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Zur Erinnerung: Die Gasfelder von Katar

Die politische Attacke auf den kleinen Staat Katar kommt nur scheinbar unvorbereitet. Eine Allianz, angeführt von Saudi Arabien, über Bahrein, den im Bürgerkrieg befindlichen Jemen, das als Staat kaum noch existierende Libyen bis hin zu Ägypten haben über Nacht die diplomatischen Beziehungen zu Katar abgebrochen und das Land auch physisch durch die Unterbrechung aller Routen isoliert. Als Begründung diente der Vorwurf, Katar unterstütze islamische Terroristen und die öffentlich freundlich angeschlagenen Töne gegenüber dem Iran. Obwohl Katar letzteres als Fake News und das Werk von Hackern bezeichnete, blieb es dabei. Katar hat das Messer am Hals.

Zur Erinnerung: Sowohl Al Qaida als auch der IS haben ihre Wiegen in Saudi Arabien. Letzteres steht momentan für die bürgerkriegsähnlichen Zustände im Jemen und hat auch schon in Bahrein an militärischen Streifzügen gegen die Zivilbevölkerung teilgenommen. Und nur zur Erinnerung: Erst kürzlich war eine sehr rege Reisediplomatie in Richtung Saudi Arabien zu vernehmen. Auch bundesdeutsche Amtsträger gaben sich dort die Klinke in die Hand bis Donald Trump erschien, der mit den Saudis Rüstungslieferungen in Höhe von 110 Milliarden Dollar vereinbarte.

Zur Erinnerung: Ursache des Syrienkrieges ist der Streit über den Verlauf einer Pipeline, die Flüssiggas aus Katar über Syrien auf den europäischen Markt bringen soll. Assad sagte Nein zu einer Pipeline unter saudischer und amerikanischer Flagge, deshalb war er schnell als der Verletzer von Menschenrechten verortet. Und Assad konnte sich eine iranische Pipeline durch Syrien wiederum vorstellen, was ihn in den Augen der westlichen Presse nahezu in die Nähe Hitlers brachte.

Und zur Erinnerung: Die Gasfelder unterhalb Katars gehören zu den größten der Welt. Zugriff darauf haben momentan Katar selbst und der Iran. Da der Traum von einer Vermarktung des Gases durch Saudi Arabien und die USA wegen des Syrienkrieges als nicht wahrscheinlich gilt, befindet sich der Iran in einem taktischen Vorteil. Insofern ist es folgerichtig, dass ein anderer Weg gesucht wird, um selbst wieder in eine Vorteilssituation zu kommen und die taktische Gunst für den Iran zunichte zu machen.

Da kommt doch der Verdacht, von Katar aus sei der internationale Terrorismus entscheidend gesteuert worden, wie die späte Fata Morgana eines Alkoholikers daher. Zur Erinnerung: Es war Katar, das sich im arabischen Frühling in den in der muslimischen Welt anerkannten und beliebten Sender Al Jazeera eingekauft hat, um die Enthüllungen über die im Namen das Islam agierenden Despoten vor einem großen Publikum zu verbreiten. Der Vorwurf der Unterstützung des islamistischen Terrorismus vor diesem Hintergrund ist grotesk.

Es stellt sich die Frage, inwieweit die Besuche von Mitgliedern der Bundesregierung und der des amtierenden Präsidenten der USA, Donald Trump, in Zusammenhang mit den Vorbereitungen des Schlages gegen Katar standen. Und spekuliert werden muss nicht. Klar ist, wie die Interessenlage aussieht. Saudi Arabien und der Iran kämpfen um die Vormacht in der Region. Saudi Arabien versucht, die Karte, wie im Falle Syriens, sowohl militärisch als auch ressourcenpolitisch zu spielen. Deutlich ist, dass sowohl die USA als auch die Bundesrepublik hinter Saudi Arabien stehen. Klar ist auch, dass eine kriegerische Eskalation durchaus möglich, wenn nicht sogar erwünscht ist. Zur Erinnerung: Solange es Imperialismus gibt, gibt es Krieg. Zur Erinnerung: im digitalen Zeitalter ist der kritische Geist rarer als im Mittelalter.

Wie im Dreißigjährigen Krieg

Nach seinem bereits 2014 erschienen Buch Wer den Wind sät, in dem Michael Lüders die historische Kontinuität einer verfehlten Politik des Westens im Nahen Osten eindrucksvoll dokumentiert und kommentiert hat, legt er nun folgerichtig, inhaltlich wie im Titel, die Fortsetzung vor. Unter dem Titel Die den Sturm ernten. Wie der Westen Syrien ins Chaos stürzte beschreibt der Autor die verfehlte, durch keinerlei Lernprozesse getrübte Wiederholung der immer gleichen Fehler des Westens. Es geht dabei um die irrige Annahme, die Gesellschaften des Nahen Ostens hätten genug kritische Masse, die hierzulande als Zivilgesellschaft bezeichnet wird, dort aber eben nicht vorhanden ist. Insofern ermangeln es die zum Teil synthetischen Nationen wie der Irak und Syrien einer bürgerlichen, der Demokratie affinen Mitte, die den diktatorischen Machthabern gefährlich werden könnten.

Da es, entgegen der wiederholten Beteuerungen, gar keine zivilgesellschaftliche liberale Opposition in Syrien gibt, stürzen sich die USA und das gesamte Magnetfeld ihres Imperiums in immer die gleichen, desaströsen Allianzen. Da sind Dschihadisten, da ist der IS und da ist die Nusra-Front. Immer handelt es sich um sunnitische Terrorformationen, die aus dem ausblutenden Irak entstanden sind und von Saudi Arabien finanziell unterstützt werden. Die Furcht der Saudis vor einem starken Iran basiert auf der rückständigsten und archaischsten Islam-Version weltweit. Dem Wahhabismus, hinter dem sich die sinkende Weltmacht USA und ihr Gef0lge auf den Weg macht, die westlichen Werte mit Bomben und Drohnen in diesen Teil der Welt zu bringen.

Was sich anhört wie eine übertriebene Polemik ist in dem Buch gut unterfüttert mit Fakten und immer wieder durch historische Analogien plausibilisiert. Die gleiche Version, die auch gegen Saddam Hussein angewandt worden ist, wurde gegen Assad bemüht. Auch ihm wurde, nachdem er die folgenschwere Entscheidung getroffen hat, keine amerikanisch-saudische Pipeline über syrisches Terrain zu erlauben, der Besitz und der Einsatz von chemischen Waffen angelastet. Nicht, so Lüders ausdrücklich, dass Assad so etwas nicht zuzutrauen wäre. Aber ohne und gegen Beweise wurden diese Erzählungen in der westlichen Welt disseminiert, um eine demokratisch gesinnte Öffentlichkeit gegen einen Tyrannen mit Vergleichen zu Hitler aufzubringen, ohne die Wahrheit zu transportieren, mit welchen Fakten sich eine kulturell und ethnisch plurale Region, deren Grenzen von den ehemaligen Kolonialmächten Frankreich und Großbritannien mit dem Lineal gezogen wurden, auseinanderzusetzen haben.

Die ganze Region ist weit entfernt davon, um mit westlichen Demokratien verglichen werden zu können. Und jeder Versuch, einen Regime Change durchzuführen, hat eine weitere, kriegerische Chaotisierung zur Folge. Lüders vergleicht die Situation ausdrücklich und mehrfach mit dem Dreißigjährigen Krieg in Zentraleuropa, der erst zum Frieden gelangte, als alle beteiligten Parteien völlig ausgezehrt waren.

Und, letztendlich bringt das Buch Licht in die Irrfahrt des türkischen Despoten Erdogan, der es vermocht hat, sein Land, an dessen Aufschwung er selbst maßgeblich beteiligt war, innerhalb von fünf Jahren in einen turbulenten Abwärtsstrudel zu manövrieren.

Die den Sturm ernten ist ein wichtiges und notwendiges Buch, weil es Fakten liefert und Einblicke gewährt, die leider sonst kaum zu erlangen sind, weil in der westlichen Politik ein Narrativ vorherrscht, das mehr auf Wunschdenken denn auf Fakten basiert. Die Tristesse, mit der der Westen in diesem Teil der Erde agiert, raubt einem allerdings den Atem.

 

Höllenfahrten für die gute Tat

Es scheint, als lasse die Regierung das Volk für jede gute Tat, die es sich selbst leistet, mit einem weiteren Besuch in der Hölle bezahlen. Ob es nun Dilettantismus der Regierenden oder ihr Zynismus ist, für diejenigen, die in das Desaster getrieben werden, ist es gleich. Da kommen Menschen aus dem Nahen Osten, vor allem aus Syrien, auf der Flucht, verzweifelt aufgrund eines Krieges, der schon lange kein Bürgerkrieg mehr ist, sondern ein internationaler Dauerkrieg in der Weltregion, in der Öl fließt und in der es um den Transport des Öls geht, an dem Syrien, der Iran, der Irak, die USA, Saudi Arabien, der Libanon und Russland beteiligt sind, in dem es vordergründig um Schiiten und Sunniten, um Alawiten, Aleviten und Christen geht, im Grunde aber immer wieder um Macht und Geld, da kommen Menschen aus dieser Region in das noch friedliche Europa und suchen nach Frieden.

Und da sind Menschen in Europa, die haben Verständnis für diese Geplagten und Gepeinigten, die nicht immer alleine kommen, sondern unter die sich auch solche begeben, die nicht nur Gutes im Sinne haben, aber diese Menschen haben ein gutes Herz und laden sie ein, im friedlichen Europa ein neues Leben zu beginnen. Die Hoffnung wäre, hier nicht gleich eine neue Industrie aufbauen zu müssen, die diesen Menschen hülfe, weil dann die Maschinerie irgendwann wieder wichtiger wäre als die Menschen selbst, um die es geht. Aber, in diesen Tagen geht alles sehr schnell, schon wird gerade im Aufbau einer solchen Maschinerie ein Konjunkturprogramm gesehen, was dafür spricht, dass die direkte, soziale Solidarität schon in der Defensive zugunsten der Apparatschiks ist.

Und während man sich hier noch die Augen reibt ob der Freude und Hilfsbereitschaft, und während deutlich wird, dass die zu erwartende Immigration andere Ausmaße annehmen wird, als die zunächst erwarteten, da beginnen die Analysten des politischen Berlins, mit ihrem kurz geschnittenen Monokausalismus bereits die Syrienkrise zu deuten und kommen in einer Nano-Sekunde zu dem Schluss, dass Russland maßgeblich die Verantwortung dafür trage, dass Syriens Präsident Assad, der gegen die eigene Bevölkerung bombt, noch im Amte ist. So falsch ist das nicht, nur sollte deutlich sein, dass alles andere auch nicht besser wäre.

Russland stützt Assad, um seinen einzigen Zugang zum Mittelmeer zu sichern. Der Iran stützt Assad aus den gleichen Gründen. Saudi Arabien stützt die Sunniten in der Region, auch den IS, um diesen Zustand zu beenden und die sunnitischen Vorherrschaft zu sichern. Die USA und im Schlepptau die EU wiederum stützen letztere, um die Möglichkeiten Russlands und des Irans zu beenden und die amerikanisch-saudische Öl-Allianz zu begünstigen. Die viel erwähnten Kurden werden dabei benutzt, wenn sie helfen können und geopfert, wenn nicht. Eine sunnitische Dominanz unter saudischer Ägide hieße das Abschlachten der Schiiten, Juden und Christen. Es muss deutlich sein, dass eine Intervention, die im Namen der hier angekommenen Flüchtlinge begründet wird, zu ebenso viel, vielleicht noch schlimmerem menschlichen Leid führen wird. Es ist ein Kampf zwischen den USA und Saudi Arabien hier und dem Iran und Russland dort um Einfluss und Macht. Bei einer solchen Arithmetik fällt der Humanismus unter den Tisch. Alle, die etwas anderes behaupten, haben sich der Zunft der Demagogie verschrieben.