Schlagwort-Archive: Individualismus

Franz Liszt und der Bruch mit den Verhältnissen

„Glücklich, wer mit den Verhältnissen zu brechen versteht, ehe sie ihn gebrochen haben!“ Der ungarische Musiker, Komponist und Schriftsteller Franz Liszt formulierte damit eher Gedanken, die zum neuen Erkenntnisstandard des 19. Jahrhunderts zählten, als dass es eines ausgewiesenen Revolutionärs bedurft hätte, um zu einer solchen Quintessenz zu kommen. Ihm sei die Ehre erwiesen, etwas formuliert zu haben, dass die kritische Selbstbeurteilung der eigenen Lebensumstände in die verantwortungsvolle Reflexion des Individuums legte. Es ging darum, sich zu fragen, ob das soziale Arrangement, auf das man sich eingelassen hatte, zu den Ergebnissen führte, die man sich existenziell erhofft hatte. Bei einem negativen Ergebnis dieser Überlegung stand die Option: Brich mit diesen Verhältnissen, sie ruinieren dich!

Was daraus zu lernen ist? Nicht jede Form des Individualismus, der als der Leitgedanke des bürgerlichen Zeitalters benannt werden muss, war gleich ein Akt egoistischer Absonderung im sozialen, gesellschaftlichen Sinn. Ganz im Gegenteil! In dem das Individuum aufgefordert wurde, für sich herauszufinden, ob die guten, reinen Ziele, die es sich gesetzt hatte, unter den gegebenen Umständen zu erzielen seien. Und die Schlussfolgerung, die bei einer negativen Bewertung folgte, war nicht die radikale Abkehr von der Gesellschaft, sondern die Aufforderung, mit ihren negativen Verhältnissen zu brechen und neue, bessere zu schaffen.

Die Eintrittskarte dazu konnte, wie das obige Zitat eindrucksvoll untermalt, ein radikaler, gewaltsamer Bruch mit dem Regelwerk sein, in dem sich das Individuum befand. Insofern hatte das bürgerliche Zeitalter immer einen revolutionären Impuls, der vom Individuum ausging. Diesen auf das große, die Gemeinschaft, das Kollektiv zu übertragen, sollte das große Unterfangen der sozialen, der proletarischen Revolution sein. 

Heute bewerten zu wollen, dass entweder die bürgerliche oder die proletarische Revolution oder gar beide gescheitert sind, ist eine historisch verfrühte Anmaßung. Das einzige, was bis heute als gescheitert angesehen werden kann, ist die Aristokratie und das mit ihr assoziierte Feudalsystem. Alles andere ist noch im Fluß. Bürgerliche wie proletarisch ausgerichtete Gesellschaften führten in Diktaturen und Kriege, die soziale wie individuelle Emanzipation sind beide Modelle im positiven Sinne noch schuldig. Die Karten liegen immer noch auf dem Tisch und das Spiel läuft noch.

„Die Verhältnisse“, schrieb Bertolt Brecht, „sie sind nicht so“. Das ist der Stein, der angestoßen werden muss, um zu einem Erkenntnisprozess zu kommen, der dazu führen kann, mit ihnen zu brechen und andere zu schaffen. Das große Versprechen der bürgerlichen Revolution war, dass die Menschen, sprich die Individuen, die aus ihrer Gesellschaftsordnung erwuchsen, auch in der Lage seien, die kritische Reflexion vorzunehmen. 

Historisch betrachtet gab es Phasen, in denen dieser Anspruch an die bürgerliche Gesellschaft eingelöst wurde und Phasen, in denen die Individuen mit dieser Last überfordert waren. Dann schlug die Stunde des Kollektivismus, der dieses Defizit zu begeben suchte, aber dem Individuum nicht die Stärke zurück gab, derer es bedarf, um selbst zu entscheiden, mit den gegebenen Verhältnissen zu brechen. Vielleicht schrieb Franz Liszt deshalb auch von Glück, das jenen beschieden war, denen es gelang.

Die gegenwärtige Phase unserer gesellschaftlichen Befindlichkeit zeichnet sich durch eine vordergründige Stärkung des Individuums aus, in dem es ihm  eine ungeheure Varianz an Befindlichkeiten  zugesteht, jedoch keinen eigenen, individuellen, selbst gestalteten Handlungsspielraum lässt. Es handelt sich ihm einen gravierenden Widerspruch zu den emanzipatorischen Zielen der bürgerlichen Revolution. Das Spiel mit den Befindlichkeiten lenkt ab von den notwendigen Taten. Lässt uns glücklich sein, brechen wir mit den Verhältnissen, die uns sonst zu brechen drohen. 

Individualismus oder Kooperation?

Zumindest die Anthropologen sind sich einig: Der wesentliche Unterschied zwischen dem Homo sapiens und anderen entwickelten Säugetieren besteht nicht in seiner ausgeprägten Hirntätigkeit und den daraus resultierenden besonderen Fähigkeiten des Intellekts, sondern in der Fähigkeit, gesellschaftlich zu kooperieren. Wenn Kooperation tatsächlich als Alleinstellungsmerkmal zu gelten hat, dann sind alle Superlative, die im Zeitalter der Digitalisierung im Hinblick auf Wissen und die Vernetzung von Wissen verbreitet werden, nicht das Feld, dem die größte Aufmerksamkeit in politischer Hinsicht gewidmet werden müsste.

Es geht um den zivilisatorischen Stand von Zusammenarbeit. Was die globale Ordnung angeht, so ist diese allerdings nicht durch Kooperation, sondern durch Konkurrenz und Konfrontation gekennzeichnet. Diese Erkenntnis sollte allerdings nicht die Einsicht überstrahlen, dass weltweit von Gesellschaft zu Gesellschaft erhebliche Unterschiede in puncto gelebter Kooperation existieren. Auf der Makroebene sieht es jedoch düster aus.

Eine der positivsten Erscheinungen in der zurückliegenden, historischen Ära des Kalten Krieges zwischen Ost und West war die Bewegung der Blockfreien. In ihr hatten sich Staaten zusammengefunden, die nicht als Vasallen oder Satelliten der USA oder der UdSSR galten und für sich eine gesicherte Unabhängigkeit reklamierten. Auf der berühmten Konferenz im indonesischen Bandung fanden sich Länder wie China, Indonesien, Indien, Jugoslawien etc. zusammen und beschlossen, in aktiven wirtschaftlichen Austausch zu treten und sich politisch zusammenzuschließen, unabhängig von den jeweiligen doch sehr unterschiedlichen Gesellschaftssystemen der einzelnen Mitgliedsstaaten. Das war weitsichtig, nutzte den einzelnen Mitgliedern und bescherte der Welt das einzige Korrektiv, das im Magnetfeld der beiden Supermächte etwas bewirken konnte.

Es war folgerichtig, dass die den Kampf überlebende Supermacht USA sofort ans Werk gingen, die Bewegung der Blockfreien zu zerstören. Das aus deutscher Sicht unrühmlichste Kapitel war dabei die Zerschlagung Jugoslawiens und der damit erworbene Ehrentitel eines Kettenhundes.

Zudem entwickelte sich China selbst zu einer Supermacht, dessen Interessen zunehmend mit dem Gedanken der Blockfreiheit kollidierten. Das Kapitel ist Geschichte, die Aufgabe einer internationalen, blockfreien Kooperation jenseits des Konkurrenzkampfes zwischen China und den USA um Weltherrschaft umso dringlicher.

Ressourcenausbeutung und Ressourcenkriege, Kämpfe und Kriege um geostrategische Positionen sowie die weltweite, systematische Verwüstung von Biosphären führen zu einem Punkt, der zunehmend als Showdown zwischen der Existenz des Homo sapiens in einer erlebbaren wie lebenswerten Welt und dem monströsen, destruktiven Gelüste nach universaler Ausbeutung beschrieben werden muss.

Um den Kräften, die nach lebenswerter Existenz streben, eine Chance zu geben, bedarf es der Kooperation im Mikro- wie im Makrokosmos. Ob damit das Zeitalter der Individualisierung seinem schnellen Ende zustrebt, sei dahingestellt. Fest scheint jedoch zu stehen, dass die Sucht nach individueller Selbstfindung und Selbsterfüllung politisch kein positiver und exklusiver Orientierungspunkt mehr sein kann.

Wer eine positive Prognose auf die Zukunft haben möchte, muss die Bemühungen unterstützen, die dem Bau von Koalitionen und Allianzen zur Gestaltung von gesellschaftlichen Verhältnissen dienen, in denen das Gemeinwohl über dem exzentrischen Individualismus steht. Und was für die jeweilige politische Betrachtung in der eigenen Lebenswelt gilt, das muss auch in internationalem Maßstab eine wachsende Bedeutung annehmen.

Ein Modell wie die historische Bewegung der Blockfreien könnte da helfen. Wenn überhaupt, dann kann nur die Fokussierung auf wachsende Kooperation zu einer Wende führen. Dass die Menschheit das kann, sagt die Anthropologie. Ob sie es will, beantwortet die Politik.

Der Grat zwischen Individuum und Kollektiv

Das Konzept des alles überragenden Individuums in einer sozial dennoch stark konturierten Gesellschaft scheint sich auf seinen Endpunkt hinzubewegen. Und wie üblich, wenn eine Ära auf die finalen Akkorde zustrebt, leben die alten Tugenden noch einmal in voller Blüte auf. Mehr noch, die letzten Bilder sind an Bizarre nicht zu überbieten. Was da in letaler Schönheit strahlt, ist der Aberwitz der früheren Existenz. Noch einmal steht das Ich, ohne das es keine Gesellschaft gäbe, in der Aura der eigenen, längst nicht mehr wirksamen Bedeutung. Denn die Ausblendung des sozialen Kontextes hat das Ende bewirkt, die Abkoppelung des individuellen Schicksals von der Gesellschaft war nichts anderes als eine Illusion, gespeist von der Hypostasie der Privilegierten.

Ihre Selbstbezogenheit, ihre Bedürftigkeit nach Sinn, ihre Eindimensionalität, hat den Abweg auf die unumschränkte Herrschaft der Individuums frei gemacht. Für die große Mehrheit, die ihre Existenz nur durch erfolgreiche Arrangements in der Gemeinschaft sichern kann, war das immer eine Illusion, geendet hat es für sie in einer Ideologie, die abgelenkt hat von der wahren Bestimmung.

Die nämlich liegt, abseits des Besitzes und Konsums, in der erfolgreichen Assoziation mit den anderen, die als Individuum auf verbriefte Rechte pochen, die jedoch den existenziellen Sinn in dem sehen, was die Gattung ausmacht: in der erfolgreichen Kombination der vielen individuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten. Die soziale Organisation ist es, die den Homo sapiens über andere Gattungen stellt, sonst nichts. Aus der sozialen Organisation entsteht korporierte Arbeit wie Sprache, Brot wie Kultur.

Wie Abseitig ist es da zu glauben, der Individualismus sei das höchste aller Ziele? Wie dünn ist das Futter, in dem die Reflexion der eigenen Bedürftigkeit im lebenslangen Zentrum steht? Die Ideologie, die das durchaus nachvollziehbare Recht der einzelnen Persönlichkeit bis in die dekadente Übersteigerung getrieben hat, ist der Wirtschaftsliberalismus, der die Gesellschaften, die ihr gefolgt sind, in einen Zustand manövriert haben in dem sie sich jetzt befinden: den der Implosion!

Als eine böse Ahnung für alle, die den sozialen Isolationismus gepriesen haben, erscheint nun der chinesische Kollektivismus am mentalen Horizont. Seine Macht wächst, und es scheint, als sei er eine Alternative zum Individualismus der westlichen bürgerlichen Revolution. Der Respekt vor den Leistungen dieser Form des Kollektivismus ist angebracht, der Kotau vor dem autoritären Modell jedoch nicht.

Hat der überhitzte und übersteigerte Individualismus eine unerträgliche semantische Leere produziert, die das Seelenleben zerstört, so ist der Kollektivismus ohne Freiheit die physische Hölle auf Erden. Es ist nicht ratsam, die Vorteile unterschiedlicher Gefängnisse gegeneinander abzuwägen. Das führt zu keiner guten Lösung und zu keinem Ziel, das erstrebenswert wäre.

Vielmehr ist es an der Zeit, das soziale Modell, das einen Ausweg aus Zerstörung und Bevormundung bieten soll, gut durchdacht zu beschreiben und in einem emanzipatorischen Diskurs zu verbessern. Die Konstanten, die sich ergeben, sind klar: Das Individuum hat unverbrüchliche Rechte, doch das Kollektiv entscheidet, wohin die Gesellschaft treibt. Es muss um die Frage des Besitzes genauso gehen wie um die Rechte auf Assoziation. Kurz, es geht um den Grat zwischen Individuum und Kollektiv. Nur eine neue Konzeption wird eine Zukunft haben. Der Individualismus im westlichen Kapitalismus stürzt bereits von der Klippe, das autoritär geführte Kollektiv des Ostens hat noch etwas Zeit vor dem großen Crash, aber in der Ära der Beschleunigung sollte nicht geglaubt werden, dass sein Siegeszug noch lange ohne Störung währt.