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Indonesien: Keine Vielfalt ohne das Wir

In Indonesien wurde gewählt. Grundsätzlich interessiert das hier in Europa nicht so sehr. Das Desinteresse zeugt von einem Phänomen, das durchaus weltweit verbreitet ist. Es geht um den Zentrismus der Perspektive. Das geht vielen so, obwohl es nicht nur Perspektiven verstellt, sondern auch Möglichkeiten ausschließt. Indonesien, um bei dem Anlass der Betrachtung zu bleiben, ist ein Land, das entsprechend seiner tatsächlichen Bedeutung zu wenig Aufmerksamkeit erhält. Dabei könnte man von Indonesien so vieles lernen.

Der Staat und die Nation Indonesien sind noch sehr jung. Die Vertreibung der niederländischen Kolonialmacht aus dem ehemaligen Ostindien lieferte den Anlass, dass von der Insel Java mit seinem spirituellen Zentrum Yogyakarta eine Befreiungs- und Unabhängigkeitsbewegung ausging, die letztendlich 20.000 Inseln ergriff, von denen 13.000 bewohnt sind. Grob geschätzt leben im heutigen Indonesien, deren größte Inseln Sumatra, Java, Kalimantan, Sulawesi und Papua sind, 200 verschiedene Ethnien, es werden ebenso viele Sprachen gesprochen und alle Weltreligionen sowie diverse Animismen sind vertreten, wobei der Islam 90 Prozent der heute insgesamt 250 Millionen Indonesierinnen und Indonesier erreicht. Somit handelt es sich bei Indonesien nicht nur um das viert bevölkerungsreichste Land der Welt, sondern auch um die mit Abstand zahlenmäßig größte Nation, in der sich die Majorität zum Islam bekennt.

Das, was die junge Nation zusammenhält, ist das einzig gemeinsame, das diese verschiedenen Ethnien und Kulturen haben, nämlich dreihundert Jahre Kolonialgeschichte. Nicht nur, dass es bereits wenige Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung mit einer Zunge sprechen konnte, weil man mit Bahasa Indonesia, dem Malaii, der Lingua Franca aus den Häfen des Archipels, eine Amts- und Verkehrssprache ausgewählt und mit großem Erfolg eingeführt hatte. Sondern auch die Verfassung, die sich das junge Land gab, dokumentiert etwas, das essenziell für die Existenz des neuen Staates war und ist: Das Bekenntnis zur Vielfalt. Das Prinzip der Pancasila, der fünf Säulen, erfasst gedanklich die verfassungsmäßigen Bedingungen einer multikulturellen Gesellschaft, die anlässlich der vielen Probleme und Herausforderungen, mit denen Indonesien bisher zu kämpfen hatte, sehr hilfreich waren. Angesichts der kulturellen Vielfalt, angesichts der sprachlichen Diversität, angesichts der religiösen Unterschiede und angesichts einer atemberaubenden Binnenmigration und Urbanisierung sind die Probleme, über die wir hier in Europa unter diesen Überschriften diskutieren, eine Petitesse.

Besagtes Indonesien, das sich erst vor eineinhalb Jahrzehnten von einer 30jährigen Diktatur unter Soeharto befreien konnte, die größte islamische Demokratie, hat einen neuen Präsidenten gewählt. Mit Joko Widodo, dem vormaligen Bürgermeister von Surakarta und dann Gouverneur von Jakarta, wurde zum ersten Mal ein Mann gewählt, der nicht in der Soeharto-Ära sozialisiert wurde. Sein Gegenkandidat Prabowo, der sehr viel Blut an seinen Händen kleben hatte und aus der Militärnomenklatura der Diktatur stammt, hätte das Land weit zurück geworfen. Joko Widodo wiederum hat die Chance, zusammen mit seiner jungen Bevölkerung ein neues Kapitel der Nation aufzuschlagen, indem er nicht nur die Regierungsweise professionalisiert, sondern auch die Potenziale, die in Land und Leuten stecken, freisetzt.

Bei seinem Inauguration wählte Joko Widodo Worte, die beeindruckten und die uns inspirieren sollten. Wir sind stark, weil wir einig sind, und wir sind einig, weil wir stark sind! Es war eine typische javanische Weisheit, die nicht nur dialektisch besticht, sondern auch mit ihrer Tragweite eine Programmatik für das Thema der Vielfalt beschreiben kann. Und diese Worte lehren uns, dass das Thema Vielfalt ohne ein Wir keinen Bestand haben kann.

Indonesien stabilisiert sich

So wie es aussieht, hat sch der amtierende Präsident der Republik Indonesien, Susilo Bambang Yudhoyono, bereits im ersten Wahlgang erneut durchgesetzt. Seine Gegenkandidaten waren Megawati Sukarnoputri, die Tochter des Staatsgründers Sukarno und Jussuf Kalla, der ehemalige Vizepräsident unter Susilo Bambang Yudhoyono (SBY). Das Votum der Bevölkerung ist ein klares Ja zu einer fortgesetzten Dezentralisierung des Landes, einer Stärkung der Rechtsstaatlichkeit, einer massierten Bekämpfung der Korruption und einer Zerschlagung islamistischer Terrorgruppen. Auf allen Gebieten hat SBY in der zurück liegenden Amtsperiode Erfolge zu verzeichnen, wiewohl vieles von dem, was auf seiner Agenda steht, noch Jahre in Anspruch nehmen wird.

Nach 32 Jahren der durch den blutigsten Putsch des 20. Jahrhunderts an die Macht gekommenen Suharto, wurde dieser 1998 durch einen Volksaufstand aus dem Amt gejagt. Ihm folgten in kurzen Abständen die Präsidenten Habibi und Gus Dur, der wiederum von Megawati Sukarnoputri abgelöst wurde. Letztere genoss als Tochter des Staatsgründers Soekarno einen mythischen Status, dem sie durch ihre Passivität niemals gerecht wurde. Das größte islamische Land der Erde mit nunmehr 240 Millionen Einwohnern und einer extrem jungen Bevölkerung strebte nach Aufbruch, Demokratie und Freiheit, es war die Schattenspiele der alten Mächte leid und erwartete einen großen Sprung in die Freiheit.

Megawati erhielt 2004 die Quittung für ihre politische Lethargie. SBY hingegen verfügte über genügend Autorität, um Veränderungen einzuleiten, die nicht mehr die Aura der Revolution verströmten, aber in hohem Maße wirksam waren. Er packte heiße Eisen wie die Dezentralisierung an, obwohl ihr das Stigma einer alten Kolonialpolitik anhaftete, er ersetzte die alte plutokratische Politik durch eine voran schreitende Rechtsstaatlichkeit, rückte einer bis heute aus dem niederländischen Erbe stammenden organisierten Korruption im Beamtenapparat auf den Leib und zog ins Feld gegen die militante Form des Islamismus und zerschlug deren stärkste Version. Das alles in einem Land, das sich über 13.000 Inseln auf einer Fläche, die vergleichbar ist mit der Strecke Paris – New York und von vielen Völkern und Kulturen mit ca. 200 unterschiedlichen Sprachen bewohnt wird. Indonesien befindet sich auf dem Weg in die Moderne und bringt vieles mit, was als Kompetenz in einem globalisierten Weltgefüge einzigartig ist. Vieles spricht dafür, dass mit dem bestätigten Präsidenten eine Entwicklung fortgesetzt werden kann, die dem Land gut tut und seine Stellung in der Welt verbessern wird.

Gegen SBY sahen die Gegenkandidaten eher blass aus, Jussuf Kalla trat mit dem ehemaligen General Wiranto als Vize an, der zwar 1998 ein Blutbad verhinderte, indem er sich vor die Studenten gegen Einheiten des blutrünstigen Prabowo stellte, der, um das alte Schattenreich zu retten, alles veranstaltet hätte. Und genau diese monströse Figur kandidierte zusammen mit Megawati, was letztere bis ans Ende ihrer Tage diskreditiert haben müsste, denn schlimmer kann man nicht fallen. Kurzum, es besteht weiter Hoffnung im Land der speienden Vulkane, der bebenden Erde, der schwarzen Nächte und der schönen Frauen…