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Das Luzide der Weißen Nächte

Jazz Pa Ryska. Jan Johansson

Bereits im Jahr 1968 war alles vorbei. Der erst 37jährige, junge schwedische Jazzpianist raste mit seinem Auto in einen Bus und war tot. Dabei war der Mann aus dem Hohen Norden so vielversprechend gestartet. Er studierte noch Elektrotechnik, als man ihn bat, den legendären Stan Getz auf einer Schwedentournee zu begleiten, bei Oscar Pettiford galt er schon als gesetzt. Inspiriert und ermutigt, brach Johansson sein Studium ab und machte sich in den Jazzclubs von Paris einen Namen. Er glänzte als der Stern des nordischen, skandinavischen Jazz. Dann goss er schwedische Volkslieder in das Maß eines luziden Swing. Er galt als Skandinaviens Hoffnung des Jazz und wurde diesem Namen gerecht, weil er rastlos nach Neuem suchte.

Ein Dokument nicht enden wollender Inspiration ist das Album Jazz Pa Ryska, in dem er sich – analog zu dem schwedischen Experiment – zahlreiche russische Volksweisen vornahm und in seiner eigenwilligen, hellen und leichten Weise in Jazzinterpretationen verwandelte. Dabei gelang Johansson etwas, was nicht unbedingt kleine Größen des Genres immer wieder scheitern ließ: Johansson konservierte die Melancholie der russischen Weisen, verstand es aber, ihnen auch das Lebensfrohe und Selbstironische zu entlocken. Wie sonst nur an wenigen Stellen bei Dostojewski, vermehrt bei Chechov, aber durchgängig bei Bulgakow in der Literatur, wird die Melancholie als Ausrede für Lebensbejahung und Veränderung das Spöttische, Provozierende entgegengehalten.

Beim Wolgalied wird durch die Inszenierung der Blockakkorde, die mit einem Staccato der Percussion in einem Dialog stehen, ganz einfach der Eindruck vermittelt, dass es an dem Gang der Wellen, am Fluss in eine Richtung, sprich am Lauf der Dinge nichts zu beklagen gibt. Das Kosakenlied hingegen kommt ohne das Schmissige und Militärische aus und wirkt eher verträumt, als die weltfremde Spekulation eines Orientalen. Und die Moskauer Nächte wirken weitaus großstädtischer als in allen vorherigen Interpretationen, mit seinem makellosen Swing kratzt Johansson quasi die Lebkuchenhülle der Metropole herunter und zeigt die Kälte der Millionenstadt, die trotzdem das Angebot der Verlustierung bereit stellt. Insgesamt 18 russische Volksweisen erfahren so eine Interpretation, die einfach genial ist, weil sie mit keinerlei Ideologie daherkommt und es der Autonomie des Hörenden überlässt, daraus etwas zu machen.

Jazz Pa Ryska ist ein wunderbares Album, es sprüht vor Inspiration und Vertrautem, es lässt die Seele reisen über weite Flächen, Birkenwälder und Flüsse, es lässt vortrefflich träumen von der Unendlichkeit des Sommers, der doch merklich zur Neige geht und die Endlichkeit des Daseins deutlich macht. Jan Johansson war ein großer, genialer und gefühlvoller Pianist, der das Genre des Jazz beherrschte und die Seele des Nordischen nie aufgab. Das machte ihn einzigartig. Und wer noch einmal träumen will in diesem Sommer, der sollte sich das anhören.