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Ostenmauer – 80. Jakarta, 14. Mai 1998

Jakarta, 14.05. 1998

Nein, gestern habe ich mich nicht mehr gemeldet. Die Spannung war einfach zu groß. Hier im Regierungsviertel fuhren die schwarzen Hundertschaften auf, sogenannte Eliteeinheiten, die mit ihrem Aussehen und ihren amerikanischen M 8 Schnellfeuergewehren überhaupt nicht lustig anzuschauen sind. Aber das ist ja auch ihr Zweck. Meinen „Arbeitskollegen“ habe ich mit viel Glück versetzen können, da ich den Auftrag bekommen habe, ein Seminar für den Juni vorzubereiten, in dem es um Auswahlverfahren und die Verbesserung von Servicequalität gehen soll. Es wird quasi meine Jungfernveranstaltung und die Teilnehmer werden aus den Mitgliedern der interministeriellen Arbeitsgruppe mit dem Ziel der Verwaltungsreform sein. Ideen habe ich auch aufgrund meiner schon gemachten Erfahrungen mit den hiesigen Prozeduren genug, aber angesichts der notwendigen Materialerstellung ist die Zeit knapp. Dennoch bin ich sehr froh, daß es endlich losgeht.

Was in den Straßen wieder der Fall war. Die Leute sind sehr aufgebracht, immer mehr gesellen sich zu den Studenten, die Toten vom Dienstag haben den Adrenalinspiegel in die Höhe getrieben. Auf dem Weg nach Hause wurde ich Zeuge einer Auseinandersetzung in der Jalan Sudirman. Auf beiden Seiten dieser Hauptverkehrsader Jakartas standen Tausende von Studenten auf den Campi und riefen Parolen, auf dem Grünstreifen in der Mitte die Polizei, behelmt, mit Schlagstock und Bambusschild. Es war natürlich ein endloser Stau und irgendwie  völlig irreal. Die Studenten, jünger als die unsrigen, klangen wie ein mehrtausend kehliger Kinderchor, nur das Outfit der Polizei verriet den Ernst der Lage. Mein Fahrer, der leichenblaß war, als er dieses Szenario sah, erinnerte an den Jenderal Sudirman, nachdem diese Prachtstraße benannt ist. Er war wohl die legendärste Gestalt des indonesischen Unabhängigkeitskampfes. Blutjung, erst in den Zwanzigern, befehligte er die Guerrillatruppen rund um Yogyakarta, wo 1947 die Entscheidung gegen die niederländische Kolonialarmee herbeigeführt wurde. Schwer erkrankt, ließ sich Jenderal Sudirman durch den Busch tragen und ebnete so durch seine strategische Brillanz und sein aufopferungsvolles Beispiel der Gründung des indonesischen Staates den Weg. Er starb nur kurze Zeit später an den Folgen der Krankheit und Strapazen. Wenn der Jenderal Sudirman dies hier sähe, sagte mir nun der Fahrer mit bebender Stimme, er würde speien – eine Ausdrucksweise, die Javaner normalerweise meiden.

Nachdem wir das Nadelöhr passiert hatten, sah ich von unserer nahe gelegenen Terrasse aus, wie dort dunkle Benzinrauchschwaden hochstiegen, was hier im Moment meistens heißt, daß eine Tankstelle in die Luft gegangen ist.  Davon waren am frühen Abend drei zu sehen, immer dort, wo Universitäten gelegen sind. Laut Verfügung waren in unsrem Viertel ab 19.00 Uhr alle Geschäfte, normalerweise bis 22.00 geöffnet, geschlossen. Renate und ich sind noch zum benachbarten Institut für Politologie, wo alles relativ ruhig war und ein Theaterstück aufgeführt wurde, dessen Quintessenz die Aussage war, daß derjenige, der die Jugend metzelt, gleichzeitig die Zukunft des Landes meuchelt. Die Leute im Kampung sahen uns auf dem Weg zurück mit großen Augen an, als wollten sie sagen, Orang Asing, sprich Ausländer, ist man in solchen Zeiten nicht auf der Straße gewohnt. Wir fühlen uns bis jetzt ziemlich sicher, haben keinerlei Ressentiments erlebt, provozieren allerdings auch nicht durch Lebensstil oder Erscheinung. Und bei meinen Kollegen wächst der Respekt mit jedem Tag, an dem ich wie gewohnt im Kantor erscheine.

Die ausländische Gemeinde ist in er Tat verunsichert, was verständlich ist. Heute morgen erzählte mir eine Kollegin von der GTZ, sie habe gestern in der deutschen Botschaft angerufen und gefragt, ob es nicht angeraten sei, den Deutschen einen Lagebericht zukommen zu lassen. Ja, sei die Antwort gewesen, es gäbe auch schon einen, aber der müsse vom Botschafter unterschrieben werden und dieser sei nicht da. Wie sie später erfuhr, hatte er eine gnädig gewährte Audienz beim Vizepräsidenten. Davon zurückgekehrt, habe er verlauten lassen, Präsident Soeharto habe alles im Griff.

Lebte der deutsche Staat von Pferdewetten, es gäbe ihn schon gar nicht mehr, mit einer solchen Sicherheit setzt die deutsche Außenpolitik alles auf die falschen Pferde. Und noch einen Rat an die Deutschen in Jakarta: Bewaffnet Euch, bewegt Euch auf schnellstem Wege dorthin, wo die Rauchsäulen aufsteigen, schießt scharf und schreit dabei Revolutionsparolen! Glaubt mir, liebe Landsleute, Euer wertes Leben wird sicherer sein, als wartetet Ihr auf  Weitsicht und Vorsorge der hiesigen Botschaft!     17.40 Uhr: Jakarta brennt. Um 12.00 Uhr benachrichtigte mich eine völlig aufgelöste Direktorin für Auslandskontakte. Ich solle sofort nach Hause, alle gingen, die Jalan Veteran stehe in Flammen. Den Weg nach Hause fuhren wir mit 120 km durch die Stadt oder standen im Stau. Panik griff um sich, alle Geschäfte waren verbarrikadiert. Jetzt sitzen wir zu Hause auf der Terrasse und blicken auf die brennende Stadt. Immer wieder sehen wir neue Rauchsäulen, den Westen und Norden können wir nicht mehr erkennen. Immer wieder klingelt das Telefon, es sind private Kontakte, durch die wir uns gegenseitig informieren. Laut Internet hat sich die Familie des Präsidenten aus dem Land gemacht. Doch das interessiert uns momentan überhaupt nicht, obwohl es gut ins Bild paßt. Kaufhäuser stehen in Brand, chinesische Geschäfte werden samt Besitzern verbrannt. Im Westen, wo die ersten Toten am Dienstag zu beklagen waren, haben Studenten eine Blockade der Elite-Marines durchbrochen. Die Telefonleitungen ins Ausland sind unterbrochen, alle Wege zum Flughafen blockiert. Von der Deutschen Botschaft haben wir nichts gehört, das Telefon wird dort nicht abgenommen. Nun steigen Rauchwolken aus Cikini auf, dem Nachbarviertel von Menteng, dem Diplomatenviertel. Glodok, das chinesische Geschäftsviertel brennt, Tamang Abang, der Rotlichtbezirk macht seinem Namen alle Ehre. Eben beginnen die Muezzins zu rufen, was mich zum ersten Mal in die Stimmung versetzt, zu ihren Moscheen zu laufen und mit einem Knüppel deren Schrabbelmegaophone zu zerschlagen. Vielleicht wäre ein bißchen Verstand jetzt angebrachter als Allahs Größe zu preisen. Auf Anraten unserer Nachbarin haben wir einen kleinen Rucksack gepackt, in dem unsere Dokumente und etwas Geld sind – die Feuer kommen immer näher. Dennoch sind wir erstaunlich ruhig. Wie auch im benachbarten Kampung eine an sich zu große Ruhe herrscht. Zum Teil ist die Situation auch skurril. Nicht weit von hier stehen Bauarbeiter auf einem Dach und lassen Drachen steigen. Soeben hat Jenderal Wiranto, militärischer  Chef der Streitkräfte, eine Pressekonferenz gegeben, in der er zur Eintracht aufforderte und die Studenten darum bat, zusammen mit dem Militär und „den anderen Kräften der Gesellschaft“ das Land aus der Krise zu führen. Ein letztes Ultimatum oder tatsächlich guter Wille? Doch solange das Symbol des verhaßten Regimes noch seine Rückkehr aus Ägypten ankündigt, wird aus einem Einvernehmen gar nichts werden. Nach diesen wenigen Zeilen ist mit ihrer üblichen Geschwindigkeit die tropische Nacht hereingebrochen. Angeblich soll in der Jalan Sudirman noch eine Großdemonstration stattfinden. Eben hören wir, daß der Präsident sein in Kairo gemachtes Angebot, zurückzutreten, wenn das Volk ihn nicht mehr wolle, doch nicht so gemeint habe. Und Jenderal Wiranto soll 15.000 Soldaten in die Stadt beordert haben. Ich unterbreche mal wieder, wir müssen uns auf dem laufenden halten und hoffen, daß dieses gebeutelte Land einen Ausweg findet. Wir können nur beobachten und abwarten. Es ist schwarze Nacht, überall flackern die Feuer des Aufstandes und in der Ferne, im Zentrum, leuchtet ganz zart die Monas, die Flamme der Freiheit…

Jakarta, 14. Mai 1998

Manmade Tsunami in the City – Ein Gastbeitrag von Gero von Harder aus Jakarta

Manmade Tsunami in the City

Gero von Harder

Jakarta, am 25. Januar 2020 handgeschrieben

Es ist schon ein merkwuerdiger Zufall, dass ich heute ein Buch von Tiziano Terzani (A Fortune Teller Told Me) beendet habe, das seine einjaehrige Abstinenz von Flugreisen als Spiegel-Auslandskorrespondenz in Asien beschreibt. Gleichzeitig geriet ich selbst unfreiwillig in eine andere Abstinenz. 

Was war passiert? Meine Umgebung wurde nach haeufigen schweren Regenfaellen in den letzten Tagen “geflutet”, was gleichbedeutend mit Ueberschwemmung und Abschaltung der Stromversorgung ist, um Braende zu verhindern. Als erstes war ich erst einmal stinksauer, denn die Ueberschwemmung war nicht notwendig gewesen. 

Zur Erklaerung: In der naeheren Umgebung hat die Marine einen Wohnkomplex fuer ihre Angehoerigen gebaut, sicherlich nicht fuer die niedrigen Grade. Schon bei Baubeginn vor ueber 30 Jahren lag das Gebiet unter dem Meeresspiegel. (Zu dem damaligen Zeitpunkt lagen nur 10 % von Jakarta unter dem Meeresspiegel, heute sind es 40 %.) Von der Stadt wurde eine Schleuse gebaut, um das Wasser in der Regenzeit zu kontrollieren. Eigentlich sollten Fachleute der Stadt die Schleuse bedienen. Doch Marineangehoerige wollten sicherstellen, dass sie immer trockenen Fusses nach Hause kommen koennen. Also haben sie eigene Leute mit MPis bewaffnet dorthin abkommandiert und zum militaerischen Sperrgebiet erklaert, zwar illegal, aber wer etwas dagegen hat, laeuft Gefahr, sich danach mit einer Bleivergiftung herumschlagen zu muessen.

Nun fallen Marinekraefte eigentlich nicht durch Schleusenkenntnisse auf. Wenn einem hoeheren Grad jedoch einfaellt, dass sein Haeuschen demnaechst unter Wasser stehen koennte, gibt er den Befehl, die Schleusen voll zu oeffnen, damit es die Nachbarn abbekommen, natuerlich ohne Vorwarnung und morgens um 2 oder 3 Uhr. Da kommen derartige Wassermassen, dass in ein bis maximal 2 Stunden Hunderte von Haeusern 30 – 40 cm unter Wasser stehen. Hier gibt es eine recht gute Drainage, aber solche Massen in einem  so kurzem Zeitraum schafft das System nicht. Warum diese Doedel das Wasser nicht langsamer und frueher ablassen konnten, ist wohl nur einem militaerischen Dickschaedel verstaendlich. Dann haette es die Drainage geschafft, denn nach 24 Stunden ist das Wasser abgeflossen.

Die Verluste sind betraechtlich, denn die Gegend gilt als ueberschwemmungssicher. Deswegen stellt man auch wasseranfaelligere Sachen in Bodennaehe. Nicht doll, wenn man Sachen in der Wohnung herumschwimmen sieht, die vollen Buecherschraenke die 3 unteren Buchreihen unter Wasser stehen und der Kuehlschrank wohl seinen Geist aufgegeben hat. Fuer Autobesitzer steht die Freude eines abgesoffenen Wagens vor der Tuer. Motorraeder werden manchmal gerettet, indem sie in das Obergeschoss gebracht werden, wenn nicht vorhanden, dann beim zweistoeckigen Nachbarn. (Schon ueberraschend, wenn man schlaefrig aus dem Schlafzimmer kommt und vor einem fremden Motorrad steht. Mir vor ca. 15 Jahren passiert. Gott, hatte ich damals noch einen guten Schlaf!) 

Wenn man sich ueber all diese Dinge wieder abgeregt hat, was einfacher in einem zweistoeckigen Haus ist (unten nass, oben tendenziell trockener, wenn das Dach dem Regen an entscheidenden Stellen standhaelt – es hielt), beginnt die Tageswirklichkeit. Und da ist die Ueberschwemmung zwar aergerlich, aber der Stromausfall haut voll rein. Nun merkt man einmal, wie abhaengig wir inzwischen von Elektrizitaet sind. 

Hier in Jakarta gibt es dann auch kein Leitungswasser. Nach einer Toilettenspuelung ist der leichte Plastikeimer (Gott sei Dank noch nicht wieder aus Eisen)  und der Gang in den ueberschwemmten Teil der Wohnung zum Wasserholen angesagt. Unwahrscheinlich, wie sich da der Wasserverbrauch fuer Toilettenspuelungen reduziert. Duschen faellt komplett aus. Man kann auch nicht die durch die Ueberschwemmung verdreckte Waesche per Hand waschen. So etwas macht man hier noch.

Morgens ist es relativ ruhig, denn nur wenige Mullahs haben einen Genset und nicht viele haben eine so kraeftige Stimme, dass sie auch ohne Lautsprecher auskommen. Sicherlich wird es bald mehr Generatoren geben, denn durch Besitz von einem konnten drei von ihnen den Rest der Kollegen vorfuehren.

Wenn man einen Elektroherd hat, dann fallen der Morgenkaffee und das Morgenei aus, Mittagessen sowieso, Nachmittagstee ist sich nichts und Abendessen der Tagestempe- ratur entsprechend warm. Sollte man eine Tiefkuehltruhe haben, sollte der Stromausfall nicht zu lange dauern, denn nach einer Weile stinkt es, und die Nachbarn koennen die Nahrungsmittel auch nicht gebrauchen, weil sie ja auch nichts verarbeiten koennen. Uebrigens pflegen Tiefkuehltruhen nicht im oberen Stockwerk zu stehen, was Wasserschaeden sehr wahrscheinlich macht.

Stromausfaelle wegen schwerer Regenfaelle gab es  seit Neujahr schon mehrfach. (Diese Regenzeit ist extreme niederschlagsreich mit den hoechsten Tages-Niederschlaegen seit ueber 100 Jahren.) Dann fuhr man einfach in eine der fast 300 Malls von Jakarta mit ihren eigenen Generatoren, wo es Dutzende von Restaurants, Cafes und Bars drinnen und oft auch im Freien gibt. WLAN gibt es ebenso, sonst kaeme kein Kunde. Nur gab es da keine Ueberschwemmung in meiner Gegend, jetzt aber war der Verkehr total ins Wasser gefallen. Paar Kilometer Wassertreten mit vielen Schlagloechern ist keine echte Alternative.

Dann merkt man erst richtig, dass es noch ganz andere Dinge gibt, die den Lebens-rhythmus durcheinanderbringen. So gibt es kein Licht, und hier in der Naehe des Aequators ist es knapp 12 Stunden am Tag dunkel. Was macht man nun am Abend? Lesen? Bei Kerzenlicht, wenn hoffentlich noch vorraetig? Kein grosses Vergnuegen. Die alte Petromaxlampe, mit der man die Lichtstaerke per Pumpe regulierte, ist schon seit langem nicht mehr im Haus. Kann man sich ja einen gemuetlichen Abend mit dem Mitbewohner machen (PartnerIn, Untermieter, Freund, was immer, wenn ueberhaupt vorhanden). Anderes? Wer hat noch Spiele Zuhause oder ein nicht-elektrisches Musik-instrument?

Aber was wir reichlich haben, dass ist elektronische Kommunikation, von der man nun ohne Strom ausgeschlossen ist. Ich lasse hier einmal TV und Radio beiseite, die auch wegfallen. Handy, Tablet, Laptop laufen noch so lange wie die Batterien halten, Wiederaufladen derzeit nicht moeglich. Wenn man am Kabel haengt, hilft auch kein Laptop mehr. (Gibt natuerlich noch andere Wege, die dann alle anderen auch nutzen wollen, was zur Ueberlastung der Sendewege und damit auch zum Absturz fuehrt.)

Von Nachrichten und Informationen ist man abgeschnitten. Eine Nachrichtenstille moechte ein jeder wohl gern ab und an haben, hat er bloss nie, weil er sie eigentlich gar nicht moechte. Bei Stromausfall ist Nachrichtenentzug von aussen verordnet. Das stoert uns doch nicht! Wir sind natuerlich stark und von nichts abhaengig! Deswegen stehen wir darueber! Nur das Wahlergebnis von Hamburg haette ich doch ganz gern gewusst.

Schon interessant, einmal fuer etwas laenger (wir reden ueber ein bis zwei Tage)  ohne Strom zu sein. Es laesst Zusammenhaenge, Abhaengigkeiten, Selbstverstaendlichkeiten in einem anderen Licht erscheinen. Danke fuer diese Erfahrung. Ich brauche sie nicht weiter zu vertiefen. Schliesslich habe ich erst vor drei Tagen meinen PC fuer einige Piepen reparieren lassen. Ach ja, irgendwann werde ich mich auch auf die Suche nach einem Ersatz fuer den Kuehlschrank machen, der ueber das Wasser so toedlich beleidigt war. Das hat aber Zeit.

Matthias M. und der Blick von außen

Um Zustände beschreiben zu können, ist es gut, so viele Perspektiven wie möglich zu erhalten. Diejenigen, die in ihrem eigenen Land leben, sind immer behaftet mit dem, was so treffend als Stallgeruch bezeichnet werden kann. Alles, was geschieht, hat eine bestimmte Aura, in der manches erlaubt und vieles verboten ist. Ich erinnere mich an einen Briten, der mir beschrieb, immer, wenn er nach Deutschland komme und das Radio anschalte, bekäme er so eigenartige Begriffe wie Dosenpfand, Atomausstieg oder Nachhaltigkeit zu hören, die er erst nachschlagen müsse. Und diese Begriffe seien es, über die auf dem politischen Feld hitzig diskutiert werde, aber nicht um Politik selbst. Damit meinte er strategische Linien, die in Richtung und Haltung beschrieben werden können.

Die Deutschen, die im Ausland leben, sind zum Beispiel eine sehr wichtige Gruppe, die nur selten zu Wort kommt und die im Inland leider immer wieder auf das Bild ewig gestriger Traditionalisten, die gerne in der Wüste von Nevada das Oktoberfest oder in Indonesiens Tropen das Weihnachtsfest feiern, ansonsten aber nichts zu sagen haben. Das ist falsch und wie so vieles, was in diesem Land an Bildern produziert wird, qualitativ schlecht und als Information irreführend. Wichtig und richtig ist hingegen, dass unter den Auslandsdeutschen sowohl Konservative wie Rebellische anzutreffen sind. Beiden Lagern gemeinsam ist, und das ist das Bereichernde, sie haben eine Erfahrung, über die diejenigen, die das Land nie verlassen haben, um woanders zu leben und zu arbeiten, nicht verfügen.

Wer in der Fremde lebt, der muss zunächst die Bedingungen des neuen Landes kennenlernen und sich in ihnen bewegen lernen. Wenn es sich gar um einen fremden Kulturkreis handelt, kann das Jahre dauern. Die Deutschen, die dass hinter sich haben, haben eine hohe Kompetenz in dem, was so gerne und so oft als interkulturelle Kommunikation bezeichnet wird. Der Unterschied ist der, dass sie am eigenen Leibe erfahren haben, was das heißt. Und aufgrund einer zweiten, großen und wichtigen Erfahrung sollten wir ihr Urteil einholen und schätzen. Weil sie vergleichen können mit dem, was sie in dem neuen Land erlebt haben, sind sie mit der eigenen alten Heimat strenger. Denn vieles, was innerhalb Deutschland die Gemüter erhitzt, ist unter bBetrachtung anderer Lebensumstände nichtig oder trivial.

Kürzlich kreuzten sich, im medialen Sinne, meine Wege mit Matthias M.. Ich kannte ihn aus Jakarta und sah in Facebook, dass er sich mehrere Wochen in Deutschland aufhielt und viele Städte besuchte. Fest lebt Matthias M. Seit 1986 ohne Unterbrechung in Jakarta. Ich kontaktierte ihn und fragte, ob er nach den vielen Jahren nach Deutschland zurückkehren wolle. Die Antwort überraschte mich nicht, sie ist als Perspektive vielleicht auch nicht repräsentativ, aber sie erweitert auf jeden Fall den Horizont.

Matthias schrieb, Er käme nicht auf die Idee, nach Deutschland zurückzukehren. Obwohl die Luft sauber sei, hätte er kaum atmen können. Das Land sei bis ins Letzte reguliert und amerikanophil bis zur Unerträglichkeit. Von Freiheit sei nirgendwo die Rede und von Sicherheit überall. Und die Art, wie an Feindbildern gearbeitet werde, sei erschreckend. Er habe es erst nicht wahrhaben wollen, aber er befürchte, hier in Europa strebe alles auf einen furchtbaren Krieg zu. Er freue sich, wieder nach Jakarta zurückkehren zu können.

Die Antwort, die ihm sicherlich viele Hiergebliebene geben würden, wäre, er hätte keinen Sinn mehr für die hiesigen Verhältnisse. Darin hätten Sie Recht: Wer in Jakarta über Jahrzehnte lebt, der kennt weit mehr Probleme dieser Welt, als die meisten in der hiesigen gemäßigten Zone ahnen.