Je komplexer die Welt, desto zuverlässiger sollte das Koordinatensystem sein, dessen sich das im globalen Strudel befindliche Individuum zu bedienen hat. Das politische System ist ausschlaggebend. Denn es bestimmt, was den Menschen, die in ihm leben, an Bildung und Orientierung zur Verfügung gestellt wird. Die alte, zunehmend überkommene Dichotomie von Autokratie, Plutokratie, Oligarchie und Demokratie scheint zunehmend weniger hilfreich zu sein. Warum? Weil sich die Individuen, die als so genannte Normalbürger identifiziert werden, zwar systembedingt mehr unterscheiden denn je. Nur hat sich eine Dimension gravierend verschoben. Der Bildungsgrad der Masse derer, die in der demokratischen Staatsform sozialisiert wurden, ist in Bezug auf den Bildungsgrad radikal abgefallen. Ja, auch in der Demokratie existiert so etwas wie Hoch-Bildung. Sie trifft nicht auf die Masse zu, sondern sie ist ein an Besitz gebundenes Privileg geworden. Nicht formal, aber faktisch.
Es wäre ernüchternd, wenn man den Bildungsgrad aus den westlichen Massendemokratien mit den Menschen aus den Systemen vergliche, die hier und heute als das Böse schlechthin dargestellt werden. Es würde den Schleier, der zu dem didaktischen Mittel schlechthin in unseren Ländern avanciert ist, auf brutale Weise entreißen. Und betrachtet man das, was die jeweilige Politik versucht den Menschen im eigenen Land als das zu verkaufen, was das Etikett der Realität für sich beanspruchen könnte, so ist die Mystifikation im glorreichen Westen in einer Blüte, die mit demokratischen Verhältnissen nichts gemein hat.
Das Fatale an dem seit Jahrzehnten in den westlichen Demokratien grassierenden Wirtschaftsliberalismus ist ein gravierender Verfall dessen, was man in Zeiten vor dem semantisch-mentalen hochtrabenden Niedergang die Volksbildung genannt hat. Ursache dafür sind nicht nur die Vernachlässigung der staatlichen Bildungsinstitutionen, sondern auch die familiären und sonstigen sozialen Verhältnisse, die im Produktionsprozess des Kapitals geschreddert wurden, sondern auch das, was als Common Sense zu klassifizieren wäre. Der Stellenwert der Gemeinschaft ist bis auf die nur noch schattenhaft identifizierbaren Grundmauern niedergebrannt.
Es herrschen Mystifikation und Tautologie, die Köpfe der Menschen gleichen mehr und mehr den Regalen in den Hyper- und Supermärkten, die kaum noch nach Ordnungsprinzipien sortiert sind, die Notwendigkeiten oder Kausalitäten erkennen lassen. Alles ist schön bunt und lustig, das, was das tatsächliche Leben mit seinen basalen Bedürfnissen und einer notwendigen Sozialstruktur ausmacht, ist verwischt und verbirgt sich hinter einem Warenangebot, dessen Nutzen nicht einmal mehr in Frage gestellt wird.
Sieht man sich die politische Lage auf dem Planeten und die Darstellung dieser Verhältnisse in dem bestehenden politischen System dazu an, dann fällt beim ersten Blick bereits auf, dass es keine qualitativen Kriterien für das eigene Handeln gibt. Das einzige Maß ist der vermeintliche Nutzen. Letzterer ist reduziert auf eine atomisierte Elite, die sich sicher glaubt, exklusiv nach dem eigenen Gutdünken alles zu rauben und verramschen zu können, was ihrem Gusto entspricht. Die Vollendung der Despotie hat sich legal in den Systemen des sich selbst demokratisch nennenden Westens gezeigt.
Wer maßt sich an, angesichts dieser Verhältnisse, noch irgendwo mit einem moralischen Zeigefinger auf andere Entitäten zu deuten? Nur derjenige, der im Rausch der Vollendung meint, er sei der immerwährende Herrscher der Welt. Auch da, so muss konstatiert werden, ist es nicht weit her mit der Bildung. Denn nach dem Zustand relativer Ruhe folgt, zumindest das kann getrost als ein historisches Gesetz betrachtet werden, eine Phase rascher Veränderung. Nichts bleibt so, wie es ist.
