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ÖRR: Noch reformierbar?

Man kann sich grämen, man kann sich voller Schamgefühl abwenden oder man kann dem Wahnsinn verfallen. Letzteres gliche der Ursache. Denn anders ist das nicht mehr zu erfassen, was sich die Nachrichtenformate der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten immer einfallen lassen und in die mittlerweile verdunkelte Welt hinausblasen. Gestern war wieder so ein Tag und das heute journal des ZDF hatte, wie sollte es anders sein, einen Experten aus einem der regierungsnahen Think Tanks eingeladen, um ein statt gefundenes Ereignis zu bewerten.

Dabei ging es um den Anschlag auf die Tochter des russischen Geostrategen und Politikberaters Alexander Dugin, seinerseits im Westen vor allem bekannt durch seine jüngste Publikation „Das Grosse Erwachen Gegen Den Great Reset“. Dugin gilt als enger Berater Putins, was ihm bei vielen der westlichen Qualitätsjournalen die Bezeichnung des „Einflüsterers“ verschafft hat. Ziel des Anschlags, so sind sich nicht nur die russischen, sondern auch die westlichen Geheimen Dienste einig, war wohl Alexander Dugin selbst. Er war jedoch auf einer Veranstaltung länger geblieben, seine Tochter hatte stattdessen den PKW genommen und war kurz darauf durch einen Sprengsatz verursacht damit in Stücke gerissen worden.

Die ansonsten stets moralisch schniefende Moderatorin fragte, vom Gesichtsausdruck her eher belustigt, wie denn die Geschichte zu deuten sei. Der Experte nannte drei Szenarien, die existierten: 1. die Version des russischen Geheimdienstes, die den Anschlag mit tödlichem Ausgang der Ukraine zuschriebe, 2. die Tat einer wo auch immer zu verortenden Terrorgruppe innerhalb Russlands und 3. eine vom russischen Geheimdienst selbst inszenierte Operation.

Flink arbeitete der Experte die Wahrscheinlichkeiten ab und nannte die ersten beiden Versionen verschwörungstheoretisch, während die dritte wohl durchaus möglich sei. Lassen wir es uns auf der Zunge zergehen: in einer Nachrichtensendung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens wird allen Ernstes behauptet, der russische Geheimdienst hätte die Tochter eines der engsten Beraters des Präsidenten in die Luft gesprengt, um allen Russen zu zeigen, wer nicht spure, dem blühe Schreckliches. Alle anderen Deutungsmöglichkeiten, die dem staunenden Hörer und Zuschauer zunächst einmal als nicht unwahrscheinlich erscheinen mochten, wurden kurzerhand vom Tisch gewischt, um mit einer richtig geilen Sci Fi Story aufzuwarten, die natürlich voll ins politische Schema der gegenwärtigen Kriegsführung passte. Danach wurde das munter geführte Interview beendet.

Zeitreisen sind ein gutes Mittel, um sich die Entwicklung vor Augen zu führen und die Emotionen aus dem Spiel zu lassen. Und so sei der Vorschlag akzeptiert, sich vorzustellen, dass eine derartige Geschichte, sagen wir, vor 20, 25 Jahren in den öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen hätte stattfinden können. Die Antwort ist eindeutig: Nein, es wäre ein Skandal sondergleichen gewesen, wie Wahrscheinlichkeiten vom Tisch gewischt wurden und abstruse Fieberträume den Status der Faktiziät erlangten. Das Publikum hätte protestiert, die Journalistenkollegen hätten sich positioniert und Intendanz wie Aufsichtsgremien hätten Rede und Antwort stehen müssen.

Der Umstand der gestrigen Entgleisung ist weder unbekannt noch neu. Während sich derzeit, wahrscheinlich auch inszeniert, alles um die Amtsführung einer Intendantin dreht, bleibt der eigentliche Skandal, nämlich die Verwahrlosung des journalistischen Niveaus und die gleichbleibende Parteilichkeit, und zwar stets auf der vermeintlichen Regierungsseite, im Dunkeln bleibt. Mit dem Skandal um eine klebrige Amtsführung meint man, das Augenmerk von einem Zustand ablenken zu können, den ein Großteil der Konsumenten längst enthüllt hat. Und, das sollte jedem klar sein, dem von innen heraus nicht mehr Abhilfe geleistet werden kann. Spätestens die täglichen geschlagenen kriegerischen Propaganda-Volten haben gezeigt, wohin die Reise gegangen ist. Der handwerklich seriöse Journalismus wurde systematisch eliminiert oder gering dosiert als Alibi eingesetzt, während der ganze Dreck der Propaganda nach oben geschleudert wurde. 

Was meinen Sie, ist das noch reformierter?  

heute journal: “Chinas dreckige Fratze“

Zu sehr haben die Ereignisse an der russischen Grenze die Aufmerksamkeit auf sich gezogen, als dass da noch etwas Beachtung gefunden hätte, was unbedingt in den Fokus muss, wenn das weitere Absinken in die Bedeutungslosigkeit verhindert werden soll. Obwohl das Beispiel der Außenpolitik des Westens gegenüber Russland genügend Material für grandioses Scheitern liefert. Angefangen mit der Reduktion des flächengrößten und eines multi-ethnischen wie multi-kulturellen Landes auf eine Figur, die wie in einem Science Fiction in ihrem Schloss sitzt und mit  dunklen Plänen die Welt in Angst und Schrecken versetzt. So einen Satan muss man natürlich als Scum, wie man im Imperium so angewidert sagt, als Abschaum behandeln und ihn spüren lassen, was man von ihm hält. Die Rechnung ist aufgegangen. Und anscheinend ist die kulturelle Linie in Bezug auf den Umgang mit anderen Ländern, Kulturen und Mächten bei denen, die immer wieder mit dieser monströsen Doktrin scheitern, festgeschrieben wie die Heilige Schrift.

Denn das nächste Beispiel für das genussvolle Waten im Unrat lieferte – wieder einmal –  der ZDF-Korrespondent für China, Ulf Röller, am letzten Sonntag im heute journal zum Abschluss der Olympischen Winterspiele in Peking. Schon zu Beginn hatte er mit einem Propagandastreifen erster Güte mental gegen das Land mobil gemacht. Und nun, zum Abschluss, gewährte ihm Marietta Slomka ein Interview. In diesem tat Röller die gesamte Veranstaltung als inszenierte Propagandaveranstaltung ab und schloss mit den Worten, dass man aber, wenn man genau hingesehen hätte, doch in der Lage gewesen sei, „Chinas dreckige Fratze“ zu erblicken. Die Interviewerin schien durch dieses Abgleiten in einen unflätigen Hetzmodus nicht im geringsten aus der Fassung gebracht worden zu sein und dankte dem Experten für seine Analyse.

Nicht, um die verhängnisvolle Formulierung einmal zu benutzen, dass es an den Ländern aus mitteleuropäischer Sicht nichts zu kritisieren gäbe. Und nicht, dass es aus der inneren Dynamik dieser Länder heraus nicht wünschenswert wäre, dass sich etwas änderte. Aber, ja aber, erstens ist das die Sache derer, die dort leben und zweitens existieren in unseren eigenen Breitengraden derartige Missstände, die beseitigt werden müssen, dass sich ein imperialistisches Missionarentum komplett verbietet. Das, wie hier in unseren Qualitätsmedien bezeichnenderweise nie berichtet, auf internationalem Parkett immer wieder zu unschönen Szenen führt, wenn sich die als politisch verwerflich Beschuldigten dahingehend wehren, dass sie dem Westen die eigenen Vergehen gegen Menschenrechte, gegen Völkerrecht und die Prinzipien der Humanität zu Recht anhand stichhaltiger Beispiele vorhalten.

Wer von euch ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein! Es handelt sich um einen der Kernsätze des Kanons, den das christlich geprägte Abendland für sich reklamiert. Und kaum ein anderer Satz wird durch die tägliche politische wie journalistische Praxis im Erdteil der untergehenden Sonne mehr kontaminiert. Man kann es auch drastischer formulieren, wie es ein Nachbar aus meiner Kindheit, den alle den Militärkopp nannten, immer wieder lautstark zum Ausdruck brachte: Bevor du das Maul aufreißt, bring deine eigenen Sachen in Ordnung!

Treffender kann die Antwort auf den Zustand in der eigenen Lebenssphäre nicht umschrieben werden. Allzuoft ist Diplomatie zu Pöbelei und Journalismus zu Hass und Hetze verkommen. Wo sind die klugen Köpfe? Wo sind die Aufsichtsräte? Das Schamgefühl wird derzeit sehr strapaziert. Ehe wir uns über andere empören, sollten wir unsere eigenen Verhältnisse in Ordnung bringen. 

Heute Journal: Wann wird zurückgeschossen?

Sie haben sich verdächtig nah an die propagandistischen Konstrukte aus der Vergangenheit begeben. Stören tut es momentan anscheinend nur eine Minderheit, die die Analogien zum Vorabend des II. Weltkrieges noch präsent hat. Da war es der Job der SS, mit fingierten Verletzungen der vermeintlich eigenen Souveränität Begründungen für die eigene Aggression zu konstruieren. So überfielen SS-Schergen den deutschen, an der Grenze zu Polen gelegenen Sender Gleiwitz, tarnten sich als polnische Nationalisten, strahlten für vier Minuten ein Programm zur Okkupation deutscher Gebiete aus und verschwanden wieder. Den deutschen Strategen reichte das, um später über alle Sender den berühmten Satz zu verkünden: Seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen. Es war der Beginn des II. Weltkrieges.

Vor einigen Tagen verlas die Nachrichtensprecherin des heute Journals die Meldung, dass an der Grenze der EU beunruhigende Manöver seitens Russlands und Weißrusslands stattfänden, was in NATO-Kreisen zu großer Besorgnis geführt habe. Was nicht gemeldet wurde, war die Tatsache, dass die Manöver auf weissrussischem und russischem Hoheitsgebiete stattfanden und insofern als eine im Völkerrecht als Verteidigungsmaßnahme akzeptierten Rahmen stattfanden, während die Frage, was die EU und die NATO an der Grenze der beiden genannten Staaten zu suchen haben, nicht gestellt wurden. 

Gestern nun wurde, wiederum im heute Journal,  über das Zerwürfnis zwischen Frankreich und Australien im Zusammenhang mit dem geplatzten U-Boot-Geschäft berichtet. Die Gründung des AUKUS-Paktes, einer im Pazifik operierenden Militärallianz zwischen den USA, Großbritannien und Australien, wurde mit der wachsenden Aggressivität Chinas im südchinesischen Meer begründet. Man sprach dabei nicht von chinesischen U-Booten im Golf von Mexiko, sondern von amerikanischen U-Booten im südchinesischen Meer, die sich durch chinesische Seestreitkräfte gestört fühlen. Und in diesem Kontext sprach wieder einmal im gleichen Format eine Vertreterin von als seriöser Quelle eingestuften nebulösen Think Tanks davon, dass die verstärkte Konzentration der USA auf den Pazifik nun dazu führe, dass die Europäer sich nun selbst verstärkt um ihren „Hinterhof Russland“ kümmern müssten. 

Durch die Umwertung geographischer Begebenheiten und nationaler Souveränitätsbereiche werden in einem Format des öffentlich-rechtlichen Fernsehens nach Art kriegsvorbereitender Propaganda die Nachrichten gestaltet. Befänden wir uns in einer tatsächlichen Republik, dann wären die Ermittlungsbehörden bereits aktiv und würden den dortigen Redakteuren wegen Volksverhetzung das Handwerk legen. Hier wird es, inmitten eines Bundestagswahlkampfes, ohne auch nur eine Gegenrede geschluckt. Es dokumentiert die Verwahrlosung, die sich in den Institutionen dieses Gemeinwesens bereits breit gemacht hat und die zeigt, dass zumindest in diesen Institutionen keine demokratische Substanz mehr vorhanden ist, um den Produzenten systematischer Fake News, den Hasspredigern, den verkappten Rassisten und offenen Kolonialisten das Handwerk zu legen.

Man fragt sich, was denn die Aufsichtsräte, in denen Vertreterinnen Vertreter aus Parteien und Verbänden sitzen, dort eigentlich machen? Sind sie, hypnotisiert von üppigen Kuchenbuffets, eigentlich noch ihrer Aufgabe gewachsen? Oder hat die tägliche Hirnwäsche bereits dazu geführt, dass sie tatsächlich an das glauben, was in den dortigen Giftküchen produziert wird?

Ihrer Aufgabe kommen weder sie noch die Ermittlungsbehörden nach. Das, was man republikanische Substanz nennen muss, ist in einem Land, das zunehmend im Rausch lebt, andere bekehren zu müssen, nicht mehr vorhanden. Tiefer kann ein Staat nicht sinken.