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Ostenmauer – 79. Jakarta, 13. Mai 1998

Jakarta, 13.05. 1998, 7.45 Uhr

Als wollte mir die Zeitgeschichte einen Streich spielen, läßt sie mir in diesen wichtigen Stunden kaum die Gelegenheit, meine Beobachtungen zu formulieren. Gerade jetzt, wo das alte Regime sein Heil in der Anwendung militärischer  Brutalität sucht, sitze ich mit meinem neuen „Freund“ hier in Klausur und erarbeite ein Konzept, daß voller Abstraktionen über den Reformprozeß ist. Heute kommt es sicherlich zum Bruch, schon gestern in den Abendstunden habe ich ihn fast aus der Contenance gebracht, indem ich immer wieder bei seinen schönen Formulierungen die Fragen Wie und Was gestellt habe.

Zur gleichen Zeit schoß das Militärkommando von Groß-Jakarta mit scharfer Munition in die friedlich demonstrierende Menge und tötete fünf Studenten. Der Präsident hat dieses Vorgehen mit Sicherheit vor seiner Abreise nach Kairo angeordnet, damit der Eindruck entsteht, er habe im fernen Ägypten nichts mit diesen Abscheulichkeiten zu schaffen. Doch dieser Eindruck wird nicht aufkommen, die Weltöffentlichkeit ist nicht so töricht wie die nähere Umgebung des zum Ende verurteilten Polit-Kriminellen. Es sind noch zirka 200 Leute, die mit ihren Vampirzähnen an den versiegenden Adern des indonesischen Nationalreichtums saugen und dabei ihren Sermon von Reformprozeß dahersabbern. Darüber hinaus glaubt das aber keiner mehr. Von den Busfahrern und Warungverkäufern bis in die höchsten Ränge des Staatsapparates hat sich die Überzeugung durchgesetzt, daß die Zukunft Indonesiens nur noch ohne diese letzte Ausgeburt des Kolonialismus, einer ausgemachten Kompradorenkaste, eine Überlebenschance bietet.

Amien Rais, der Führer der größten nicht-monolithischen politischen Organisation des Landes, hat einen Termin gesetzt. Er forderte den Präsidenten und seinen Vize auf, bis zum 20. Mai zurückzutreten, da sie das Volk nicht präsentierten. An diesem Tag will er, begleitet von Massendemonstrationen, eine Art Schattenkabinett, bestehend aus zum Teil unter Arrest stehenden Oppositionspolitikern, dem Volk vorstellen. Diese Ankündigung bedeutet, daß in den nächsten sieben Tagen eine Entscheidung fallen wird. So, wie es aussieht, sucht die Regierung den Waffengang. Die internationale Gemeinschaft sollte schnellstens die Verurteilung der indonesischen Regierung aussprechen, der IMF den Geldhahn sofort zudrehen. Die Regierung Kohl-Kinkel allerdings wird sich damit schwer tun, Kohl wegen seiner  parasexuellen Neigung zu Männerfreundschaften mit sadistischen Charakteren, Kinkel wegen seiner Herkunft aus den Kellern des geheimen Dienstes. Im Gegenteil, Kohl wird seinem Freund  noch die Solidarität versprechen und damit wieder einmal unter dem allzu großen Mantel der Gechichte in der Dunkelheit völlig die Orientierung verlieren. International wird es das letzte große faule Ei sein, das diese beiden Herren der deutschen Republik noch ins Nest legen werden. Aber das ist natürlich nicht das größte Problem. 

Viel wichtiger ist die Frage, ob das Militär spaltbar ist und wenn ja, in welchem Proporz. Jetzt, wo es zur praktischen Kollision innerhalb der Gesellschaft kommt, wird sich zeigen, inwieweit die von mir mit Skepsis vernommene Einschätzung vieler hiesiger Experten zutrifft, daß zumindest innerhalb des Militärs noch die größte Raison d´Etat im Sinne einer anti-kolonialistischen Tradition und demokratischen Selbstverständnisses zu finden ist. Die gestrigen Äußerungen General Nasutions, eines Veteranen des Unabhängigkeitskampfes, haben dieses Vermächtnis angemahnt und sind als Appell an die Armee zu verstehen, die Waffen nicht gegen das Volk zu richten. Der weitere Verlauf des Tages wird Aufschlüsse darüber geben, wo das Militär oder die verschiedenen Teile davon stehen.

Ich muß jetzt in die Sitzung und hoffe, daß sich meine Aufgebrachtheit nicht auf unschuldige Zeitgenossen überträgt. Was mir, unabhängig vom Zeitgeschehen Mühe macht, sind die verbalen Ergüsse in einer globalisierten Management Terminologie, ohne daß ein Schimmer von Vorstellung dahinter verborgen zu sein scheint.  Werde mich aber sicherlich heute noch einmal zu Wort melden.

Jakarta, 13. Mai 1998