Die Abenteuerlichkeit, mit denen die Erklärungsmuster für basis-ökonomische Phänomene ausgesucht werden, ist an sich bereits ein Symptom für den Missstand. Seit Jahren fällt auf, dass die klassischen Werkzeuge der Wirtschaftswissenschaften in der Interpretation der Wirtschaft selbst kaum noch Relevanz besitzen. Durch die Infiltrierung sowohl der Politik als auch der Großorganisationen der Wirtschaft durch eine Beraterbranche, die ihrerseits ihre Instrumente und Tools aus therapeutischen Kontexten zusammengelesen hat, ist die Dominanz idealisierter und psychologisch motivierter Metaphern in Politik wie Wirtschaft gesetzt. Das führt zu verheerenden Fehleinschätzungen, wie die jüngste Weltfinanzkrise beweist.
Eine der Beispiele für die völlig aberwitzige Idealisierung ist die metaphysische Umdeutung des Wertgesetzes. Liest man heutige Journale zu Wertschöpfungsprozessen, dann sticht sofort ins Auge, dass Wertschöpfung nur dann als anerkannt gelten kann, wenn die trend-genehme Wertschätzung zugrunde liegt. Kaum eine Debatte vergeht, als dass nicht ohne jeglichen Protest behauptet werden könnte, die Kreativwirtschaft z.B. habe in der Bundesrepublik nahezu die Wertschöpfungsdimension der industriellen Produktion erreicht bzw. sei gerade dabei, letztere sogar zu überholen. Das hört sich gut an, ist aber von einer Ignoranz kontaminiert, die ihresgleichen sucht.
Noch einmal zur Erinnerung: Von Marx bis zur Chicago School of Economics ist man sich in den Wirtschaftswissenschaften einig, dass ein Wertschöpfungsprozess dann gegeben ist, wenn die tatsächlichen Kosten für die Arbeitsfaktoren nicht dem Produkt entsprechen, das aufgrund eines bestimmten, von seinem subjektiven Gebrauchswert wie von seinem objektiven Tauschwert eine somit kristrallisierte Wertschöpfung in sich birgt. Im Klartext heißt das, dass standardisierte, messbare Prozesse, die in einem tauschbaren Wert münden, das ausmachen, was einen wertmäßigen Zuwachs des Wirtschaftsprozesses umschreibt.
Alles Subjektive, Einzelne, Anekdotische und Erratische ist davon ausgeschlossen, weil es weder massenhaft erstellt wird noch messbar ist. Somit ist die zwar meistens nach Beschäftigungsprinzipien des Manchester-Kapitalismus agierende, aber ansonsten individualisierte und in Tausch- wie Gebrauchswert extrem subjektivierte Kreativwirtschaft bei dem Wertschöpfungsprozess bereits außen vor. Und auch die Wertschöpfung in der nicht ohne Grund so genannten Dienstleistungsbranche bleibt demnach eine idealisierte Beschreibung. Dort werden allenfalls Werte verausgabt oder umverteilt, nicht aber geschaffen.
Und manchmal sind es sogar einfach nur Phänomene, die ein neues, aber falsches Theorem ad absurdum führen. In einer Untersuchung über die Auswirkungen auf die Binnenwirtschaft unterschiedlicher Länder sticht nur ein einziges Merkmal hervor, dass tatsächlich den Unterschied in einem Ranking bestechend einfach erklärt: Je nach Anteil der industriellen Wertschöpfungsprozesse in den einzelnen Ländern, ist zu bestimmen, wie sehr die Weltfinanzkrise 2008 das Land hat schädigen können. Je mehr industrielle Wertschöpfung vorhanden, desto größer die Widerstandsfähigkeit der jeweiligen Wirtschaft gegen Wertverfall und Spekulation. Deshalb stehen Länder wie die Bundesrepublik Deutschland mit derzeit – noch – 25 Prozent industrieller Wertschöpfung relativ gut da und Länder wie Portugal und Griechenland miserabel, aber auch Großbritannien, das nahezu das produktive Nachkriegsniveau im eigenen Land unterschritten hat,ist deutlich als das Sorgenkind der Zukunft par excellence identifiziertbar.
Da stellt sich dich Frage, ob die schicke Abkehr vom Industrialismus und die Hinwendung zu einer Renaissance feudalen Wirtschaftens nicht auch etwas Suizidales in sich birgt.
