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Ostenmauer – 30. Im Quartier

Es begann mit einer Begebenheit, die alltäglich erschien. Just in dem Moment, als die koreanische Opernsängerin aus der Nachbarschaft sich zum tausendstel Male in ihrer Wohnung warm sang, bevor sie sich zu den offiziellen Proben im Theater begab und die Tonskalen hoch und runter stieg, erschien auf einem der Balkons im Hinterhof eine beleibte Frau, mit nichts als einem bunten Küchenkittel aus Kunststoff bekleidet und einem großen Messer in der Hand und die laut schnaufend schrie, jetzt reicht es, heute bringe ich sie um, da schien im Viertel ein Stein ins Rollen geraten zu sein. Obwohl viele, die die rasende Frau sahen oder hörten, schmunzeln mussten, und obwohl die Sängerin aus dem geduldigen Asien wahrscheinlich von der Drohung gar nichts mitbekommen zu haben schien, gab die gute Frau ein Signal auch für andere.

Da war der im Nachbarhaus, den alle das Halbblut nannten, der es schon seit Jahren nicht ertrug, dass wiederum sein Nachbar, seinerseits ein schicker Architekt mit exquisiten Designvorstellungen, seine Balkontür, die ganz banal einfach nur klemmte, wiederum zuschlug, dass das ganze Haus wackelte. So, dachte da das Halbblut, jetzt reicht es mir auch, heute bekommst du es besorgt. Daran wirst du lange denken. Dabei rannte er in sein Wohnzimmer und schaltete seine Musikanlage an, an die er erst vor kurzem mannshohe Boxen angeschlossen hatte, die wirkten wie Wachtürme einer Anstalt und über dessen Anschaffung dessen Frau wiederum die Scheidung ins Spiel gebracht hatte. Bevor er eine CD einlegte, fuhr er den Lautstärkeregler bis zum Anschlag hoch, dann wählte er, mit eiskaltem Kalkül, eine CD von ACDC, die er, wie es schien, schon vor Jahren nur gekauft hatte, um diesen Tag irgendwann einmal zu zelebrieren. Er legte die Scheibe ein und wählte Hells Bells. Da er wusste, dass die Frau des Architekten zuhause war, die es an den Nerven hatte, war er sich seiner Sache ziemlich sicher. Das letzte, was er noch von der Außenwelt vernahm, war, dass die Dicke hinten auf dem Balkon immer noch krakeelte und sich nun zu Beschimpfungen wie dem Ausdruck Bambusratte hinreißen ließ. Doch dann erklangen schon die Totenglocken, die alles übertönten.

Als bereits die ersten Gitarrenriffs aus den überdimensionalen Boxen stoben, waren aus der Architektenwohnung bereits die ersten Entsetzensschreie zu hören. Das Halbblut ging derweilen aufs Klo und lachte sich eins. Als das Stück vorbei war, hatte die Galionsfigur vom Balkon einen zweiten Feind auserkoren und schrie etwas von der zunehmenden Bagage im Viertel, während aus der Architektenwohnung lautes Wehklagen der Frau zu vernehmen war, das sich immer wieder in der Nennung des Namens ihres Mannes ausdrückte. Es war schlicht der Hilfeschrei einer verlorenen Seele. Das Halbblut rannte wieder zu seiner Anlage und gab der den Befehl, dass die gelungene Übung wiederholt werden soll. Beim einleitenden Glockenklang klingelte es bereits an seiner Wohnungstür. die er sogleich lächelnd öffnete. Vor ihm stand der Architekt, der mit offenem Mund nach Worten rang wie ein Karpfen an Land nach Luft. Das Halbblut blieb freundlich, und bedeutete dem Architekten durch Gesten, dass es ihn leider nicht verstehe, worauf dieser wild gestikulierend wieder verschwand. 

Schräg gegenüber saß der Inhaber der Heiratsagentur für Best Ager, dessen Geschäft brummte wie nie, wie gewohnt auf den Stufen, die von der Straße zu seinem Büro führten, und rauchte seine Morgenzigarette. Er grinste in sich hinein und wusste gleich, worum es ging. Wenn jemand eine Idee davon hatte, was sich in den Häusern und Straßenzügen dieser Gegend abspielte, dann war es er. Wie bestellt lief sein alter Schulfreund, den alle die Oma nannten, an ihm vorbei und fragte sogleich, was denn da drüben los sei. Der Agent lachte nur und sagte, heute ist Zahltag, wer weiß, was da noch kommt. Im gleichen Moment erschien der neu hinzugezogene Kickboxer, der mit einem schwäbischen Model liiert war, auf seinem Balkon und schrie nur Geile Mucke und lachte ebenfalls. 

Die Dicke ihrerseits war bereits vom Balkon verschwunden, es schien bei der Bedrohung geblieben zu sein, vielleicht auch, weil die koreanische Sängerin längst aufgehört hatte. Auch Halbblut hatte seine Anlage abgeschaltet und es war wieder relative Ruhe eingekehrt. Nur die Frau des Architekten war mit einem Wimmern zu vernehmen. 

Auch in toleranten Milieus herrscht zuweilen das Ressentiment