Jakarta, 16.05. 1998, 3.15 Uhr
Alles ist ruhig. Es ist die Zeit, in der Jakarta wie üblich sich ein kleines Stündchen nimmt, um einmal tief durchzuatmen. Dennoch tut sich etwas. Unten im Kampung werden mit Bambusstangen Signale geschlagen, dann kommt aus einer benachbarten Gegend eine Antwort, so setzt es sich fort. Vereinzelt schreit ein Hahn, als wolle er zu Verstehen geben, er hätte verstanden. Im politologischen Institut, das im Dunkeln liegt, sehe ich auf einer Etage Bildschirme flackern, die Studenten verständigen sich über Internet. Jetzt schreit ein kleiner Nachtfalke, ein mir lieb gewordener Nachbar. Jaya Karta steht vor einer großen Entscheidung. Ich wünsche dieser Stadt und ihren Menschen, daß es eine gute sein wird. Nach der Rückkehr des Autokraten gab es gestern eine taktische Ruhe. Nur noch der Autokrat selbst glaubt, es sei eine strategische gewesen. Es kann sich nur noch um Stunden oder Tage handeln, bis sein teuflisches Schattenspiel zu Ende geht. Die Studenten, wo gibt es das schon, werden das alte Regime bezwingen. Mit ihren 300.000 Soldaten kann die Armee die Aufstände nicht mehr kontrollieren. Und wie sie abgesprochen sind! Gestern, als es nach Ruhe in Jakarta aussah, schlugen sie zu, auf Sumatra, Java und Sulawesi, sprich in Medan, in Bandung, Solo, Yogyakarta, Surabaya und Ujung Pandang. Und Jenderal Wiranto weigert sich, auf die Studenten zu schießen. Für nächste Woche, den 20. Mai, ist im ganzen Land der Generalstreik angekündigt. Bis dahin, spätestens bis dahin wird nach meinem Urteil die lang ersehnte Entscheidung fallen. Der Alte versucht mit allen Mitteln, das, was die Leute hier jetzt die Kleptokratie nennen, zu retten.
Wir werden dies nicht direkt miterleben. Das Auswärtige Amt und das BMZ haben in Bonn beschlossen, uns nach Singapur auszufliegen. Wir wußten das hier schneller über die CIM aus Frankfurt als von der Deutschen Botschaft vor Ort. Sei´s drum. Renate und ich gehen ungern, wir haben das Land und die Menschen hier bereits in unser Herz geschlossen. Gero hat einen Wagen aus dem Hafen organisiert, um sich und seine 82jährige Mutter auf eigene Faust in Sicherheit zu bringen. Er wollte nach Pangandaran am Indischen Ozean, mußte aber über den Punjak-Paß und an Bandung vorbei. Er wollte anrufen, wenn er dort ankommt, was noch nicht geschehen ist. Zentraljava gilt als besonders unsicher. Ich mache mir Sorgen und hoffe, er hat ein paar Guards mitgenommen.
Wir haben uns noch um Hsini, die Chinesin und ihren Mann, einen Hamburger, gekümmert, die wir mit nach Singapur nehmen wollen. Sie saßen in ihrem noch leeren Haus in Kebayoran Baru und wußten nicht, was sie machen sollen. Wir sind guter Dinge, was unsere private Sicherheit anbetrifft wie die politische Entwicklung. Ibu Renate ist großartig. Sie steht wie ein Fels in der Brandung!
Die Bambustrommeln sind verstummt, statt dessen haben die Hähne die Hunde geweckt und diese zu schlaffem Gejaule veranlaßt. Denen ist einfach immer zu heiß. Mein kleiner Nachtfalke dreht seine letzte Runde, im Kampung wird bereits der Reis gebraten. Ich lege mich noch einmal hin, der Tag kann lang werden.
