geschieht, wenn man sich meckernd im Pulk in die Ecke drängt und zitternd auf eine Instanz wartet, die einen von allem erlöst. 

Aber was rede ich! So, wie die Debatte verlief, kann der Eindruck entstehen, als seien  wir ein Volk von Schafen, das in allem die tödliche Gefahr lauern sieht. Und ein Land, in dem die Wölfe keine Lobby haben. In übertragenen Sinne, versteht sich. 

Von Wölfen und Schafen

Egal, wie lange du lebst…

Egal wie lange du lebst, so sagen die weisen Javaner, es ist nur ein kurzer Augenblick. Diese tiefe Reflexion setzt einiges voraus und sie ist das Ergebnis eines Weltbildes, in dem der Mensch als Individuum eine Rolle spielt, aber nicht die entscheidende. Der Maßstab dieser Art der Betrachtung ist eher kosmisch und wenn es einen Philosophen in Europa gab, der sich an diese Tragweite herangewagt hat, dann war es der viel verschmähte Friedrich Nietzsche. Er schöpfte einiges aus der Tiefe des Orients und sein Zarathustra schaffte es gar, zu einem Bestseller bei der Jugend seiner Zeit zu werden. Da zerfiel das Weltbild der obrigkeitlichen, göttlichen Ordnung, weil die Vernunft ohne Mitleid mit den etablierten Institutionen und Begriffen kein Stein auf dem anderen ließ.

In Zeiten des Zerfalls also erlaubte sich die intellektuelle Jugend des Abendlandes einen Blick in den Abgrund sowohl des Eurozentrismus als auch des aufkommenden Egozentrismus. Die Auflösung der alten Ordnung setzte für einen Augenblick die Demut als mögliche Instanz existenzieller Betrachtungen frei. Das war wohltuend und unheimlich zugleich und letztendlich hielt es keiner aus. Nietzsche selbst nicht, der floh in den Wahn, um als semantischer Kadaver noch missbraucht zu werden und die Jugend, die nach neuen Wegen suchte, landete im satten Bürgertum oder technokratischen Kommunismus. Das waren bittere Stunden für Europa, weil die letzte epistemologische Chance vor einer grausigen Zerstörungswelle nicht genutzt werden konnte.

Seitdem sind viele Jahre vergangen und, so die Historiker, einige Epochen durch das menschliche Bewusstsein gewandert. Hinterlassen haben diese Epochen aber keine Reflexion, die der historischen Chance, in der Nietzsche seine Zweifel formulierte, gleichkäme. Ein Faktor, den Nietzsche ausblendete wie einen bösen Geist, war die Schuld. Unsere Geschichtsbücher sind voll von diesem Schund, der wie billiger Fusel auf die Sinne der Vernunft wirkt, er trübt den Blick und erzeugt Übelkeit. Die Frage der Schuld ist essenziell geblieben, schlimmer noch, sie ist zu einem wesentlichen Faktor in der Betrachtung der Geschichte geworden.

Oskar Maria Graf, das bayrische Enfant terrible, das Épater-le-bourgeois der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts, machte sich bekanntlich früh auf, um das Land der Nietzsche-Fledderer zu verlassen. Über Wien und Brno trieb es ihn nach New York, von wo er nie zurückkehrte. E hatte den I. Weltkrieg und die Münchner Räterepublik hautnah erlebt und den Niedergang der Gesellschaft in den zwanziger Jahren, die angeblich so golden waren. Nach über einem Vierteljahrhundert im New Yorker Exil setzte er sich an seinen Schreibtisch in der Hillside Avenue im Norden Manhattans und schrieb seine Lehren aus dem ganzen Debakel nieder in einem Essay, der seinerseits lange warten musste, bevor er veröffentlicht wurde. Der Moralist als Wurzel der Diktatur hieß die Schrift, und allein ihr Titel lässt keine Zweifel mehr zu. Er konnte das, weil er den Zarathustra begriffen hatte.

Und nun treibt die hiesige Gesellschaft ein Impuls, der Politik nur noch auf die Moral reduziert und die nächsten desaströsen Entwicklungen ins Visier nimmt. Die Chance einer Rückbesinnung, die ausgeht von dem einzig akzeptablen Punkt, nämlich der Nichtigkeit der menschlichen Existenz im kosmischen Strom, diese Chance scheint gering zu sein im Zeitalter der pathologischen Selbstüberschätzung und der moralinsauren Weltbetrachtung. Egal, wie lange du lebst, es ist nur ein kurzer Augenblick! Matur nuwun!

Ibu Soemilah

Nach dem Sturz Soehartos war in Indonesien einiges in Bewegung geraten. Nicht zum ersten Mal in seiner jungen Geschichte musste dieses Land mit seinen 20.000 Inseln und ungefähr 200 Kulturen und Sprachen, die kaum etwas miteinander gemein hatten als eine dreihundertjährige Kolonialgeschichte, wieder ganz von vorne anfangen. Das Regime des alten Herrschers, der in den Sechziger Jahren so brutal an die Macht gekommen war und nahezu die komplette Gründungsgeneration des freien, unabhängigen Indonesiens kaltgestellt hatte, war unter einem mächtigen Slogan in die Knie gegangen. Eine breite, sich durch das ganze Volk bis hin in die Funktionseliten ziehende Opposition hatte sich unter der Parole KKN versammelt. Sie klagte Korruption, Kollusion und Nepotismus an und charakterisierte das Regime damit präzise. Als Soeharto 1998 zu einer Reise nach Kairo aufbrach, brannten in Jakarta die Straßen. An einem Tag kamen im Norden der Stadt 10.000 Menschen um. Im Chinesenviertel Glodok und am Hafen Tanjung Priok versuchte das alte Regime, den Widerstand zu brechen. Es gelang nicht. Als Soeharto aus Kairo zurückkam, war er ein geschlagener Mann.

In der Folgezeit versuchte das Volk genauso auf die Füße zu kommen wie ein wie immer auch geartetes politisches System. Kaum war der Rauch verflogen, gaben sich die Weltbank und Emissäre des IWF die Klinke in die Hand, um dem Land Geld zu versprechen und Reformen, die nach dem Muster Liberalisierung, Deregulierung und Privatisierung folgten, von der neuen Regierung zu fordern. Zumeist flogen sie mit ihren vollen Koffern zurück, was für das neue Indonesien sprach.

Aber das Land lag in vielerlei Hinsicht am Boden und der Weg in eine neue, freiere Zukunft musste erst noch gefunden werden. In vielen staatlichen Institutionen, die vom alten Korpsgeist geprägt waren, begannen mal laute, mal leise Umgestaltungsprozesse, die sehr beschwerlich waren. Zum einen trafen Generationen aufeinander, die unterschiedlicher nicht hätten sein können, zum anderen fehlte es finanziell an allem. Hier die Alten, die über drei Jahrzehnte durch die gebotene Vorsicht, die eine Diktatur mit sich bringt, geprägt waren, dort die Jungen, die global im Internet kommunizierten und ihre Demonstrationen über Cellular Phones organisiert hatten. Richtig schwierig wurde der Umgestaltungsprozess, wenn Alte die Führung der Organisation innehatten und Junge nach Führung wie Veränderung strebten.

Das SEAMEO Tropmed war, auf den ersten Blick zumindest, eine solche Organisation. Es handelte sich um ein tropenmedizinisches Institut der Universität Indonesia in Jakarta, das aber mit Schwesterinstituten in Bangkok und Manila vernetzt war. Eines Tages erreichte uns, d.h. einer  staatlichen Beratungseinheit, die eigens für die Begleitung derartiger  Umgestaltungsprozesse eingerichtet war, ein Anruf der dortigen Leiterin, Professor Ibu Soemilah, die darum bat, zu einem Konsultationsgespräch zu erscheinen. Wir sagten zu und machten uns auf den Weg.

Wir landeten in einem Hinterhof von vom Tropenklima und mangelnder Bauunterhaltung zerstörter Institutsgebäude, hinter Müllcontainern, die bestialisch stanken. Als wir das Büro der Direktorin betraten, strahlte uns eine würdige, alte Dame an, die uns in einer mit ramponiertem Mobiliar bestückten Hütte empfing, als handelte es sich um einen Palast. Wenn es eine Aura gibt, die ein Mensch auszustrahlen in der Lage ist, dann besaß sie diese Frau. Liebenswürdigkeit, Würde, Maß, Sicherheit, Gewissheit und Respekt waren die Dimensionen, die sich sofort, schon beim Öffnen der Tür, einstellten. So etwas passiert sehr selten im Leben, Ibu Soemilah vermochte dies geschehen machen.

Sehr schnell setzte sie uns ins Bild. Das Institut lag am Boden, Geld gab es nicht, dafür aber alle Freiheiten, um etwas daraus zu machen. Das Personal war vornehmlich ehrgeizig und jung und sie, die Siebzigjährige, wolle diese Jungen mit ihrer ganzen Erfahrung bei diesem Prozess unterstützen. Ibu Soemilah, die sprach und weltlich gekleidet war, wurde umrahmt von zwei jungen Frauen, die den Jilbab trugen. Es spielte keine Rolle.

Schließlich einigten wir uns auf eine längere Kooperation, die vor allem daraus bestand, dass wir dabei halfen, die vorhandenen Kompetenzen zu identifizieren, die bestehenden Leistungen zu bewerten, die qualitativen Möglichkeiten neuer Dienste zu benennen und die Notwendigkeiten, dafür Interessenten zu finden, auszuloten. Immer wieder trafen wir uns zu Workshops, in denen deutlich wurde, wie groß die Kluft war, die zwischen dem jungen Staff und der alten Direktorin herrschte. Ihr Schicksal war es wohl, dass sie mit etwas identifiziert wurde, wofür sie gar nicht stand. Wie ich von meiner indonesischen Kollegin erfuhr, gehörte Ibu Soemilah zur Gründergeneration Indonesiens. Sie selbst hatte als junge Frau auf der Insel Java mit der Waffe in der Hand gegen das niederländische Militär gekämpft und war dann zu Präsident Soekarno nach Jakarta gegangen. Ihre Generation war, es, die von dem soeben verjagten Diktator um ihre Zukunft gebracht worden war. Und jetzt, wo es um einen neuen Aufbruch ging, hatte sie mit einem Stigma zu kämpfen, für das sie nichts konnte.

In den Gesprächen, die wir mit ihr führten, spielte dieses Thema nie eine Rolle. Sie analysierte die Situation mit scharfem Verstand, gab ihr Plazet zu allem, was notwendig war und stemmte sich gegen Dinge, die nur dem Zeitgeist, nicht aber etwas wirklich Neuem entsprachen. Das handelte ihr oft auch roh formulierte Kritik ein, doch sie lächelte nachsichtig und weise. Als wir sie einmal fragten, wie es ihr mit der zeitweiligen Aggressivität ginge, antwortete sie lediglich, mit einem etwas verträumten Blick, sie sind doch jung! Und das sagte sie, als sei sie verliebt.

Bei einem mehrtägigen Workshop, der in einem Handlungsprogramm enden sollte, führen wir in den Puncak, eine Bergkette im Norden Jakartas, die hoch liegt und wo es kühler ist. Es war Regenzeit und während dieser Tage brachen noch einmal alle Widersprüche auf. Es wurde heiß diskutiert und es schien, wie der Regen, kein Ende nehmen zu wollen. Die permanenten Wolkenbrüche schlugen allen aufs Gemüt, alles war nass, die Telefone funktionierten nicht mehr, Lampen brannten durch und die Küche wurde auch immer schlechter. Als wir uns am vorletzten Abend voneinander verabschiedeten, strahlte uns Ibu Soemilah an, und entließ uns mit den Worten: enjoy the rain!

SEAMEO Tropmed wurde ein Erfolgsmodell. Heute, so erzählte mir meine Kollegin von damals, regiert dort ein junges Management und man tagt im Hilton. Ibu Soemilah ging kurz nach dem verabschiedeten Programm in den Ruhestand. Als ich ihr Adieu sagte, weil ich nach Deutschland zurück ging, wünschte ich ihr ein langes Leben und die Gnade, sich ihre große Weisheit bewahren zu können. Und wieder lächelte sie milde. Wir tranken einen letzten Tee zusammen und sprachen von der Unwahrscheinlichkeit, dass sich unsere Wege in diesem Leben noch einmal kreuzten. But, so schloss sie unser Gespräch mit der ihr eigenen Würde, You never know where the ball rolls…