Wie ist eine Situation zu bewerten, die sich wie folgt zusammenfassen lässt: Gruppen unterschiedlicher Meinung gehen in einer zunehmend gewaltsamen Atmosphäre aufeinander los. Die zu beklagenden Schäden werden immer empfindlicher. Man hat das Gefühl, dass alle Beteiligten von Voraussetzungen ausgehen, die mit den tatsächlichen Verhältnissen nicht unbedingt zu erklären sind. Vielmehr handelt es sich um Ursachen, die systematisch, langfristig und nachhaltig in ihrer Darstellung geleugnet oder verschleiert wurden. Stattdessen werden Wirkungen beschrieben, die allenfalls vermittelt etwas mit einem tatsächlichen Krisenzustand zu tun haben. Und, je größer der Konflikt ist und je gewaltsamer er ausgetragen wird, nichts führt zu einer Klärung der Verhältnisse. Jede der beteiligten Parteien fühlt sich sowohl in ihrer Einschätzung bestätigt, alle sehen in den anderen die Hauptgefahr und kein Schaden, so groß er auch sein mag, führt zu einer kritischen Reflexion der eigenen Annahmen und der eigenen Handlungsweise?
Das beschriebene Szenario breitet sich täglich vor uns aus. Eine Veränderung ist nicht in Sicht. Alle scheinen zu wissen, worum es geht (zumeist schlicht um Gut und Böse, aus subjektiver Sicht, versteht sich!) und niemand kommt auf die Idee, das eigene Handeln in Frage zu stellen und die Vorstellungen der anderen Seite zumindest einmal in eine sachliche Darstellung zu übersetzen.
Wer glaubt, dieses sich laufend wiederholende Geschehen, das strukturellen Charakter hat, löste sich von selbst auf, liegt falsch. Entweder es eskaliert bis zu einer kolossalen Explosion mit nicht absehbaren Folgen, oder es wird beendet durch einen analog wirkenden Gewaltakt. Zumindest diese Erkenntnis sollte vermittelt und verbreitet werden. Sektiererische Rechthaberei, Wahrheiten, die auf gezielten Mystifikationen basieren und Starrköpfigkeit, die nur aus einer charakterlichen Kalamität erklärt werden können, führen zu einer Art profaner Selbstbefriedigung, die in keiner Lösung endet.
Das selige Hinübergleiten in den eigenen Untergang ist zumeist nur Sekten vorbehalten. Sollte es tatsächlich so sein, dass eine Gesellschaft, die aus der Aufklärung entstanden ist, bereit ist, wie eine Moon-Sekte kollektiv ins Wasser zu gehen, als Folge einer Inszenierung von skrupellosen Plutokraten, die fern ab vom Geschehen der jeweiligen Zerstörung in ihren glitzernden Bunkern sitzen und sich an den numerischen Protokollen ihrer Gewinne ergötzen? Wie armselig, wie billig, wie absurd wäre dieses Projekt der Emanzipation dann gewesen? Als außenstehender Betrachter, quasi als Engel der Geschichte, müsste man sich schämen für ein solches unwürdiges, profanes und letztendlich frivoles Ende.
Wenn nichts übrig bleibt als die Scham, zumindest bei denen, die einmal guten Mutes waren, was ist es dann? Zu welchem Fazit könnte es kommen? War das alles dann nur Hokuspokus? Ein Zaubertrick imperialer Phantasien? Das Hütchenspiel egomanischer Teufel? Schon riecht es überall nach Schwefel. Das große Feuerwerk ist vorbereitet. Manege frei für die Irrationalität!
