Schlagwort-Archive: Interesse

Der eigene Kompass

Eigentlich ist alles ganz einfach. Die sich in einer Demokratie entwickelnden Alternativen für das Wahlvolk einspringen aus dem Bedürfnis derer, die sich selbst nicht aktiv, in organisierter Form in das politische Geschehen einbringen. Nicht politisch zu sein ist zwar eine Illusion, der auch die nicht professionell Aktiven nachgehen und es sollte die politische Brisanz des so genannt Passiven nicht unterschätzt werden. Selbst wer nicht wählen geht macht Politik. Das zu einem Vorwurf gegen die Passiven exklusiv zu machen, ist zu oft auch nur ein Reflex derer, die nicht gewählt worden sind. Sie machen es sich dann vor allem am Wahlabend zu ihrer Aufgabe, die Zuhausegebliebenen zu beschimpfen. Zum Teil haben sie Recht, zum Teil sind sie selbst Teil des Problems.

Das alles ist aber spekulative Rhetorik. Das Verhängnisvolle und Mystifikatorische der Politik beginnt dort, wo im abstrakten Gebäude der Theoreme abgewogen werden soll, welcher politischen Variante die Wählerinnen und Wähler ihr Vertrauen geben sollen. Das tatsächlich Interessante an der gegenwärtigen Situation sind Gespräche mit den potenziellen Wählerinnen und Wählern, die sich um diese Frage drehen. Da kommt sehr viel zur Sprache, aber in seltenen Fällen das handfeste Interesse derer, die sich entschlossen haben, zur Wahl zu gehen. Wenn jemand sagt, sie sei Frau, gut qualifiziert, leistungsstark und fühle sich in vielerlei Hinsicht allein gelassen und entsprechend ihrer Interessen nicht vertreten, so kann das sehr gut nachvollzogen werden. Oder wenn ein junger Mann, weiß, Mainstream, politisch korrekt erzogen, sich ohne nennenswerte Perspektive auf dem Arbeitsmarkt sieht, so kann auch das der Realität entsprechen.

Die große Frage ist zum einen, wie die politischen Parteien auf Fragen eingehen, die mit der Interessenlage zusammenhängen, zum anderen, ob es überhaupt eine Partei gibt, die bestimmte, spezielle, aber doch massenhaft vorhandene Interessen vertritt. Leider zu oft befindet sich das Bewusstsein der politisch Organisierten so sehr im Off, dass sie sehr schnell die Fragenden versuchen zu belehren. Sie erklären Ihnen, dass die Frage falsch gestellt sei, denn man müsse diesen oder jenen Aspekt noch mit beachten. Diejenigen, die so agieren, machen die Politik zu einem Problem, das systemisch zu werden droht. Die andere Variante, dass sie sehr erstaunt darauf blicken, dass bestimmte Interessen vorhanden sind, von denen sie ausgingen, dass sie nicht existierten, zeugt von einer immensen Abkoppelung vom gesellschaftlichen Dasein schlechthin.

Der beste Kompass für politisches Verhalten ist das eigene Interesse. Das verstehen viele, und sie werden bei der Wahl ihrer Mittel, im wahren Sinne des Wortes, immer weniger zimperlich. Um es umzukehren: Das kann man ja auch mal so sehen: die Wählerinnen und Wähler servieren die Rache momentan kalten Blutes und zeigen es den Illusionisten aus dem politischen Gewerbe mit aller Brutalität. Dass ihre Vorstellungen von den Gestaltungsfragen der öffentlichen Sache nichts zu tun haben mit den tatsächlichen Interessen derer, die darüber entscheiden, wer die Mandate in den Parlamenten bekommt. Und je mehr das politische Gewerbe dazu ansetzt, dem Wahlvolk seine Interessen zu erklären, desto größer wird die Entfremdung auf beiden Seiten.

Eine solche Lage ist brisant, aber sie birgt auch Chancen. Es ist an der Zeit, das eigene Interesse und die eigenen Motive für politische Entscheidungen wieder in den Vordergrund zu stellen und zu kommunizieren. Fast entspräche das der Neigung, dass alles wieder gut würde.

Im Orkan des Subjektivismus

Egal in welchem Kontext, egal unter welchem Begriff. Es fällt auf, dass in unserer Gesellschaft eine große Verschiebung der Aufmerksamkeit stattgefunden hat. Und zwar von der auf eine sachliche Welt, in der keinerlei menschliche Regung ihren Platz hat hin zu einem Orkan des Subjektivismus. Vorbei sind die Tage, als sich die Individuen noch schämten, von ihrer eigenen Betroffenheit und den eigenen Interessen zu reden. Die Welt erschien als ein Ensemble der sachlichen Gegebenheiten. Nichts an menschlicher Regung erreichte den Rang, als dass es sich einen Platz unter den so genannten objektiven Erfordernissen hätte einen Platz erobern können. Die „Sache“, auch ein typischer deutscher Euphemismus von rechts bis links, war so ungemein wichtig, im Gegensatz zu den schnöden und profanen subjektiven Interessen, die historisch doch immer begrenzt waren.

Natürlich war die Welt, die angeblich so nach objektiven Gesetzmäßigkeiten wie nach einem Weltwillen vonstatten ging, auch nichts anderes als die materialisierten Interessen einiger Individuen. Aber gerade ihr Spezialinteresse mache sie so delikat, dass es peinlich gewesen wäre, sie als berechtigte Interessen zu formulieren. Deshalb, und nur deshalb wurde der Mehrheit eingetrichtert, ihr eigenes Befinden sei eher peinlich, man täte  so etwas nicht, man spräche nicht über den eigenen Bedarf. Und die Mehrheit besaß die Demut, sich einem solchen Diktum zuzuordnen. Ganz im Gegenteil zu denen, die hinter dem Paravent die Privilegien in sich hineinstopften, die die gegenständliche, objektive Welt für sie übrig gelassen hatte. 

Heute sieht das alles anders aus, aber ob es anders ist, ist noch zu klären. Heute erscheint die Welt als ein groß angelegtes Konsortium von auf die Spitze getriebenen Subjektivismen. Jeder Ansatz, von einer wie auch immer gearteten gemeinsamen Gesetzgebung oder Gemeininteressen zu reden, wird in einem Wolfsgeheul der Befindlichkeiten zum Reißen preisgegeben. Es könne nicht sein, nach so viel Unterdrückung im Namen weniger Nutznießer so dreist sein zu wollen, jedem noch so kleinen Wunsch nach Selbstverwirklichung nicht nachkommen zu dürfen. Der Geist dieser Individualisierung entstammt auf der einen Seite der Entlarvung der alten Denkweise eines allgemeinen Interesses als Schimäre der Profiteure. Auf der anderen Seite steht das Recht auf Selbstverwirklichung heute auf der moralischen Rangskala tatsächlich höher als die Notwendigkeit des Gemeinwohls. 

Die Sprachrohre, derer sich der Subjektivismus bedient, erwecken den Eindruck einer ungeheuren Kakophonie. Es scheint, als ertränke die Welt in einem babylonischen Tonteppich und als sei eine Unterscheidung der vielen unterschiedlichen Bedürfnisse kaum noch zu vollziehen. Die Komplexität des Subjektivismus erzeugt sogar eine wachsende Menge an Zeitgenossen, die das alles gar nicht mehr aushalten und die nach klaren, monokausalen Verhältnissen schreien. Ihnen sei zur Warnung und zum Troste gesagt: Die Objektivierung der Welt stand auch immer nur im Interesse einer Minderheit. Dagegen aufzustehen, ist ein gutes Recht und es geht nur durch die Inthronisierung des Subjektes. Das Subjekt selbst sollte aber zu der Einsicht gelangen, dass das gesamte Ensemble der Subjekte schon so etwas ausmacht wie einen objektiven Rahmen. Allerdings ein Rahmen aus nicht gezählten Subjekten. 

Der Anschein eines freien Marktes der subjektiven Befindlichkeiten sollte wiederum nicht darüber hinwegtäuschen, dass es starke Interessen gibt, die nicht hinter dieser Vielstimmigkeit zurück stehen. Sie zu identifizieren, ist lebenswichtig. Gerade im Interesse einer großen, objektiven Gemeinde, deren Sinnstiftung aus der Summe verträglicher Interessen besteht.