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Ostenmauer – 60. Herbst 1989 – 2. Die Flucht

2. Die Flucht

Menschen fliehen, wenn Gefahr droht. Bei der Massenflucht aus der DDR handelt es sich um die Gefahr, dass die Zustände, die seit Jahren bestehen, so bleiben, wie sie sind. Die Tristesse des realsozialistischen Alltags ist das Movens für den Exodus vieler junger Menschen. Sie wittern zu Recht die Gefahr, ihre Lebensperspektive unter einer desolaten, zynisch operierenden Despotie entwickeln zu müssen. Es darf nicht daran gezweifelt werden, dass die Lösung, sich der Sphäre  zynischer Unterdrückung zu entziehen, Verständnis verdient. Denjenigen, die den Fliehenden hier aus der Perspektive des Westens vorwerfen, sie machten es sich zu leicht, sollte man vielleicht den ehemals revanchistischen Rat geben, sie sollten doch rüber gehen. Dennoch ist in der Tat festzustellen, dass die Bleibenden revolutionärer denken.

Die Botschaft der westdeutschen Vertretungen in Budapest, Prag und Warschau lautet nichts anderes als „Unser Haus steht Euch offen!“ Nicht mehr und nicht weniger. Es muss als fatale Fehlinterpretation zurückgewiesen werden, wenn suggeriert wird, mit der Flucht in die bundesrepublikanischen Botschaften hätten die Bürgerinnen und Bürger der DDR ein Votum für den real existierenden Kapitalismus abgegeben. Wer das glaubt, unterliegt der Mystifikation westbourgeoiser Propaganda. Die Kritik an Herrschaftsmechanismen ist durch die geografische Veränderung nicht erloschen. Analysiert man die Aussagen vieler Flüchtlinge, so tendiert die Kritik gen Stalinismus, nicht gegen Sozialismus.

Die degoutante Vorgehensweise des Auswärtigen Amtes, die Lage der in Schlammlagern zusammengepferchten Nonkonformisten zu Propagandazwecken auszunutzen, während gleichzeitig Asylsuchende aus dem Nahen Osten in einem Kühlwagen ihrer Abschiebung entgegen frieren, steht auf einem anderen Blatt. Es darf aber auf keinen Fall als Identifikation mit denen in Prag oder sonstwo gelesen werden. Wer so denkt, spaltet und blockiert den Weg zur Schaffung rechtlich verbriefter kultureller Konkordanz. Es ist höchste Zeit, die Geflohenen solidarisch in die Arme zu nehmen. 

Herbst 1989 – 2. Die Flucht

Ostenmauer – 59. Herbst 1989 – 1. Das Fest

  1. Das Fest

Das letzte Bacchanal einer morbiden Gerontokratie! Dabei sollte das ganze Volk der sozialistischen deutschen Nation auf den Straßen tanzen. Doch Tausende desselben zogen es vor, über Ungarn, die Tschechoslowakei oder Polen die Mücke zu machen. An Zahl und Mut wesentlich größer, gingen zum anderen Hunderttausende auf die Straßen zu Berlin, Dresden, Leipzig, Erfurt, Gera, Jena etc., um gegen die Sturmreihen von Schlagstöcken und Wasserwerfern des real existierenden Sozialismus die Parole der Freiheit zu halten, verbunden mit der Drohung: „Wir bleiben hier!“

Für die herrschende, politisch völlig ausgebrannte Despotenclique handelte es sich bei den Protestierenden lediglich um asoziale Randalierer und Querulanten. Wem fällt da nicht das kluge Wort Brechts ein, das er schon vor sechsunddreißig Jahren gegen die gleiche etatistische SED richtete, wenn der Regierung das Volk nicht mehr passe, solle sie sich doch ein anderes wählen?

Es entbehrt nicht einer überaus bitteren Ironie, dass die abgefeimteste Version der orientalischen Despotie an ihrer westlichsten Gemarkung ihre Physiognomie dermaßen dreist über den Zaun streckt. Ein Apparat, dessen Funktionsweise beschrieben werden kann als ein höchstenfalls noch kriminologisch interessantes Ineinandergreifen von post-feudaler Nomenklatura und preußisch-repressiver Buchführung. Der Absolutismus der SED-Führung beruft sich klassisch dezisionistisch auf die Maxime, dass alles, was ist, auch sein soll und deswegen legitim ist. Die Unmöglichkeit eines Dialogs mit einer solchen Position ergibt sich von selbst. Der Widerspruch SED – Volk ist zu einem in klassischem Sinne antagonistischen geworden. Die Hegemonie der Liquidatoren jeglicher Art von Dialektik schließt das Postulat nach Freiheit aus.

So musste das gebeutelte Berlin, das eigentlich die berühmte Schnauze von Fackelzügen gestrichen voll haben sollte, einen mehrstündigen Aufmarsch der SED eigenen Claque, genannt FDJ, ertragen. Während überall in der DDR das Blut aus den Platzwunden spritzte, schwor die Parteijugend ewige Treue auf das sozialistische Vaterland. Im Anschein dieses Szenarios waren wir alle Zeitzeugen eines historisch seltenen Kuriosums: Honecker stand im Palast der Republik am Grab seines abgewirtschafteten Clans und hielt seinen eigenen Nekrolog.   

Herbst 1989, Das Fest

Und der Zukunft zugewandt? Texte aus dem Herbst 1989/8

8. Die Zeit drängt

Die Maske fällt. Der gute Onkel aus dem Westen beginnt sein wahres Gesicht zu zeigen. Jetzt, wo es darum ginge, die laute Propaganda durch Taten zu verifizieren, wird deutlich, dass Hilfsangebote an die DDR seitens der BRD nur in Form von Junktims dargeboten werden. Wenn Kredite gegeben werden sollen, dann hat dies und das zu geschehen, natürlich Privatisierung, natürlich Währungsreform nach bestimmten Vorgaben, und es wird sich noch vieles finden, um den Aufkauf der DDR vorzubereiten und sie politisch zu demütigen. Es wird noch festzustellen sein, und zwar sehr viel schneller als von vielen angenommen, dass die Rudimente der ehemaligen SED-Autokratie größere Interessenkongruenzen mit dem BRD-Kapital aufweisen als angenommen, die Volksbewegung der DDR den Plänen des westlichen Finanzkapitals hingegen diametral entgegensteht.

Das ebenso in der Agonie liegende , staatsmonopolistische Regime in der Tschechoslowakei versucht, die Totenglocke mit dem Schlagstock zum Schweigen zu bringen. Auf der Demonstration vom 17. November wurden Teilnehmer totgeschlagen, der uniformierte Mob sprang für die abgehalfterten Bürokraten in die Bresche. Sie werden die Macht des Volkes nicht mehr bändigen, jeder Schlag auf das Haupt eines Demonstranten wird nur die Wucht der Gegenbewegung erhöhen. 

Die Berichterstattung der BRD-Medien über die Ereignisse des 17. November zu Prag wäre sicherlich nicht schlecht, wenn da nicht noch ein die Funktion derselben enthüllendes Ereignis im eigenen Land wäre. In derselben Nacht, in der in Prag mehrere Menschen wegen ihres Freiheitswillens zu Tode geprügelt wurden, gab es in Göttingen ein ähnliches Opfer. Eine vierundzwanzigjährige Studentin, die in Auseinandersetzungen mit seit langer Zeit in dieser Region ihr Unwesen treibenden Faschisten verwickelt war, wurde von herbeieilenden Polizisten eingekesselt. Ihr blieb nur eine Fluchtschneise, nämlich der Weg über eine stark befahrene Straße, auf welcher sie von einem Fahrzeug erfasst wurde und ums Leben kam. Die nach Osten kritische Presse, der Funk und das Fernsehen notierten diesen politischen Skandal, der die Deckung von aufkommendem Faschismus durch staatliche Institutionen wieder einmal deutlich machte, lediglich en passent, als handele es sich um ein entwendetes Fahrrad,

Die Ereignisse in den als osteuropäisch bezeichneten Staaten beginnen für das herrschende Offizierscasino der politischen Macht die Funktion des Sandmännchens einzunehmen. Die Position dieser Gesellschaft wird täglich deutlicher. Es ist an der Zeit, den Weg der DDR-Rebellen durch eine Aktivierung der hiesigen Attacken auf die Politik der Bundesregierung zu eskortieren. Gelingt dies nicht, werden wir hier noch zu büßen haben, dass unsere Brüder und Schwestern im Osten den Mut hatten, aufzustehen und zu kämpfen…