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Die Welt liegt im Detail

Zwei Beispiele der jüngsten Tage sind in hervorragender Weise dazu geeignet, sich mit der Berichterstattung durch die öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten sowie der Massenrezeption im Internet zu beschäftigen. Beide Fälle sind durch Audio-Beiträge auf diesem Blog illustriert und insofern nachvollziehbar. Und in beiden Fällen geht es darum, wie es meines Wissens vor vielen, vielen Jahren Hans Werner Richter einmal in einem kleinen Büchlein nannte, wie eine Meinung in einem Kopf entsteht. Der erste Fall ist die erste offizielle Pressekonferenz von Donald Trump in Washington und im zweiten Fall die moralische Entrüstung Meryl Streeps über Donald Trump anlässlich der Verleihung der Golden Globes. Beide Beispiele dokumentieren den Umgang mit Information und den Grad von Inszenierung, um bestimmte Wirkungen zu erzielen.

Im Falle der Pressekonferenz waren es im öffentlich-rechtlichen einmal wieder alle, aber ganz besonders das heute journal, dass sich diese Pressekonferenz vornahm und aus einer einstündigen Veranstaltung 90 Sekunden herauspickte, um Donald Trump als einen cholerischen, unberechenbaren und ungesitteten Zeitgenossen darzustellen. Es ging in dieser Sequenz darum, dass Trump den Vertreter von CNN nicht zu Wort kommen ließ und ihn als Produzenten von Falschmeldungen bezeichnete. Das wäre dann skandalös, wenn begründeter Verdacht gegen Trump vorläge und er dadurch die Wahrheitsfindung behindern wollte. Es wird nur dann kurios, wenn man bedenkt, dass Trump eben auf dieser Pressekonferenz in aller Ruhe und Besonnenheit auf den Verdacht einging, gegen ihn könnten kompromittierende Bilder aus Moskauer Hotels vorliegen, mit denen er von russischer Seite erpressbar sei. Trump selbst schildert jedoch in dem Interview, dass ihm die Gefahr der Observierung z.B. in Russland immer bewusst gewesen sei und er sogar für alle Vertreter seiner Unternehmen Guidelines herausgebracht habe, in denen das thematisiert und ausdrücklich ein vorbildhaftes Verhalten gefordert sei. In diesem Kontext ist der Vorwurf an den Vertreter von CNN, Produzent von Falschmeldungen zu sein, nicht mehr ganz so abstrus, sondern eher nachvollziehbar. Alle anderen Aussagen der Pressekonferenz wurden ausgeblendet und nicht darüber berichtet, obwohl daraus einige Klarheit über die politische Agenda hätte entstehen können. Das ZDF begnügte sich damit, Stimmung zu machen. Hetze statt Journalismus, in wessen Auftrag und Interesse?

Meryl Streep hingegen flogen die Herzen im Netz zu, weil sie bei ihrer Dankesrede für die Verleihung eines Golden Globes den Tränen nahe darüber berichtete, dass es ihr das Herz gebrochen habe, wie Donald Trump sich über einen Behinderten lustig gemacht habe. In einem Format unter dem Titel The Rebel wird die Angelegenheit jedoch aufgeschlüsselt. Zum einen hatte Donald Trump tatsächlich einen Journalisten attackiert, der eine verkrüppelte Hand aufweist, aber ansonsten ein durch keinerlei Einschränkungen gehandikapter Mensch ist. Die Reaktion, auf die sich Streep bezog, ein etwas irres sich Schütteln, um den Sinn zu erfassen, lässt sich jedoch in sehr vielen unterschiedlichen Beiträgen Trumps ausmachen und wird einem interaktiven Habitus zugeschrieben, der unter New Yorkern derzeit nicht untypisch ist. Meryl Streep, übrigens während des Wahlkampfes aktiv für Hillary Clinton unterwegs, hat sich als Schauspielerin auch in diesem Falle bewährt. Sie hat dokumentarische Fragmente so inszeniert, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Der Rapper AnOmaly, der ihre Bigotterie nach diesem Auftritt scharf aufs Korn nahm, hatte übrigens in den folgenden Stunden sieben Millionen Klicks.

Wie diese beiden Beispiele zeigen: Die Welt liegt im Detail. Und unabhängig von einem Statement über Donald Trump ist es notwendig, sich aktiv dem Kampf gegen die neuen Mystiker anzuschließen. Dass sie Unheil anrichten, ist auf jeden Fall erwiesen.

Die politische Berichterstattung bleibt ein Problem

Internationale Jahrestage mit hohem Symbolwert eignen sich in besonderer Weise, um Vergleiche anzustellen. Wie gehen einzelne Länder damit um und wie wird darüber berichtet? Vor allem die Berichterstattung über den 8. Mai hierzulande ist aufschlussreich. Sie zeigt, dass das Unbehagen über den deutschen Journalismus und die deutsche politische Berichterstattung zu Recht herrscht und dass die Kritik daran zu zahm ist. Der Umgang mit dem Datum hierzulande entsprach teilweise dem, was historische Vorlagen zu leisten vermögen, und teilweise dem, was die aktuelle politische Agenda daraus zu machen suchte. 

Den kapitalen Bock schoss in diesem Kontext der emeritierte Historiker Heinrich August Winkler, der aufgrund seiner Publikationen zur jüngsten deutschen Geschichte eine bestimmte Reputation genießt. Er ward in den Bundestag geladen, um dort in einer Feierstunde über den Krieg und die Schuld der Deutschen zu referieren. Dass er, en passant, dabei die Annexion der Krim durch Russland als eine Zäsur in der europäischen Nachkriegsgeschichte bezeichnete, disqualifizierte ihn als Historiker. Solche sollten wissen, dass Politik auch die Reibung von Mächten ist, die miteinander um Einfluss konkurrieren und es zu jedem dieser Akteure ein Pendant gibt. Aber der Mann ist emeritiert und kann zumindest im Tagesgeschäft mit Studierenden diesen Unsinn nicht mehr platzieren. 

Der Aufreger in der medialen Berichterstattung waren jedoch die Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag der deutschen Kapitulation in Moskau. Die Parade am Roten Platz sei die größte Waffenschau in der Geschichte Russlands gewesen und Putin, ohne Personalisieung auf diesen einen Mann im Falle Russlands wird nicht mehr eine Zeile produziert, Putin sei ziemlich alleine gewesen. Ja, viele westliche Staatsoberhäupter hatten abgesagt, womit sie das Changieren im Weltgefüge beschleunigt haben. Die mächtige Präsenz eines chinesischen Blocks, auch auf der Parade, beendete offiziell den Zwist beider Länder und dokumentierte ein neues, politisches, wirtschaftliches und militärisches Machtbündnis Bündnis. Europa und seine edlen Motive liegen nun auf dem Hof sklerotischer Tea-Party-Hunde. 

Da der russische Präsident Putin eine Rede hielt, in der er weder Großmachtansprüche formulierte noch den Fehler beging, zu enthistorisieren, taugte sie nicht zu Propagandazwecken. Putin hatte die Opfer des Krieges und des Nazismus gewürdigt, darunter seine 27 Millionen Landsleute, aber auch die Opfer in Deutschland selbst und er hatte den Widerstand vieler Deutscher gegen den Nazismus erwähnt. Wovor er warnte, das war eine Welt mit, wie er sich ausdrückte, monopolaren Strukturen und er plädierte für ein internationales Sicherheitssystem, in dem das Prinzip der Gleichberechtigung der Beteiligten gelten müsse. 

Statt diese Vorschläge aufzugreifen und zu einem Thema diplomatischer Optionen zu machen, machte sich vor allem einmal wieder das heute journal vom ZDF über die Moskauer Feierlichkeiten lustig. In einem gewaltigen Menschenzug, in dem alle Bilder von Opfern aus der eigenen Familie mit sich trugen, die in diesem Krieg umgekommen waren, lief auch Präsident Putin mit einem Bild seines Vaters mit. Kommentar Slomka: Man gab sich volkstümlich. Die Moralistenmegäre mal ganz zynisch. Das sind die Standards, die mittlerweile kaum noch jemand wahr nimmt. Was sie wichtiger fand, oder auch ihre Redaktion, das waren die immensen Kosten der Moskauer Parade. Sage und schreibe 7 Milliarden Rubel habe das ganze Propagandafest gekostet. Donnerschlag! Da werden die Amöben im Publikum sicherlich in Ohnmacht gefallen sein. Rechnet man den Betrag allerdings nach Tageskurs in Euro um, so bleiben noch 122 Millionen übrig. Das entspricht so ungefähr der jährlichen Teuerungsrate der Elb-Philharmonie. Selbst für eine Kontinentalmacht, wie die Weltmachtstrategen in Washington stets betonen, eine übersichtliche Summe.  

Barbarische Reflexe

Die Gegenaufklärung hat sich bis in die Redaktionsräume des Spiegel breit gemacht. Wie anders könnte man sich erklären, dass dort, wie übrigens auch im so drittklassigen Heute Journal des ZDF, ein Wehklagen herrscht über die Säkularisierung der ägyptischen Politik. Wie hatte man sich hierzulande in Medien und offizieller Außenpolitik unter der Vabanque-Marke Westerwelle mit den Muslimbrüdern und ihrem Präsidenten Mursi nach Mubaraks Sturz doch gefreut. Wie hatte man vereint geschwiegen, als letztere ihrem Auftrag, eine Verfassung zu erarbeiten, die für alle Ägypterinnen und Ägypter gelten sollte, nicht nachkamen und stattdessen mit ihrer Nomenklatura ohne jegliche Legitimation die strategisch wichtigen Funktionen in Staat und Gesellschaft besetzten. Wie hatte man doch geschwiegen oder beschwichtigt, als die Pogrome gegen die Kopten einsetzten und wie hatte man sich doch in die Ahnungslosigkeit geflüchtet, als die Hass-Schwadrone der Muslimbrüder begannen, in den Städten gezielte Vergewaltigungen von säkulär orientierten Frauen zu organisieren. Von Standgerichten der Scharia, die zunehmend in der Öffentlichkeit stattfanden, einmal ganz abgesehen.

Als das ägyptische Militär der Systematisierung der in religiösem Gewande daherkommenden Despotie entgegentrat, war die Empörung hierzulande groß. Es wurde von einem Putsch gesprochen, obwohl ausdrücklich daraufhin gewiesen wurde, dass die Interimsregierung den Auftrag habe, schnell eine neue Verfassung zu erarbeiten. Das für die hiesigen Akteure in Kommunikation und Politik Unerträgliche ist nun, knappe sechs Monate später, tatsächlich eingetreten. Seit gestern sind die Ägypterinnen und Ägypter dazu aufgerufen, an einem Referendum über eine neue Verfassung teilzunehmen und ihr Votum abzugeben. Und kaum hat die Interimsregierung ihren Auftrag abgearbeitet, geht die Suche nach Argumenten dagegen los und wird den doch so demokratisch gewählten Muslimbrüdern und ihrem Präsidenten Mursi erneut nachgeweint, als hätte die Geschichte nicht auch schon vorher Diktatoren durch Wahlen hochgespült.

Ägypten ist ein souveränes Land, ja, man sollte ein dankbares Alhamdulillah durchaus und lauthals deklamieren, was es nach dem Sturz der aufkommenden Despotie bewiesen hat, in dem es sich von keinem und niemandem erpressen ließ. Und natürlich werden die Ägypter selbst entscheiden, wie es mit ihrem Land weitergeht. Was uns interessieren sollte ist hingegen die Frage, wie es kommen kann, dass eine anti-demokratische Bewegung, die alles verkörpert, was in unserem eigenen Land als politisch in hohem Maße verroht und unzivilisiert gilt, derartig die Herzen der öffentlichen Meinung erobert hat. Das ist oberflächlich widersinnig, bei näherer Betrachtung zeigt es aber einen Charakter, der tief totalitär ist und alle Reden Lügen straft, die davon zeugen, die Wurzeln einer neuen Diktatur seien hier trocken gelegt.

Das, was zuweilen so flapsig und poppig in der medialen Aufbereitung daherkommt, ist ein tiefer anti-demokratischer Reflex, der derartig barbarisch ist, dass man es gar nicht glauben mag. Die Frage, die sich viele Soziologen seit dem Aufkommen des islamistischen Terrorismus stellen, wie es denn kommen kann, dass gerade die Protagonisten so mancher Todeskommandos mit ihren archaischen Ritualen in westlichen Zivilisationen und Metropolen sogar studiert hätten, diese Frage stellt sich auch für Spiegelredakteure oder Heute-Journalistinnen. Wie kann es denn bei ihrer Sozialisation und ihrem bekundeten Wertecodex sein, dass sie Partei ergreifen für Hetzer, Mörder, Vergewaltiger und Brandstifter? Da muss es sich wohl, wie bei den Terroristen selbst, um die Mobilisierung eines Todestriebes handeln, der rational nur schwer zu erklären, aber keinesfalls zu dulden ist. Wenn diese Herrschaften vom Paradies träumen, dann ist die Demokratie in Gefahr.