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Das Buch ist offen

Das Buch ist offen. Und es liegt auf dem Tisch. Jeder, der will, kann darin lesen. Die Kapitel, die sich mit dem befassen, was im Allgemeinen als Mystifikation, als Täuschung und Vernebelung bezeichnet werden, sind zu. Es muss, ja, es darf nicht mehr interessieren, wenn das Interesse besteht, die Zukunft gestalten zu wollen. Und obwohl das Buch offen liegt, hört das erstaunte Publikum immer noch sehr laut und schrill die Scharmützel der Akteure aus den Kapiteln, die längst zu sind. Die einen haben versagt, weil sie in der Verantwortung waren, vielleicht nicht mit allem, was sie taten, aber vor allem, wie sie es taten. Und die anderen, die in die Verantwortung wollten, haben ihren Kredit verspielt, bevor es so richtig losgeht. Wer sich daneben benimmt, muss schon gute Gründe im Gepäck haben, um sich ein solches Verhalten leisten zu können. Haben sie aber nicht. Außer dem Gestus der Provokation steigt nur die laue, verbrauchte Luft aus den Schächten ihrer Denkfabriken.

Umso spannender sind die Kapitel, die das Buch zur Einsicht preisgibt. Es sind die Kapitel, die auch von der ganzen Branche vor der Wahl tunlichst gemieden wurden, weil sich niemand daran verbrennen wollte. Denn es sind Themen der Zukunft, die immun sind gegen alte und kalte Rituale des politischen Diskurses. An sie muss die Leserschaft aus allen Teilen der Gesellschaft mit offenen Sinnen herangehen und der Bereitschaft, etwas dazu zu lernen. Ansonsten bleibt nichts hängen. Ansonsten wird die Zukunft verspielt.

Da geht es um das Thema Industrie 4.0. Gut, als Begriff wurde es immer wieder einmal genannt, was er jedoch wirtschaftlich, sozial und letztendlich politisch bedeutet, wird sich zeigen. Sicher ist, dass die digitale Hochtechnologie voranschreiten und traditionelle Arbeitsplätze rasend verschwinden werden. Das wird Folgen haben für viele. Die einen werden sich weiter qualifizieren müssen, die anderen werden nach Tätigkeitsfeldern suchen müssen, die auf dem globalen Markt kaum noch zu finden sind. Und wenn dem so ist, ist das ein wichtiges Feld für die Politik. Und, so ganz nebenbei, wer bei diesem Thema auf das freie Spiel der Kräfte setzt, wird den Krieg ernten.

Apropos Krieg. Während in dieser Stunde sich amerikanische Soldaten in Syrien frei und unangegriffen auf IS-Gebiet bewegen, um Stellungen gegen die Regierung auszubauen und nicht abzusehen ist, ob die russischen Streitkräfte sich nicht doch den Scherz erlauben, amerikanische Verbände, die es angeblich nicht gibt, mit Mittelstreckenraketen anzugreifen, stellt sich die Frage, ob die bellizistischen Falken am Potomac nicht auch in der Ost-Ukraine so richtig das Ölkännchen schwenken werden. Oder wie sie es anstellen wollen, Nord-Korea zu vernichten, ohne die Seltenen Erden, die dort in hoher Konzentration liegen, gleich mit zu zerstören. Nach den leeren Phrasen von den Werten, wäre es hilfreich, Fakten und Interessen auf den Tisch zu legen und auszutarieren, wie eine Friedensordnung, die auch die Bedrohten einschließt, auszusehen hat.

Und reden wir von der Natur, die eine menschliche, allzu menschliche Geschichte hat, und die nach ihren Gesetzen zu retten sein wird und weder plump verleugnet noch technokratisch genutzt werden kann. Vielleicht wäre das ein Einstieg in ein neues Denken, das so neu freilich nicht ist. Die Dialektik der Natur! Welch schönes Bild. Die Grundform allen Daseins ist die Bewegung. Gehen wir zu neuen Ufern, und lösen wir uns von den uniform gestrickten Scharlatanen.

Der Countdown läuft

Es geht um Verschiedenes. Aber auf allen Seiten geht es um sehr viel. Wenige Tage vor der Wahl drehen die kandidierenden Parteien und ihre Kandidatinnen und Kandidaten noch einmal richtig auf. Das ist logisch, denn für den Einzelnen wie für die Partei geht es um Mandate, Macht und Einfluss und natürlich auch um die Existenz. Das erklärt unter anderem die Heftigkeit, mit der in diesem Wettbewerb Argumente ausgetauscht werden. Unter normalen, nicht die Existenz gefährdenden Umständen, würden sich viele für den einen oder anderen Aspekt nicht so in die Eisen legen. Vielleicht ist dort ein Punkt zu finden, um das Wahlsystem sinnvoll zu reformieren. Man könnte die Lohnfortzahlung im Mandatsfall beschließen und finanzieren. Dann wäre die Ungleichheit der Gesellschaft auch in den Parlamenten und der gemeinsame, oft zynische Chorgeist bekäme einen sozialen Gegenspieler. Oder man könnte die Mandate auslosen, dann müssten alle ins Parlament wie ins Schöffengericht. Das Votum für eine bestimmte Position oder ein Programm wäre dann keine Profession mehr. Stattdessen sind sich die Parlamentarier einig, die Legislatur um ein Jahr auf insgesamt fünf zu erhöhen. Alles soll so bleiben, wie es ist.

Und im so genannten Volk? Das eigentlich so heterogen ist, dass der Begriff immer irritierender wird in seiner Anwendung? Für das Volk oder die Gesellschaft geht es auch um viel, um sehr viel. Jenseits der Diskussionen, die geführt werden und bei denen die Protagonisten wie in uralten Zeiten davon ausgehen, dass alles gut ist, wenn sie den Wählern etwas versprechen. Hier drei Euro zwanzig, dort sogar ein Hunderter. Was für eine furchtbares Bieten, um das Mandat zu erlangen. Versprechungen über Versprechungen, um etwas zu bekommen, das dann auch noch Vertrauen genannt wird.

Wer von Vertrauen spricht, der müsste das ansprechen, worum es in den nächsten Jahren in erster Linie gehen wird. Das ist zum einen der Frieden, der durch das bisherige Regierungshandeln langsam, aber stetig mehr gefährdet wurde und der bereits in vielen Weltregionen, in denen unsere Verteidigungsstreitkräfte sind, als offener Krieg geführt wird. Hier kommt der Krieg nur ab und zu an, in Form von Terrorismus, aber er wird sich verstärken, wenn der Einsatz für die Allianz des aggressiven Regime Change weiter betrieben wird. Und der kann noch näher kommen und wesentlich gewaltiger werden, wenn die eigene, seit einem Vierteljahrhundert betriebene Osterweiterung der NATO mit der Rückholung der Krim durch Russland begründet wird. Über diese verschiedenen Formen der Friedensbedrohung wird in diesem Wahlkampf nicht verhandelt, und dass sollte skeptisch stimmen. Der vermeintliche Konsens ist Nonsens.

Und die andere große Frage, die dem Versprechen aller für Vollbeschäftigung entgegensteht, verbirgt sich hinter Chiffren wie Digitalisierung oder Industrie 4.0. Nicht, dass es sich dabei um Entwicklungen handelte, die auszuhalten wären. Aber sie stellen Fragen, die nicht ökonomisch, sondern politisch beantwortet werden müssen. Das Sterben von Kohle und Stahl mit der folgenden Arbeitslosigkeit war eine lustige Anekdote im Vergleich zu dem, was auf diesem Sektor geschehen wird. Da muss geklärt werden, was die Gesellschaft tun wird, um den vernichteten Existenzen eine neue, vielleicht gesellschaftlich relevante politisch zurückzugeben. Und es muss geklärt werden, wie verhindert werden kann, dass sich Monopole systematisch resistent gegen Innovation zeigen und dazu beitragen, diesen Wettbewerb auch noch zu verlieren und nicht die Erträge zu erwirtschaften, die politisches Handeln und Gestalten erst möglich machen. Der Countdown läuft. In vielerlei Hinsicht.